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Fluchtwege – vom Versuch, sich zu entkommen

dscf4552Lenken wir unsere Aufmerksamkeit überwiegend in unser äußeres Leben, dann kann es passieren, dass wir den Kontakt zu uns verlieren. Haben wir die Verbindung zu uns verloren, dann leiden wir, nehmen eine Opferhaltung ein, fühlen uns zunehmend gestresst, überfordern uns, werden müde und depressiv oder reduzieren unser Leben auf ein erträgliches Minimum. Dann kann es uns schwer fallen, Entscheidungen zu treffen, gesund zu bleiben oder innere Stärken zu leben.

Oft kommen Menschen nur durch eine große Not, Krisen oder durch Krankheit wieder in Kontakt mit ihrem Inneren. Eine andere Möglichkeit kann es sein, sich im Alltag freiwillig, immer mal wieder nach innen zu wenden.

Die Türen zur Innenwelt stehen immer offen

Sich seinem Innenleben zuzuwenden, ist im Grunde nicht schwer, denn es gibt keine Hürde, keine Sperre oder irgendein anderes Hindernis auf dem Weg nach Innen. Nur unsere eigene Vermeidung kann uns am Kontakt mit uns selbst hindern.

Der Weg nach Innen ist leicht. Wir lassen erst einmal alle äußeren Aktivitäten sein, suchen einen ungestörten Ort und kommen zu uns. Wir schließen unsere Augen, atmen tief durch und nehmen uns wahr. Wir spüren unsere Körperempfindungen, die unterschiedlichen Gefühle und können nachschauen, was in unserem Kopf so vor sich geht. Entspannen oder lassen uns tief in unseren Körper hinein sinken. Vielleicht nimmt uns jemand mit auf eine innere Seelenbilderreise. Wir können Musik auf uns wirken lassen, visualisieren Farben oder Situationen, lauschen der Stille oder sitzen einfach mit offenen Augen ruhig und aufmerksam da. Vielleicht stellt uns jemand eine Frage, berührt unseren Körper oder wir machen bewusste Körper- und Atemübungen.

All das kann uns helfen, zurück in unser innerstes Seelenleben zu finden. Entweder ganz für uns allein oder zusammen mit der stärkenden und unterstützenden Hilfe anderer Menschen. Intensivere Phasen der Einkehr über mehrere Tage oder in einer Gruppe können sehr hilfreich sein, offen zu bleiben, unsere Wahrnehmung zu schulen und uns in unseren geistig-seelischen Bereichen mehr und mehr zu Hause zu fühlen.

Beängstigend – der Schatten

Der unbewusste Teil unseres Inneren lebt ein zurückgezogenes Schattendasein. Schatten entsteht dort, wo wir den Kontakt zu uns verloren haben. Diesem zu begegnen, kann große Widerstände in uns auslösen. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit nach Innen, stoßen wir vielleicht sofort auf Unruhe, diese kann zu unserem Selbstschutz gehören, aber auch auf ein Unvermögen innerer Verarbeitung und auf inneres Leid hinweisen. Wir treffen vielleicht auf viele widersprüchliche innere Anteile. Das können kindliche, trotzige, verurteilende, angriffslustige, zornige oder überhöhte Anteile sein, die alle etwas anderes wollen. In unseren geistig-seelischen Bereichen befinden sich auch die Ursachen vieler körperlicher Beschwerden. Und natürlich all die alten Verletzungen, unerfüllte Sehnsüchte oder längst vergessene Gefühle, wie Schuldgefühle, Verlorensein, Wertlosigkeit, Unverbundenheit, Traurigkeit oder Einsamkeit.

Wir können auch an gewaltige Blockaden stoßen, dort, wo wir große seelische Erschütterungen erlebt haben oder mit denen aus unserer Familie verbunden sind. Es gibt auch Menschen, die innerlich nur Leere wahrnehmen. Leere kann ein Schutz, Selbstverlust oder ein Schock sein und auf emotionale Vernachlässigung hinweisen. Alle Wesenszügen die wir wahrnehmen, ob positive oder negative, brauchen unsere uneingeschränkte Offenheit. Nur so sind wir in der Lage, sie zu integrieren, dann können sie heilen und wir uns freier entfalten.

Beeindruckend – die Sonnenseite

Unser Innenleben hat auch noch eine ganz andere Seite. Wir können viele Fähigkeiten und Begabungen darin entdecken. Vielleicht erleben wir, wie viel Liebe in uns steckt oder dass uns nichts wirklich schockieren kann, weil unsere Seele alt, erfahren und weise ist. Da kann eine große Verantwortungsbereitschaft auftauchen und ein starkes Mitgefühl zu spüren sein. Vielleicht nehmen wir wahr, wie sensibel unser Feingefühl unsere Umgebung abtasten kann, wie kraft- und lustvoll unsere Lebendigkeit ist, wie genau unsere Beobachtungs- und Organisationsgabe ausgeprägt ist, wie intelligent wir Informationen vernetzen können und vielleicht entdecken wir eine zutiefst liebende Verbundenheit mit unseren Mitmenschen. Es kann sich auch ein ausgeprägtes Gespür für Stimmigkeit oder ein intensiver Gerechtigkeitssinn zeigen. Unsere Genussfähigkeit kann von uns gefunden und gelebt werden und unsere Kreativität legen wir ebenfalls durch Selbstbesinnung frei.

Und ganz tief in uns, jenseits vom Denken, Fühlen und jedem körperlichen Ausdruck, existiert unser tiefstes Wesen. Unser Ursprung, die Quelle unseres Daseins und unserer Kraft, reines Bewusstsein, eine intensive uneingeschränkte Energie, die formlos und unvergänglich ist. Da sie das ist, was wir in Wirklichkeit sind, können wir sie nicht verlieren, müssen uns aber auch nicht um sie bemühen. Das Selbst kann sich in dieser Welt nicht manifestieren. Hier, in dieser Welt, wird es immer nur in irgendeiner Form wahrnehmbar sein. In der Form suchen wir oft nach unserem Selbst, doch wir werden es dort nie finden. Im Zustand des Selbstes sind wir das Höchste. Alles ist in uns, doch wir bleiben jenseits davon. Hier endet unsere Reise ins Innere. Das Selbst kann uns berühren, wenn wir bereit sind und dann gehen wir darin vollkommen auf.

Guten Morgen äußere Welt!

Das äußere Leben können wir wie einen Film betrachten, der am Morgen beginnt und am Abend endet. Wenden wir uns diesem Film zu, dann sorgen wir dafür, dass es Frühstück gibt, putzen Zähne, duschen und denken dabei unentwegt vor uns hin, wir hören den Kindern zu, unterhalten uns, arbeiten, gehen einkaufen, halten Haus und Garten sauber, treffen Freunde, machen Sport, fahren von A nach B, wir folgen unseren Ansprüchen und Vorstellungen, funktionieren und erfüllen all die Bedürfnisse und Wünsche, die in uns immer wieder nachwachsen.

