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Innere Grenzen

old-1959391_1920Unsere inneren Grenzen bestehen aus alten Prägungen, seelischen Verletzungen, vorgefertigten Vorstellungen oder aus tief sitzenden Unsicherheiten. Sind wir an unsere Grenze gekommen, dann geht es nicht weiter. Wir spüren Hilflosigkeit, Ohnmacht, Leerheit oder große Abwehr.

Dann ziehen wir uns zurück, versuchen andere Menschen zu verändern, manchmal hoffen wir auch still und handlungsunfähig auf Besserung, greifen unseren Gegenüber an oder lassen alles an uns abperlen, ziehen lieblose Konsequenzen, wollen bestrafen, kontrollieren oder manipulieren. Dies sind Momente, in denen wir oft nicht erkennen können, dass es unsere eigenen inneren Grenzen sind, an die wir schmerzhaft gestoßen sind. Oft machen wir dann andere Menschen für unseren Schmerz, für unsere Ängste oder für unser Unvermögen verantwortlich oder wir werden hart und gnadenlos mit uns selber.

Wir legen es normalerweise nicht freiwillig drauf an, an unsere Grenzen zu stoßen. Es passiert einfach immer wieder. Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir sogar zahlreiche Strategien, um unser Überleben zu sichern. Wir beschützen unsere Begrenzungen, indem wir andere abwerten, uns überhöhen, uns an Standpunkte klammern oder Nähe meiden. Auch Gefühle, Begegnungen, Veränderungen und Lösungen werden verhindert oder wir kappen einfach nur die Verbindung zu uns selbst.

Wir bleiben gern in unserer sicheren Zone. Hier fühlen wir uns wohl und aufgehoben. Und doch passiert es immer wieder, dass wir an Menschen oder in Situationen geraten, die uns unerwartet schnell an unsere Grenzen bringen. Es ist sogar so, dass solche Menschen und Situationen eine unwiderstehliche Anziehung auf uns haben können.

Sind wir an unsere Grenzen geraten, dann ist das meist sehr unangenehm und wir wehren uns instinktiv dagegen. Diese Abwehr kann viel Energie verschlingen, verzehrt unsere Klarheit und raubt unsere Zuversicht. Obwohl wir in diesen Momenten eigentlich unsere ganze Wachheit und Liebe brauchen, werden wir eher eng und mißtrauisch.

Hinter unseren Grenzen wartet etwas Neues auf uns. Ein neues Lebensgefühl und die Begegnung mit uns selbst. An unseren Grenzen brauchen wir viel Bereitschaft zum wachsen und reifen, sonst werden wir einsam, bleiben unentwickelt, machen keine neuen Erfahrungen mehr oder nur solche, in denen sich alles verschlimmert.

An unserer Grenze erfahren wir uns selbst

Innere Grenzen haben nichts mit der Abgrenzung, die wir im Alltag brauchen, zu tun. In unseren Begrenzungen sind wir vielmehr Gefangene unseres Selbstes. Bringt uns jemand an unsere Grenzen, dann ist dies immer eine Aufforderung, diese zu dehnen und zu weiten. An solchen Punkten in unserem Leben geht es immer darum, etwas loszulassen, uns zu fühlen oder etwas zu erkennen. Dies ist jedoch nicht so leicht, da unsere Selbstschutzstrategien uns augenblicklich beschützen werden, sobald wir hier in Gefahr sind.

Es sind die Menschen, die uns nahe stehen, deren meist die Aufgabe zufällt, uns an unsere Grenzen zu bringen und gerade das macht es oft so problematisch. Entweder wir werden diese Menschen nicht los, weil es unsere Kinder, Eltern oder Partner sind oder wir haben es geschafft, sie zu verlassen, jedoch ohne vorher gewachsen zu sein, dann kommen sie zurück. Entweder persönlich oder in Form einer anderen Person. Alle Menschen, die es schaffen, uns an unsere Grenzen zu bringen, sind in Wirklichkeit ein Segen für uns. Natürlich wird dies selten so empfunden. Sie kommen uns eher vor wie Folterknechte: lästig, unbequem, unangenehm, bedrohlich, störend, verwirrend und abstoßend.