Und wenn uns das alles zu viel wird oder wir einfach nur runter kommen wollen, dann zerstreuen wir uns, lenken uns ab, putschen uns auf oder betäuben uns. Wenn unserem Geist-Körper-System unsere Lebensweise zu viel wird, dann versucht es sich durch Krankheit, Zurückgezogenheit, Verdrängung, Ablehnung und Schwere wieder zu stabilisieren. Auf diese Weise entwickeln wir Süchte, Abhängigkeiten und produzieren unbewusst all die inneren und äußeren Zustände, denen wir eigentlich entkommen wollten.

Haben wir Beziehungen, die schwierig und unglücklich verlaufen, dann haben wir nicht gelernt, eine gute tiefe Beziehung zu uns selbst aufzubauen. Automatisch treffen wir dann Menschen, die ebenfalls keine tiefere Bindung zulassen können. Zudem projizieren wir unseren Schatten auf den Gegenüber und bekämpfen oder lehnen ihn im Anderen ab. Oft versuchen wir in unseren Beziehungen etwas zu bekommen, das uns fehlt. Doch dafür sind Beziehungen nicht geeignet. Denn wenn ein Mensch versucht, den Mangel eines anderen zu beseitigen, dann geht er weg von sich oder opfert sich auf. Wenn wir aufgefüllt oder vervollständigt werden wollen, dann hilft nur die Verbundenheit zu uns selbst. Wenn wir andere auffüllen oder vervollständigen wollen, dann ist das ebenfalls ein Zeichen dafür, dass uns die Verbindung zu unserem Inneren abhanden gekommen ist.

Benutzen wir unser äußeres Leben, um unserem Innenleben zu entkommen, dann geht es uns irgendwann schlecht und wir werden krank, weil wir uns immer weiter von unserer Lebenskraft entfernen. Wenden wir uns regelmäßig bewusst unserem Inneren zu, dann werden wir selbstbewusster, konzentrierter, leben gesünder, sind fürsorglicher mit uns und lösen Probleme nachhaltig, und zwar: von innen nach außen. Wenn wir nicht mehr fliehen, ausweichen oder uns fürchten müssen, dann können wir uns als Quelle wunderbarer Kräfte wahrnehmen. Dann sind Beziehungen für uns die Gelegenheit, uns mit uns selbst zu befassen, um Abgetrenntes zu integrieren, etwas zu lernen, zu reifen und den Weg zu unserem Selbst frei zu räumen. Dann dient uns unser äußeres Leben dazu, unsere Fähigkeiten und Begabungen weiterzugeben, wodurch sie immer intensiver werden, uns erfüllen und uns andauernd aufs Neue bei uns ankommen lassen.

Schuldgefühle – die treibende Kraft ins Unglück

DSCF4051Schuldgefühle sind sehr verbreitet, fühlen sich äußerst unangenehm an, machen unklar, inkonsequent und aggressiv.

In meiner Arbeit konnte ich beobachten, dass Schuldgefühle immer dann entstehen, wenn unsere Persönlichkeit den sogenannten „grünen Bereich“ der Seele verlässt:

  • wenn wir die Liebe zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen verloren haben,

  • wenn wir uns vom Leben abwenden,

  • wenn wir etwas (nach unserem persönlichen Wertesystem) negatives und falsches tun und uns dafür abwerten,

  • wenn wir uns von etwas, was wir lieben, absichtlich abgeschnitten haben,

dann fühlen wir uns: verkehrt, ungenügend, elend, bedrückt oder einfach falsch und schlecht.

Der „grüne Bereich“ der Seele ist: Einheit, Vollkommenheit, Harmonie, Liebe, Kreativität, Wohlwollen, Freude und Wahrheit.

Da wir uns natürlich nicht ständig im „grünen Bereich“ aufhalten, also nicht unentwegt in liebender Annahme und in wertfreier Verbundenheit mit alledem sind, was in uns und um uns herum geschieht, ist ein gewisses Level an Schuldgefühlen, mit denen wir zu ringen haben, mehr oder weniger normal.

Vor allem Eltern leiden chronisch darunter, da sie ihre Kinder zutiefst lieben und natürlich nicht frei von Fehlern sind, aber auch Kinder aus Familien, in denen schwere Schicksale nicht verarbeitet wurden. Hier ist es meist unmöglich, die Liebe, welche eine Familie verbindet, lebendig zu leben, was für unsere Schuldgefühle der beste Nährboden ist. Wenn nun noch beide Komponenten zusammen kommen, können sich Schuldgefühlen besonders gut ausbreiten.

Es liegt in unserer menschlichen Natur, zu bewerten, zu verurteilen, anzugreifen, uns zu trennen, abzuwenden und zu wehren. Wenn wir dann Schuldgefühle bekommen, uns schlecht, bedrückt und mies fühlen, dann wollen uns diese Gefühle eigentlich nur sagen:

Achtung, Achtung! Hier wurde gerade der grüne Bereich, also die für deine Seele ordnungsgemäße Zone, verlassen! Achtung, Achtung aufpassen!“

Wir Menschen neigen ständig dazu, die „ordnungsgemäße Zone“ der Seele zu verlassen. Was übrigens kein Fehler ist, sondern eher als eine Spielart oder eine Art Farbe des menschlichen Daseins betrachtet werden kann und absolut in Ordnung ist. So, als würden wir in eine tiefe Schlammpfütze treten. Es ist eine Erfahrung. Wir müssen ja nicht darin stehen bleiben, sondern können den Fuß wieder heraus ziehen.

In Bezug auf das Sich-schuldig-fühlen scheinen wir Menschen jedoch gern auch noch den zweiten Fuß dazu zu stellen, dann Ausschau danach zu halten, wer den Schlamm dahin gemacht hat, um dann noch tiefer im Schlamm zu versinken und zu leiden.

Anstatt etwas zu lernen, anders zu machen, gut mit sich zu sein und fröhlich weiter zu machen, werden wir hart, gnadenlos und stecken beleidigt im Leben fest.

Schuldgefühle sind Warnschilder, die sagen: „Moment mal, hier stimmt was nicht!“

Sobald wir Schuldgefühle haben, versuchen wir instinktiv und blitzschnell, anderen die Schuld zu zu schieben bzw. suchen nach der Schuld oder dem Schuldigen außerhalb von uns, um uns von der Bürde all unserer Schuld zu befreien.

Menschen, die sich schnell schuldig fühlen, kennen ausgeprägte Schuldgefühle schon seit ihrer Kindheit. Sie konnten immer spüren, dass in der Familie etwas nicht stimmt und haben sich irgendwann selbst die Schuld dafür gegeben. Kinder sind jedoch immer unschuldig. Sie kommen mit einem gesunden Liebesfluss in ihre Familien und stoßen dort dann auf Grenzen und Blockaden. Da sich kleine Kinder nicht getrennt von ihren Eltern wahrnehmen, weil sie noch keine abgegrenzte Persönlichkeit haben, erleben sie die vorgegebenen Grenzen als das Eigene: selber Schuld! Oder als die eigene Blockade, die sie jahzehnte lang versuchen zu lösen, obwohl das nicht geht.

Wie eine Liebes-Welle, die unaufhörlich an einen Felsen brandet, um sich mit ihm zu verbinden. Oder sie umhüllt und umspühlt ihn, wie das in einer Symbiose der Fall ist, doch der Felsen bleibt ein Felsen. (Felsen=Trauma aus der Familie)

Wenn wir nicht gelernt haben, konstruktiv mit Schuld umzugehen, dann verzweifeln wir an ihr und beginnen, meist unbewusst, uns zu bestrafen und Buße zu tun, indem wir uns schlecht behandeln, scheitern und uns selbst aufgeben. Dies stellt immer den Versuch dar, ein „negatives“ Geschehen wieder gut zu machen. Für unsere Seele bedeutet dies intensives Leid. Für unsere Persönlichkeit fühlt sich das aber „richtig“ an.

(Selbst-) Bestrafung kann jedoch nur als vorübergehende Entlastung empfunden werden, da sich Schuldgefühle hier schnell wieder breit machen. In Wirklichkeit sinken wir durch Strafe immer tiefer und tiefer in einen leblosen und beladenen inneren Zustand. Wiedergutmachung ist eher etwas, das solche Situationen umwandeln kann. Nach dem Motto: Was kann ich Gutes tun, dass sich beteiligte Personen und ich mich wieder besser fühlen?

Buße, Leid und Angriffsbereitschaft sind sichere Wege, um unsere Schuldgefühle zu vermehren und zu vergrößern, anstatt sie aufzulösen. Es ist so, als würden wir die Warnschilder umfahren oder drumherum laufen, um direkt in einen tiefen Abgrund zu sausen oder im Dreck einer großen Baustelle zu landen.

Die beste Art, sich von Schuldgefühlen zu befreien, ist die, sich wieder in den Bereich der Liebe, der Verbundenheit und der Wahrheit dessen, was jetzt ist, zu begeben. Im liebenden Kontakt mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen schmelzen Schuldgefühle, wie Schnee in der Sonne. Fehler, Ausrutscher und alle Unvollkommenheiten der Welt gehören dann einfach zu unserem Leben dazu und wir benutzen sie nicht mehr, um es uns noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist, sondern um zu lernen, zu wachsen und zu reifen.

Fühlen wir uns schuldig, dann können wir zu uns selbst sagen:

Es tut mir leid, dass ich so oder so mit mir/dir war, dass ich mich/dich in diese oder jene Situation gebracht habe oder auch irgendetwas unterlassen habe. Es tut mir leid, dass ich nichts tun konnte oder nicht da war. Es tut mir leid, dass ich mich/dich nicht so nehmen kann, wie ich bin/du bist. Es tut mir leid, dass ich nicht für dich da war oder mich im Ton vergriffen habe oder mich/dich nicht beschützen konnte oder mich/dich verletzt habe …“ Das befreit.

Denn durch ehrliches Bedauern, Mitgefühl und Annahme dessen, was war und ist, lösen sich Schuldgefühle in Liebe auf. Dann wird meistens die Traurigkeit spürbar, die entstanden ist und manchmal auch Wut, die durch Selbstangriffe hervorgerufen wird.

 

Denkst du oder bist du dein Denken? Ein Weg aus der Grübelei.

DSCF6580In meinem Kopf spricht eine Stimme. Wache ich am Morgen auf, dann höre ich schon die ersten Worte. Ob ich das will oder nicht. Es passiert einfach. Je wacher ich werde, desto munterer wird auch die Stimme in meinem Kopf. Sie denkt einfach drauf los, debattiert, listet auf, unterhält sich mit Menschen, die nicht anwesend sind, sie analysiert, hält Reden, wälzt Probleme, gibt wichtige Einschätzungen ab und kreist in immer den selben Schleife. Bunte Filme und lebendige Szenarien untermalen das Ganze noch. Am Abend, wenn ich Ruhe suche, redet die Stimme in mir einfach weiter, worüber ich dann irgendwann einschlafe oder gar keinen Schlaf finde, weil sie mich einfach wach hält.

Die Stimme in meinem Kopf reagiert automatisch auf all das, was um mich herum oder in meinem Körper passiert. Sie scheint in mir ein Eigenleben zu führen. Gern schnappt sie sich das Gespräch von vorhin, eine Situation, die ich erlebt habe, den Spielfilm von gestern, Konflikte meiner Mitmenschen, etwas, was ich gelesen oder etwas, was ich einfach eben beobachtet habe und denkt daran herum. Sie greift nach allem, was sie kriegen kann, egal, ob es mich etwas angeht oder nicht, ob es mich weiter bringt oder nicht, ob es mir gut tut oder nicht oder ob es mich wirklich interessiert oder nicht. Da ist sie nicht sehr wählerisch und wiederholt pausenlos alle möglichen Informationen. Dabei merkt die Stimme in meinem Kopf jedoch nicht, ob das, was sie da permanent behauptet, auch langfristig gut für mich ist, mich zufrieden und glücklich macht oder mich gesund erhält, denn dafür besitzt sie kein Sensorium.

Die Stimme in meinem Kopf existiert nicht, weil ich sonderlich verrückt bin, sondern weil es unter meiner Schädeldecke ein Gehirnareal gibt, durch das ein ständiges Vor-sich-hin-denken geschieht. Nur wenn ich mich auf etwas konzentriere, mich ablenke, meditiere oder schlafe, dann wird diese Aktivität weniger oder verschwindet gänzlich. Oft bin ich aber mit all diesen Gedanken so eng identifiziert, dass ich gar keinen Abstand mehr zu ihnen habe, also regelrecht zu ihnen werde. Dann denke ich nicht nur, sondern bin das Denken.

Lasse ich die Stimme in meinem Kopf also permanent allein vor sich hin denken, dann ist sie in der Lage, völlig nutzlose Gedankenberge zu produzieren und Lebensumstände aufrecht zu erhalten, die mir sogar schaden und mich unglücklich machen können.