Würde es diese „unliebsamen“ Menschen nicht geben, dann gäbe es für uns kaum eine bessere Möglichkeit, zu wachsen, zu reifen und zu lernen. Wir würden uns weiterhin in unseren bequemen, bekannten und behaglichen Grenzen bewegen und niemals erfahren, was wir darüber hinaus sind. Uns würde die Erfahrung entgehen, weiter und liebesfähiger zu sein, kraftvoller und klarer oder begabter, einzigartig und kreativ.

Jede innere Grenze hält uns davon ab, mehr wir selbst zu sein. Innerhalb unserer Begrenzungen muss es uns nicht unbedingt gut gehen, doch das spielt keine große Rolle. Viel entscheidender ist es, dass es uns vertraut ist, wie ein gemütliches zu Hause und deshalb halten wir daran fest. Wir kennen es so und nicht anders. Das ist auch nicht verkehrt. Wir wissen oft nur nicht, dass außerhalb unserer Grenzen noch viel mehr auf uns wartet. Etwas, das immer zu uns gehören wird, ob wir es nun kennen, sein und leben wollen oder eben nicht. Das, was wir alles über unsere Begrenztheit hinaus noch sind, wird nie verschwinden, auch wenn wir es nie entdecken.

Wenn wir dahin kommen wollen, mehr von uns selbst zu erfahren, dann müssen wir breit sein, unsere Grenzen zu überwinden. Dafür sind Grenzen da. Wissenschaftler haben schon längst erkannt: das Universum dehnt sich aus. Wir Menschen sind ein Teil dieses großen Ganzen. Auch wir dehnen uns aus. Diese Ausdehnung ist ein natürlicher Vorgang, den wir jedoch mit unseren Grenzen permanent verhindern. Das Weiten unserer inneren Begrenztheit ist immer ein besonderer Moment. Nicht selten ist er damit verbunden, dass alte verdrängte Gefühle in uns aufsteigen, wir das Gefühl des Sterbens haben, vollkommen Ohnmächtig werden oder Hilflosigkeit und Leere sich in uns breit machen. Alles bricht zusammen, es erscheint aussichtslos, dunkel, langweilig, wir leiden, fühlen uns einsam und abgeschnitten. Wir Menschen meiden solche Zustände meist, wie der Teufel das Weihwasser. Oftmals wissen wir einfach nicht, dass solche Umstände zu unseren Übergängen gehören. Wie der Schmerz zur Geburt gehört und die Nacht zum Tag.

Ohne Grenzen sind wir alles

Turbulente Grenzerfahrungen können uns bis an unser Lebensende verstört, verängstigt und gebrochen zurücklassen. Ohne das Wissen darum, dass diese Ereignisse dafür da sind, darüber hinaus zu wachsen, können sie uns verstärkt an unsere Begrenzungen fesseln. Nicht selten klammern wir uns dann an Überlebensstrategien, die wir ohne Hilfe und Halt von außen nicht wieder loslassen können.

Menschen, die es jedoch geschafft haben ihre Grenzen zu weiten, die tapfer durch die eine oder andere Hölle gegangen sind, erleben eine interessante Veränderung. Neben den Geschenken der inneren Heilung und der Erfahrung von Liebe, Macht und Kreativität, die sie ohnehin erhalten, werden auch die Übergänge leichter. Der Schmerz wird sanfter, die dunklen Nächte kürzer, die innere Leere wird getragen von Vertrauen und Freude auf das Neue und das Loslassen fällt leichter. Krisen werden zu Chancen. Menschen, die uns auf die Palme bringen und uns fertig machen, werden zu unseren Lehren. Situationen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, werden zu Möglichkeiten, größer und reifer zu werden. Und wenn das Leben uns wie eine Sackgassen erscheint, wissen wir, dass es mal wieder Zeit ist, uns weiter zu entwickeln.

Wir Menschen sind nicht das, was uns begrenzt. Wir sind die Ausdehnung. Es gibt hier kein Ankommen. Wenn wir denken, dass wir es geschafft haben, fertig sind oder es erreicht haben, dann werden wir bald feststellen, dass es nur wieder eine weitere Begrenzung ist, in der wir uns einrichten wollen. Der Wunsch, irgendwo anzukommen, auszuruhen, mit alledem fertig zu sein, ist in uns Menschen groß. Auch das Bedürfnis nach dem anhaltenden Glück und der immer währende Liebe, nach Sicherheit und Geborgenheit schlummert in unserem Inneren. Es muss doch einen Punkt geben, an dem dies ununterbrochen möglich ist. Diese erfüllenden Zustände können wir durchaus immer mal erleben, doch sie sind endlich. Sie gehen immer wieder vorüber. Das unendliche Glück, die anhaltende Liebe, die absolute Sicherheit und die tiefste Geborgenheit existieren dort, wo es keine Grenzen gibt. Unendliches, also all das, was immer da ist, hat keine Grenzen. Solange es Begrenztheit gibt, existiert auch Endlichkeit.

Wunderbar glückliche leichte und befreite Zustände machen sich meist in uns breit, wenn wir mal wieder eine innere Grenze überwunden haben. Doch schon bald regt sich das Bedürfnis in uns, diese festhalten zu wollen, sie an uns zu binden und sie für uns in Anspruch zu nehmen. Wir wollen einen Nutzen daraus ziehen. Manchmal erleben wir auch, dass diese wunderbaren Zustände einfach wieder verblassen und sich mit bekannten begrenzenden Mustern mischen. Wie es auch kommt, wir Menschen neigen dazu, uns immer wieder zu begrenzen. Allein schon aus dem Grund, weil wir uns auf diese Weise menschlich fühlen. Ohne Grenzen wären wir alles. Wir wären allumfassende, bedingungslos liebende Wesen, hätten alles Wissen in uns und wären unsterblich. Wir nehmen uns für gewöhnlich nicht auf diese Weise wahr. Was jedoch nicht bedeuten muss, dass wir es nicht sind.

Grenzen haben, heißt menschlich sein. An Grenzen stoßen ist menschlich. Grenzen zu meiden ebenfalls. In Grenzerfahrungen zu sein, Grenzen zu weiten und diese auszudehnen, sich zu entfalten, zu reifen, zu lernen und immer größer zu werden ebenso. Ohne Grenzen gibt es den Menschen nicht mehr. Kein Ich, kein du und auch kein wir. Das gibt es nur durch Begrenztheit.

Grenzen sind etwas zutiefst menschliches. Sie machen uns zu dem, was wir sind. Durch sie können wir viele unterschiedliche Erfahrungen machen. Vom tiefsten Leid bis zur höchsten Selbstwerdung. Ohne Grenzen gäbe es nur endlose Weite und Leere. Deshalb sind unsere Begrenzungen nicht dafür da, um vernichtet oder aufgehoben zu werden. Durch unsere Grenzen sind wir jemand. Ohne sie sind wir nur da. Nur da zu sein, ist das Größte, was wir erfahren können. Auch wenn dies einen unendlich langweiligen Eindruck auf uns macht, ist es tatsächlich das Höchste, Beste und Schwierigste, was es zu erreichen gibt. Mehr nicht. Danach gibt es nichts mehr. Sind wir im Sein aufgegangen, dann ist Schluss mit jeglicher Erfahrung. Bis dahin können wir jedoch mutig und fröhlich mit unseren Grenzen spielen. Lust entwickeln, mehr von dem zu sein, was wir sind. Uns weiten und ausdehnen. Wieder tief hinabsteigen, eng und finster werden. Darüber hinaus wachsen, Erfahrungen machen und alles, was wir sind mit anderen teilen. Für andere da sein, gemeinsam wachsen und immer wieder einfach nur da sein.