Da ein einsamer Verstand zu Grübelleien neigt und sinnloses Denkmaterial anhäufen kann, habe ich angefangen, mich mit der Stimme in meinem Kopf zu unterhalten. Ja, das hört sich etwas verrückt an, aber wenn ich der Denkerei in mir zuhören kann, dann kann ich sie doch auch ansprechen. Auf diese Weise ist die Stimme in meinem Kopf jedenfalls nicht mehr so auf sich gestellt und kann von mir eine Orientierung bekommen. Vor allem dann, wenn sie sich mal wieder an irgendwelchen Ereignissen festgebissen hat, die schon längst vergangen sind und nur durch mein pausenloses gedankliches Wiederholen am Leben erhalten werden.

Ich spreche die Stimme in meinem Kopf immer mal kurz an, sobald ich merke, dass sie:

  1. über etwas nachdenkt, was mich nichts angeht,

  2. etwas, das ich nicht ändern kann,

  3. etwas, das nicht in meiner Verantwortung liegt,

  4. etwas, das mir Unwohlsein und Angst macht,

  5. etwas, das mich sorgenvoll werden und zweifeln lässt,

  6. etwas, dem keine Handlung folgen kann

  7. oder etwas, das mir der realen Situation, dem momentanen Augenblick, nichts zu tun hat.

Dann sage ich zu ihr: „Hallo, du da oben – lass das mal.“ oder „Was machst du da?“ oder „Warum denkst du über Dinge nach, auf die ich keinen Einfluss habe?“ Während ich mich selbst anspreche, bin ich plötzlich viel näher bei mir. Die Stimme in meinem Kopf wird sofort still. Es entsteht eine Gedankenlücke. Dann sage ich, dass ich mit dem, womit sie sich gerade beschäftigt, nicht einverstanden bin, weil ich es nutzlos finde oder es mich einfach nichts angeht. Oder ich sage, dass ich sie für etwas anderes brauche, zum Beispiel, um den Tag zu planen.

Falls die Stimme in deinem Kopf sich angewöhnt hat, dich runter zu machen, dich abzuwerten oder dir einzureden, dass du wertlos bist oder ein falsches Leben führst, dann beginne, dies bewusst wahrzunehmen und mache ihr einfach immer wieder klar, dass dies nicht wahr ist. Leider ist es so, dass, wenn du deinem Denken die Freiheit gibst, dich lange genug angreifen zu können, du dich tatsächlich so fühlen und dies auch immer wieder von außen bestätigt bekommen wirst.

Neben den Inspirationen, die ich der Stimme in meinem Kopf geben kann, stelle ich ihr auch gern Fragen. Ich frage sie dann, warum sie jetzt unbedingt ein Gespräch weiter führen muss, das bereits beendet ist. Oder, warum sie eine Begegnung durchspielt, die morgen erst stattfinden wird. Oder ich frage sie, ob ich ihr dabei helfen kann, konstruktiver darüber nachzudenken, so dass es mir von Nutzen ist. Ich helfe ihr auch mit Fragen, wenn es etwas Wichtiges zu vertiefen gibt. Vor allem aber versuche ich sie immer davon abzuhalten, sich mit Dingen zu beschäftigen, die mich nichts angehen und die ich nicht in der Hand habe, also wo ich nichts bewirken kann. Auch von Situationen, die bereits passiert und somit nicht mehr zu ändern sind.

Wenn unser Denken zu stark und zu intensiv wird, dann führt das dazu, dass wir distanziert werden, uns selbst nicht mehr spüren oder unbemerkt schlechte Gefühle erzeugen. Inneres Unwohlsein löst widerum Grübelleien aus. Es ist hilfreich, zu lernen, das Denken dienlich und effektiv einzusetzen, anstatt regelrecht darin zu verschwinden.

Neben der Unterbrechung des Gedankenstromes und dem freundschaftlichen Dialog, der meine Gedanken immer mal einnordet, bin ich am liebsten mit intensiver Wachheit und großer Aufmerksamkeit einfach bei mir selbst, was meinen Geist so beruhigt, dass sich sowieso keine Gedanken halten können.

Beobachtend, wahrnehmend und präsent sein – das ist es, was deinen Verstand zur Ruhe kommen lässt. Durch wache Anwesenheit kann sich kein Gedanke in deinem Kopf festsetzen. Dann ist es still in dir. Eine friedlich lebendige Stille. Aus ihr können Gedanken auftauchen und wenn du dich nicht weiter mit ihnen beschäftigst, auch ganz mühelos wieder verschwinden.

Ich bin du – sich selbst im anderen erkennen

DSCF4588Wenn du auf das Verhalten, auf die Reaktionen und auf die Lebensweise deiner Mitmenschen schaust, dann blickst du immer in einen Spiegel. Du siehst dich selbst darin. Vieles davon lässt dich ruhig bleiben, einiges regt dich auf. Besonders aufschlussreich ist hier all das Benehmen, das du bei anderen ablehnst, das dich abstößt oder auch besonders anzieht, eines, das du vielleicht sogar bewunderst.

Schaust du kritisch und abwehrend auf deine Eltern, Freunde, den Partner oder auf deine Kinder, dann verurteilst du dich selbst in ihnen. Normalerweise denkst du vielleicht, dass du tatsächlich den anderen meinst, doch in Wirklichkeit stehst du vor einem großen Spiegel, der dir lediglich zeigt, was du an dir selber nicht wahrhaben möchtest, was du nicht annehmen kannst oder was du nicht sein willst. Das kann etwas negatives, aber auch etwas positives sein.

Um dich selbst in dem anderen erkennen zu können, brauchst du eine große Entschlossenheit, dich selbst wirklich entdecken zu wollen. Denn wenn du dir tatsächlich deiner selbst gewahr wirst, kann es sein, dass dir das Angst machen wird, dein bisheriges Selbstbild zerstört, du enttäuscht bist oder nicht glauben kannst, wie groß und wundervoll du in Wirklichkeit bist.

Dich in deinem Gegenüber zu spiegeln, kann dir jedoch helfen, vor allem das, was in deinem Unterbewusstsein schlummert, ans Tageslicht zu befördern. Das Unterbewusstsein ist kein verschlossener geistig-seelischer Ort. Es ist ein Bereich, dem wir einfach nur permanent den Rücken zukehren, ihn ignorieren und so tun, als gäbe es ihn nicht. Je stärker wir Teile von uns selbst verborgen halten wollen, desto intensiver spiegeln uns das unsere Mitmenschen, vor allem die, die uns sehr nahe stehen. In dem Moment, in dem wir uns dem Unterbewussten bewusst zuwenden, hinschauen, hin spüren, lauschen und offen sind für uns selbst, offenbart es sich uns auch sofort. Halten wir Nase, Ohren und Augen zu, dann bekommen wir eben nichts mit.