Und keine Angst, bei alledem, kann es uns niemals wirklich an den Kragen gehen. Das, was wir sind, ist unveränderlich immer da. Es sind die Grenzen, die einfallen, denen zu Leibe gerückt wird und die vernichtet werden können, niemals das, was wir sind. Wenn wir allerdings glauben, dass wir die Grenzen sind und nicht das, was sich in der Begrenztheit erfährt, dann kann das sehr beängstigend werden. Dann sieht es so aus, als könnten wir zerstört werden und müssen uns natürlich bewachen und verteidigen.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt – über die Ebenen der Verbundenheit

sadness-451917_1920Wenn wir jemanden lieben, dann fühlen wir uns mit demjenigen besonders verbunden. Ist diese Verbundenheit auf irgendeine Weise gestört, dann beginnen wir zu hoffen. Wir entwickeln optimistische Vorstellungen, Erfolg versprechende Erwartung und positive Wünsche, die recht bald in Erfüllung gehen sollen. Mit unserer Hoffnung bauen wir eine Brücke zwischen dem, was tatsächlich ist, uns aber nicht gefällt oder gut tut und dem, was werden soll und auf jeden Fall besser sein wird.

Hoffnung kann über Jahrzehnte aufrecht erhalten werden. Es gibt zwar keine Garantie, dass wir durch unsere Hoffnung das bekommen, wonach wir uns sehnen, doch sie hält uns in der Zuversicht und in dem Glauben, dass alles besser wird. Diese innere Haltung kann unsere Handlungen, unser Wohlgefühl und unsere Verhaltensweisen zutiefst beeinflussen. Sie kann uns über schwere Zeiten tragen und unser Leben retten. Doch wenn die Hoffnung stirbt, wir nicht mehr daran glauben, dass es besser wird, dann kann das Pendel in die andere Richtung ausschlagen. Depressive Zustände, Panik, Niedergeschlagenheit und Sinnlosigkeit können dann an die Stelle von Hoffnung und Zuversicht treten.

In Beziehungen neigen wir Menschen dazu, fehlende Verbundenheit mit Hoffnung zu überbrücken, um die Zeit der Entbehrung, Entsagung, des Mangels und der Trennung besser aushalten zu können.

Auf ganz tiefer Ebene sind alle Menschen miteinander verbunden, daher heißt es auch oft, dass die Liebe uns alle vereint. Diese Verbundenheit ist immer da, ob wir sie fühlen oder wahrnehmen können oder nicht, ändert nichts daran. Es ist eine Verbundenheit, die da ist und niemals zerstört werden kann. Normalerweise können wir uns in diese tiefe allumfassende Verbundenheit nicht hineinversetzen und sie auch nicht vollends begreifen, da wir andere Formen von Verbundenheit in unserem Alltag erleben und gelernt haben. Dort, wo wir unzertrennlich und immerwährend miteinander verbunden sind, wird sich dies auch nie ändern. Doch auf all den anderen Ebenen der Verbundenheit, können wir uns voneinander abtrennen. Der Unterschied zwischen der ursprünglichen unzerstörbaren und der eingeschränkten endlichen Form von Verbundenheit liegt darin, dass die erste Form von unserem Wesen ausgeht und die zweite Form ein Ausdruck unseres Wesens darstellt.

In unserem Wesen sind wir unzertrennlich. Im Ausdruck unseres Wesens können wir uns lösen, separieren, abkoppeln, isolieren, entfremden, wegdrehen, dicht machen, keine Worte finden, nicht aufeinander eingehen, wegstoßen, verurteilen und aneinander vorbei leben – wodurch wir anhaltende Trennung erzeugen können.

Auf der Ebene unseres Ausdrucks gibt es unterschiedliche Formen und Qualitäten von Verbundenheit. In einer Beziehung zwischen zwei Menschen kann dies in drei Bereiche eingeteilt werden. Wir können geistig, emotional und körperlich miteinander verbunden sein.