Öffnen wir uns dafür, uns in unseren Mitmenschen selbst wahrzunehmen, dann können wir viele interessante Erkenntnisse gewinnen und unser natürliches Selbstbewusstsein kann wachsen, was dazu führt, dass wir uns zunehmend sicherer, klarer und glücklicher fühlen.

Ganz praktisch funktioniert das so:

  1. Du bemerkst, dass du eine Person ablehnst oder besonders toll findest.

  2. Du formulierst für dich, was es genau ist, das dich abstößt oder anzieht.

  3. Du gehst in dir auf die Suche nach dem, was damit weitestgehend übereinstimmt.

  4. Du stellst fest und spürst: das ist auch bei mir so, das mache ich ganz genauso … usw. – der Moment der Selbsterkenntnis ist zwar nicht immer der angenehmste, aber er befreit dich aus dem Gefängnis des Unbewusstheit und das kannst du sofort spüren.

  5. Erkenne, dass das, was du da entdeckt hast lediglich ein Ausdruck von dir ist, der sich verändert, wenn du ihn lässt. Oder es ist eine alte Erinnerung (Schmerz, Verlustangst, Minderwertigkeit), die sich auflöst, wenn du sie fühlst. Ändere gegebenenfalls dein Denken oder Handeln.

    Beobachte, wie die Spiegelung langsam verschwindet. Das ist ein bemerkenswertes Phänomen.

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Selbstliebe

IMG_1447Die Liebe zu dir selbst kann unterschiedlichste Formen annehmen. Du kannst fürsorglich mit dir sein, dich selbst annehmen und dich bewusst wert schätzen. Du kannst achtsam mit dir sein und versuchen, so gut es geht, dir deine Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen.

Oder du bist ganz präsent und wach, während du einfach so bist, wie du eben bist.

Du kannst im Grunde nur so sein, wie du bist. Anders geht es nicht. Und egal, wie du gerade bist, es ist in Ordnung. Ist da Unruhe, dann ist das in Ordnung. Ist da ein Gefühl von Einsamkeit, dann ist das in Ordnung. Auch deine selbst abwertenden Gedanken sind in Ordnung. Kommst du nicht in die Gänge, ist das in Ordnung. Isst du zu viel, ist das auch in Ordnung. Bist du unruhig, einsam, fies zu dir selbst, zu nichts in der Lage und hasst dich obendrein dafür, dann ist das auch in Ordnung. Du bist, wie du bist. Du bist in Ordnung. Und auch wenn du nicht fühlen oder wahrnehmen kannst, dass du in Ordnung bist, bist du es trotzdem, denn:

in Ordnung sein bedeutet, dass du nur so sein kannst wie du eben bist. Und es wird dir nicht helfen, zu denken: ich muss ruhiger werden, geselliger sein, freundlichere Gedanken haben und mich selbst lieben.

Stelle dir vor, ab morgen finden dich alle Menschen, denen du begegnest, völlig in Ordnung. Sie sagen und zeigen es dir. Sie wenden sich nicht ab, wenn du wütend wirst. Sie bewerten dich nicht, wenn du unsicher bist. Sie haben keine Erwartungen, mit denen sie dich anders haben wollen. Du bist schlecht gelaunt und es ist ok für sie. Es stört keinen. Dann ist die schlechte Laune vergangen und keiner sagt: na das war ja anstrengend mit dir. Du weinst und niemanden beklemmt es. Niemand nörgelt an dir herum oder hält dir etwas vor. Sie sind einfach da und finden dich in Ordnung.

So, wie im Leben alles wird und vergeht, so kommen und gehen auch die Zustände in deinem Inneren, wenn du sie lässt.

Wenn etwas kommt, wehrst du es nicht ab. Und du hältst nicht fest, wenn es wieder geht. Du bist eben du, so, wie es sich eben gerade zeigt. Du kannst nicht anders sein, als so, wie du bist. Du kannst ja mal versuchen anders zu sein, als du bist. Das ist anstrengend und du musst dich sehr konzentrieren. Am Ende bist du immer noch, wie du bist und versuchst zudem noch anders zu sein.

Es gibt also nichts zu ändern. Sei, wie du bist. Beobachte es und lausche in dich hinein, während du, du selbst bist. Sei offen für all das, was du bist. Schon bald wirst du erleben, dass alle Zustände in dir kommen und auch wieder gehen. Es ist ein unaufhaltsames Fließen. Etwas erscheint und taucht wieder ab. Du weißt nicht, was kommt, wie lange es bleibt und wann es wieder geht. Aber du kannst dir die Zeit nehmen, es zu betrachten und bemerken: ah, da ist Freude und du kannst diese Freude sein. Dann ist sie wieder weg. Auch gut. Du kannst zuschauen, wie sich Spannung in dir breit macht. Dann sind da Spannungen. Du spürst sie und plötzlich ist da auch Schmerz, Angst oder Traurigkeit. Sie sind da und gehen auch wieder. Bleib bei ihnen. Spüre sie. Bleib einfach immer nur bei dir.

Mache aus keinem Ausdruck, der sich in dir zeigt ein: So bin ich! oder ein: So sollte ich nicht sein! Lass sie kommen und wieder ziehen. Sei ganz wach mit alledem, was du gerade bist. Wehre dich nicht und halte nichts fest.

Mit der Zeit wirst du spüren, dass du mit dieser wachen aufmerksamen und etwas unpersönlichen Liebe (weil sie nichts will und bewertet) einen Raum aufmachst, in dem du wirklich gut aufgehoben bist. Schon bald wird ein spontaner authentischer Ausdruck, jenseits von alten Mustern und Verletzungen, frei durch deinen Körper fließen können. Vielleicht kann die selbstwahrnehmende Präsenz eine Form von Selbstliebe in deinem Alltag werden. Einfach ganz wach und anwesend sein, bei allem, was du tust. Das genügt. Und schon praktizierst du die höchste Form der Liebe an sich, eine, die alles lässt, wie es ist und gleichzeitig alles verschlingt, was ihr nicht gleicht.

Depression – Teil II – seelische Unterdrückung

DSCF4585Bei einer Depression nehme ich auf der Gefühlsebene meiner Klienten einen oder mehrere der folgenden drei Aspekte wahr:

  • Trauer, Traurigkeit oder seelischer Schmerz werden absichtlich unterdrückt und verdrängt, bis sie nicht mehr gefühlt werden

  • Schock, plötzlicher Verlust oder ein zu großer seelischer Schmerz haben sich als Trauma abgespalten und abgekapselt

  • unverarbeitete Ereignisse aus der Familie (transgenerative Traumata) überfluten den inneren Raum einer Person

Abneigung gegen das Fühlen

Traurigkeit, Weinen und Co ist nicht jedermanns Sache.

Oft besteht eine regelrechte Abneigung gegenüber solcher Emotionen, bis hin zur Unfähigkeit, sie überhaupt noch fühlen zu können. Bei näherer Untersuchung stellt sich immer wieder heraus, dass die Person selbst, in der Regel bereits als Kind oder spätestens in der Pubertät, entschieden hat, solche Gefühle nicht mehr fühlen zu wollen. Die Gründe dafür können folgende sein:

  • es gab keinen Erwachsenen, der Trost geben konnte

  • das Kind wollte keinen zusätzliche Belastung sein, denn es spürte, dass seine Eltern bereits genug belastet sind

  • schmerzhafte Gefühle waren dem Kind einfach zu unangenehm, weil es sehr sensibel ist und daher alles viel stärker spürt

  • die Mitmenschen haben nicht auf „richtige“ Weise getröstet, nicht liebevoll oder nicht geduldig genug

  • das Kind konnte spüren oder erleben, dass Weinen nicht erwünscht war

  • Traurigkeit und Tränen wurde als Schwäche oder als Peinlichkeit gewertet

Haben wir erst einmal entschieden, nicht mehr fühlen zu wollen, dann werden wir im Laufe der Jahre immer besser darin. Die Gefühle existieren dann zwar noch, doch wir fühlen sie nicht mehr, weil wir einfach nicht mehr im Kontakt mit ihnen sind. Wir sind innerlich abgewandt, interessieren uns nicht dafür, fühlen uns für unsere Gefühlswelt nicht verantwortlich, sind genervt, eher oberflächlich, unruhig und werden süchtig danach, uns abzulenken. Es gibt jedoch immer wieder Auslöser, die unsere gut verdrängten Gefühle an die Oberfläche schnellen lassen. Völlig unerwartet fühlen wir uns dann für einen Moment ganz furchtbar, bis wir uns wieder genug von uns selbst distanziert haben. Und wenn wir gefragt werden, was wir fühlen, dann sagen wir: alles bestens, mir geht’s gut. Und genauso fühlt sich das dann auch an, denn der Zugang zum Gefühl ist einfach nicht mehr da. Viele unverarbeitete zusammengeballte Gefühlsknäule liegen dann in unserem Inneren und werden als Schwere, Leblosigkeit, Last, Orientierungslosigkeit, Mangel an Vitalität und Entscheidungsunfähigkeit oder eben als sogenannte Depression in unserem Alltag erlebt.

Um diesen Zustand ändern zu können, brauchen wir erst einmal eine Entscheidung, die sich ungefähr so anhören könnte:

Ich will wieder fühlen.

Ich bin bereit, mich meiner Gefühlswelt zu zu wenden und für sie verantwortlich zu sein.

Ich möchte mich fühlen – meine Tiefen, den alten Schmerz auch die Verletzungen und die tiefe Liebe, meine Sensibilität, Verbundenheit und die Lebendigkeit meiner Seele …

(praktische Tipps dazu siehe Artikel: Vom Umgang mit dem inneren Kind)

Traumata

Während ein Trauma entsteht – oft in nur wenigen Sekunden – wird unsere Seele fragmentiert. Der traumatisierte Teil ist dann innerhalb der Persönlichkeit nicht mehr mit den anderen Persönlichkeitsanteilen verbunden. In ihm werden Gefühle und Erinnerungen eingeschlossen und abgekapselt. Ein anderer Persönlichkeitsanteil bewacht diese Abspaltung gut und ein weiterer Anteil versucht normal weiter zu leben. So kann man sich das vereinfacht vorstellen. Das ist eine gut funktionierende und überlebenswichtige Strategie unserer Persönlichkeit. Ein Trauma kann sich in uns, ähnlich wie unterdrückte Gefühle als Depression bemerkbar machen. Vor allem, wenn mit zunehmenden Alter (40 aufwärts) die Vitalkräfte nachlassen oder noch weitere Schicksalsschläge hinzukommen, dann brauchen wir viel Kraft, die uns jedoch nicht mehr so zur Verfügung steht. Neben vielen anderen Symptomen, können Erschöpfung, Schwere, Unlust und Antriebslosigkeit uns das Leben dann schwer machen.

Mit einem Trauma sollten wir uns immer in die Hände eines erfahrenden Therapeuten begeben. Hier ist zum Beispiel eine körperbezogene Therapie sehr hilfreich. Wenn unsere Seele ihre alten Erinnerungen und Gefühle frei gibt, sollten wir damit nicht allein sein, sondern den Halt, die Liebe und die Unterstützung von Außen bekommen, die uns während der traumatisierenden Erfahrung gefehlt hat.

Transgenerative Traumata – siehe Artikel Systemische Belastungen

Depression – Teil I – geistige Unterdrückung

DSCF4577Beim Depressiv-Sein geht es immer um Formen von Unterdrückung. In meiner täglichen Praxis nehme ich depressive Zustände auf drei möglichen Ebenen wahr:

  • geistig: als quälende entmutigende abwehrende Gedanken

  • emotional: als unterdrückte verdichtete festgehaltene Gefühle

  • körperlich: als Erschöpfung, Entzündungen, Schmerzen, Schlaflosigkeit, Antriebs- und Kraftlosigkeit

Depression auf der geistigen Ebene

Wir erzeugen permanent Gedanken. Die Qualität unserer Gedanken hängt davon ab, wie wir geprägt wurden und welche Einflüsse wir in unserem Leben zugelassen haben. Aber auch davon, ob wir es gelernt haben, unsere Gedanken bewusst wahrzunehmen und sie zu steuern. Zwischen zerstörerischen, quälenden, entmutigenden, abwertenden, hinderlichen, schlechten, ablehnenden sowie abwehrenden Gedanken und aufbauenden, angenehmen, wertschätzenden, optimistischen, wohlwollenden sowie konstruktiven Gedanken, liegt ein weites Feld an qualitativen Möglichkeiten, die wir nutzen können. Während einer geistigen Depression haben wir uns für eine Ecke dieses Feldes entschieden: den negativen Bereich und unterdrücken von dort aus alle anderen geistigen Qualitäten. Hier klammert sich unser Verstand an Gedanken, die der Abwehr, der Verteidigung, dem Rückzug, der Abgrenzung, der Kampfbereitschaft und der Auflehnung dienen. Diese Gedankenformen sind nicht schlecht. Es gibt viele Situationen, in denen solche Gedanken absolut angemessen und authentisch sind. Doch wenn wir in ihnen steckenbleiben und uns selbst, dem Leben und unseren Mitmenschen unentwegt auf diese Weise begegnen, dann schaden uns derartige Gedanken indem sie uns unsicher, ängstlich, handlungsunfähig und traurig machen.

Um unser Denken aus der Negativecke heraus zu bekommen, können wir erst einmal wahrnehmen, was unser Verstand unentwegt produziert, indem wir ihm zuhören. Wir können auch darauf achten, was wir selbst sagen, wenn wir uns mit anderen Menschen unterhalten. Außerdem ist es sinnvoll zu hören, was wir um uns herum an Negativität aufnehmen. Umgeben wir uns mit Menschen, die alles schlecht machen? Entscheiden wir uns für Sendungen im Fernseher oder im Netz, in denen es um Elend, Krieg und Unglück geht? All diese Einflüsse füttern unseren Geist mit Negativität und motivieren unser Denken, deprimierende Gedanken zu produzieren. Haben wir heraus gefunden, welche Gedankenformen wir unbewusst bevorzugen, dann können wir unseren Verstand darauf aufmerksam machen, dass wir das so nicht mehr wollen.

Immer, wenn Ihnen auffällt, dass Sie aus alter Angewohnheit destruktive Gedanken erzeugen, dann sagen Sie zu der denkenden Stimme in ihrem Kopf: „Hey du, hör auf damit. Das stört mich. Es entmutigt, beklemmt und stresst mich.“ oder einfach nur: „Stopp, lass das.“ Sie werden bemerken, dass Ihr Denken sofort unterbrochen wird. Es entsteht eine Gedankenlücke. Jetzt können Sie ihrem Verstand Alternativen anbieten, denn wenn Sie das nicht tun, dann greift er gleich wieder nach den üblichen und bekannten Gedankenmustern. Sie können ihren Verstand beauftragen, den Tag zu planen oder ihn überlegen lassen, was Sie tun können, um sich heute etwas Gutes zu tun. Sie können ihm auch Fragen stellen. Zum Beispiel: „Warum führst du ein Gespräch weiter, das bereits beendet ist? Warum denkst du über andere Menschen nach und über Situationen, die du nicht ändern kannst? Warum malst du dir die Zukunft so finster aus? Woher weißt du denn, was passieren wird? Du kennst doch nur das, was hinter mir liegt?“

Helfen Sie Ihrem Verstand mit Fragen, um ihn aus seinen Grübeleien heraus zu begleiten: „Womit mache ich mir selber das Leben schwer? Was brauche ich, dass es mir in diesem Lebensbereich besser geht? Was will mich diese Situation lehren? Was gibt es zu lernen? Welchen Nutzen ziehe ich aus meinem Problem? Was hätte mir ein alter weiser Mann dazu zu sagen? Was will ich beweisen oder wo will ich meinen Willen durchsetzen? Will ich überhaupt etwas ändern? Welche Schritte wären nötig? Bin ich bereit sie zu gehen? Was wünsche ich mir am meisten? Wie kann ich meine Meinung und meine Bedürfnisse äußern, ohne anzugreifen oder zu fordern? Wie fühlt es sich an, wenn ich streng mit mir bin? Was nutzt mir mein hoher Anspruch: Gibt er mir Sicherheit? Will ich dadurch Liebe bekommen? Oder Anerkennung? Was fühle ich gerade?

Solange unser Geist keine dienende Haltung eingenommen hat, mit der er einen Weg ebnet, auf dem unsere Lebenssituationen sich zu unserem Wohle verändern kann, braucht er unsere Hilfe und Unterstützung. Wenn er autonom und abgegrenzt ist und unbewusste Monologe führt, dann führt uns das in Konflikte und erhält Lebenssituationen, die uns unglücklich machen. Wir brauchen gar nicht so sehr an unserem Denken herumdoktern, es reicht völlig aus, wenn wir es einfach nicht immer so allein vor sich hin plaudern lassen. Also: Immer mal „hallo“ nach oben sagen, wenn unser Geist mal wieder vernichtend oder pessimistisch auf unsere Realität reagiert.

Vom Umgang mit dem Inneren Kind – Teil IV – Trost und Zuversicht

DSCF4534Tröstende Zuwendung

Unsere inneren Kinder brauchen, wenn sie seelischen Schmerz in sich tragen, immer mal wieder unsere tröstende Zuwendung. Oder die einer anderen Person. Vor allem dann, wenn alter Schmerz in uns aufsteigt. In der Regel passiert dies ganz unerwartet in unseren Beziehungen. Unsere nahen Mitmenschen verhalten sich oft instinktiv auf eine ganz bestimmte Weise, die bewirkt, dass sich in uns alter Schmerz löst, sich ausdehnt und für uns fühlbar wird. Dann denken wir meistens, dass derjenige uns in diesen Momenten verletzt, das fühlt sich genauso an, doch das ist meistens nicht wirklich so.

Das Verhalten unserer Mitmenschen ist nicht die Ursache, sondern immer nur der Auslöser. Wenn wir im Kontakt plötzlich seelischen Schmerz, Einsamkeit, Verlustangst oder Trauer spüren, dann sind dies alte, von uns selbst begrabene Gefühle, die in diesen Momenten unverhofft erwachen. Übernehmen wir die Verantwortung für unsere Gefühle, dann könnte dies so aussehen:

Während du so bist, wie du eben bist, spüre ich wie viel Schmerz in mir ist, wie einsam ich mich eigentlich fühle, wie viel Angst und Trauer in mir steckt. Bitte lass mich dir davon erzählen. Vielleicht kannst du mich mal in den Arm nehmen, dann kann ich es besser aushalten, während ich es weiter zulasse, mich zu fühlen. Oder: Ich spüre gerade einen großen Schmerz. Der ist alt und schon lange in mir. Du hast ihn nur ausgelöst. Bitte lass mich jetzt allein, so dass ich mich darauf einlassen kann, um dir dann wieder klarer begegnen zu können.

Eine andere Möglichkeit, in der sich alter Schmerz zeigen kann, ist, wenn wir uns absichtlich darauf einlassen. In Therapie- oder Beratungssituationen, durch Selbstwahrnehmung, Achtsamkeit oder Meditation. Jede Form, durch die wir uns selber näher kommen, kann dazu führen, dass wir überraschend längst vergessenen Gefühlen begegnen. Beziehungen zu anderen Menschen, bestimmte Situationen oder Sinneseindrücke eignen sich jedoch am besten, da sie unseren alten Schmerz blitzschnell und heftig, vorbei an unseren Kontrollinstanzen und inneren Beschützern, an die Oberfläche bringen können.

Haben unsere Eltern selber keinen Trost bekommen, dann werden sie in Situationen, in denen wir Trost brauchten, schnell überfordert gewesen sein. Anstatt uns zu trösten, haben sie vielleicht auf unterschiedlichste Weise versucht, uns von unserem seelischen Schmerz abzulenken oder sie wurden streng, um den Ausdruck unseres Schmerzes auf diese Art zu unterbinden. Seelischer Schmerz braucht einen liebevollen warmen standhaften Raum, in dem er sich ausbreiten kann, bis er sich aufgelöst hat. Trost kann in einer Art seelischer Umarmung, auch in einer körperlichen, diesen Raum bieten. Wenn wir uns oder eine andere Person trösten wollen, dann brauchen wir eine entsprechende innere Haltung. Diese sollte vor allem wertfrei, geduldig, weich und herzlich sein. Sie sollte jede schmerzhafte Welle, die aufsteigt, jede Träne, jeden Laut und jede Regung von Herzen begrüßen, in dem Sinne: Sei willkommen, schön, dass du dich zeigst. Ich bin da für dich und halte dich, egal wie heftig es wird und wie lange es auch dauern mag.

Zuversicht

Auf seelischen Schmerz, auf Unsicherheit oder Angst reagieren wir auch gern mal mit Sorge, Strenge oder Ignoranz. Sorge ist eine sehr deprimierende Form der Zuwendung und wird leider oft als liebende Anteilnahme verkannt. Es ist in Wirklichkeit ein entmutigendes Mitleiden und daher nicht sehr hilfreich. Wenn jemand mit Strenge und Druck auf alte Gefühle reagiert, die aufsteigen und nach Heilung suchen, dann bewirkt dies noch tiefere Verletzungen oder führt zu einer stärkeren Unterdrückung und Abspaltung. Oft wird Strenge zum Selbstschutz eingesetzt oder ganz pragmatisch, um weiter funktionieren zu können. Auf unsere Innere-Kind-Ebene wirkt Härte und Gewalt jedoch erdrückend und Angst einflößend und ist überhaupt nicht hilfreich. Ignoranz ist eine kalte indirekte Form der Gefühlskontrolle. Hier wird eher Abstand gesucht. Den unliebsamen Gefühlen wird der Rücken zugekehrt. Sie werden unliebsam und gleichgültig weggeschoben. Auch dieses Verhalten ist nicht sehr dienlich im Umgang mit dem inneren Kind.

Eine bessere innere Haltung im Umgang mit uns selbst ist Zuversicht. Sind wir zuversichtlich, dann glauben wir an uns, wir vertrauen dem Besten und Größten in uns. Wir sagen ja, zu dem, was gerade ist und erkennen es als richtig und gut an, egal, welche Form es angenommen hat. Es ist eine annehmende Haltung, die davon ausgeht, dass jeder unliebsame Zustand sich zum Besseren wenden kann, nur liebend und wertfrei in Empfang genommen werden will. Zuversicht schenkt Hoffnung und Freude. Sie hält das Positive und Gute hoch, sieht Probleme als Chancen, spendet Kraft, sie weitet uns ganz sanft, wenn es eng geworden ist, sie erinnert uns an unseren Wert, stärkt unsere Selbstachtung, sie ist ein Licht in dunklen Momenten und schenkt uns Gelassenheit.

Vom Umgang mit den Inneren Kind – Teil III – Schutz

DSCF4645Wie können wir unser Inneres Kind schützen?

Vom Versuch, uns zu schützen

Im Grunde bewachen wir unsere Innere-Kind-Ebene pausenlos.

Für diesen Zweck setzen wir unterschiedlichste Strategien ein. Einige davon funktionieren sogar so gut, dass wir selbst, wenn wir es wollten, keinen Zugang mehr zu unseren Gefühlsebenen finden.

Muster und Angewohnheiten, mit denen wir unsere sensibelsten Ebenen schützen, können folgende sein:

grübeln, viel reden, sich ablenken, sich mit anderen Menschen beschäftigen, unentwegt anderen helfen wollen, anderen die Schuld geben, problematisieren, dramatisieren, sich betäuben, immer beschäftigt sein, funktionieren, immer lustig sein, distanziert sein, ausweichen, oberflächlich sein, spirituelle Abgehobenheit, sich ständig streiten, starkes Be- und Verurteilen, Scheinharmonien erzeugen, immer etwas wollen, besonders anspruchsvoll sein, trotzen, nicht abschalten können, Nervosität, Ehrgeiz, sich zurück ziehen, immer Ablenkung suchen u.v.m.

Diese Verhaltensweisen bewachen uns, indem sie uns davon abhalten, tiefer mit uns selbst in Kontakt zu kommen. Sie bewachen immer etwas in uns, was wir nicht fühlen wollen – meist früh erlittenen seelischen Schmerz. Manche Menschen haben einfach Angst davor oder es wird als zu heftig empfunden, was da tief in ihnen lauert oder aber es gibt eine grundlegende Ablehnung dagegen, sich mit den lästigen und ungeliebten Gefühlen anzufreunden. Es kann aber auch sein, dass es einfach eben so ist, nie darüber nachgedacht, nie davon gehört wurde, dass wir aus zwei oder mehreren Teilen bestehen: der, der schützt und der, der diesen Schutz braucht. Diese inneren Teilungen geschehen bei uns allen immer aus einer Not heraus, in einem Alter, in dem wir einfach keine andere Wahl haben. Schutz bedeutet hier auch, die Fähigkeit zu besitzen, zu vergessen was uns passiert ist und zu verbergen, wie es sich angefühlt hat. Unsere Wachmannschaften werden von Jahr zu Jahr stärker. Sie passen von sich aus unentwegt beharrlich auf. Und sie haben immer Grund dazu.

Würde ein Mensch plötzlich aufhören, sich schützend abzuschirmen, dann wäre er seinen Untiefen vollkommen ausgesetzt. Über ihn würden Zustände hereinbrechen, die durchaus unangenehm sein können. Dazu gehören:

Traurigkeit, Verlustschmerz, Verletzungen, Einsamkeit, Überforderung, Erschöpfung, sich klein und hilflos fühlen, wertlos sein, Orientierungslosigkeit, Traumata, Unverbundenheit, Spannungen, Zorn, jemanden etwas antun wollen, kein Kontakt zum Körper halten können, verloren sein, Schwere, schwarze Abgründe, nicht geliebt worden sein, Leere usw.

Der Nachteil bei dieser Form des Selbstschutzes (und ich kenne niemanden, der keine solche Kontrollinstanzen hat) ist der, dass wir viel Lebensenergie investieren müssen und dann trotzdem verletzt werden, müde und unglücklich werden und sich das Leben (unsere Seele) nicht so prall und vollständig durch uns entfalten kann.

Der Vorteil ist, dass wir uns auf diese Weise Stabilität und Halt geben und dass wir uns im Griff und unter Kontrolle haben. Diese Qualitäten sind für uns sehr wichtig. Vor allen, wenn uns Halt und Stabilität in unseren Kinderjahren gefehlt hat.

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