Unser zwischenmenschlicher Kontakt kann unterschiedliche Qualitäten haben. Wenn wir miteinander reden, dann kann das ein inspirierender geistiger persönlicher Austausch sein, es kann aber auch sein, dass einer den anderen belehrt, nur von sich erzählen möchte oder sogar angriffslustig den Gegenüber beschimpft. Die Qualität, mit der wir in Verbindung gehen, zeigt uns, wie sehr wir versuchen, abgetrennt voneinander zu sein oder uns annähern möchten. Wenn wir uns gegenseitig hassen und verachten, dann sind wir miteinander verbunden und halten uns dabei permanent auf Abstand. Sind wir dagegen wertschätzend und zuversichtlich miteinander, dann nähern wir uns in der Verbundenheit einander an.

In einer Beziehung zwischen zwei Menschen kann die Verbundenheit auf verschiedene Weise gestört sein. Wenn ich eine Paarbeziehung untersuche, dann schaue ich mir die geistige, seelische und körperliche Verbundenheit genauer an:

Geistige Ebene – Kommunikation, Austausch, gemeinsame Visionen und Werte

Auf der geistigen Ebene kann die Kommunikation gestört sein, wenn einer mit dem anderen nicht redet, dann kann das zu vielen Missverständnissen führen oder der, mit dem nicht gesprochen wird, fühlt sich unverstanden oder sogar abgelehnt. Oft weiß derjenige, der nicht spricht, einfach nicht, wie er sich ausdrücken soll, ist verunsichert oder hat es nicht gelernt, sich offen verbal auszutauschen, weil es in dessen Familie nicht üblich war, miteinander zu reden.

Auf der geistigen Ebene gibt es eine sehr sichere und verbreitete Form, sich gegenseitig auf Abstand zu halten: das Urteil. Wenn wir etwas stark verurteilen, beurteilen oder bewerten, dann wehren wir es ab. Das ist grundsätzlich schlecht, doch wenn es permanent geschieht, dann erzeugen wir unentwegt Trennung, Ablehnung und Geringschätzung.

Eine weitere Störung auf der geistigen Ebene von Verbundenheit, die so sehr verbreitet und daher in fast jeder Beziehung üblich ist, ist die Angewohnheit, dem anderen zu sagen, dass er anders sein soll. Dies ist wie eine ansteckende Epidemie. Eltern sagen es ihren Kindern, Kindern ihren Eltern, Frauen ihren Männern, Männern ihren Frauen usw.. Oft können wir uns selbst nicht so nehmen, wie wir sind und wurden schon von unseren Eltern auf diese Weise drangsaliert. Daher empfinden wir es als völlig normal, unserem Gegenüber andauernd signalisieren zu müssen, wie er sein oder nicht sein soll. Prinzipiell kann eine Bemerkung darüber, dass wir jemanden gern anders hätten oder dass uns etwas missfällt, vollkommen in Ordnung sein. Doch wenn wir immer wieder in allen erdenklichen Varianten unserem Gegenüber nahe legen, dass er so wie er ist, nicht richtig ist, er es anders machen, denken oder fühlen soll, dann ist das nicht nur anmaßend, sondern kann sehr abstoßend und zerstörerisch wirken.

Manchmal finden Paare auf dieser Ebene auch nicht zueinander, weil ihre Visionen und Werte nicht übereinstimmen. Ein Klassiker sind hier die Streitereien, die sich manchmal durch die gemeinsame Kindererziehung ergeben. Viele unserer Werte übernehmen wir von unseren Eltern. Wenn diese unreflektiert sind und nie in Frage gestellt wurden, dann übernehmen wir sie blind und sind meist auch nicht offen für etwas Neues. Auch gemeinsame Pläne, wie zusammen ziehen, Kinder kriegen, eine bestimmte Lebensweise oder heiraten können scheitern, wenn wir zu unterschiedliche Vorstellungen von unserem Leben haben. Kommen wir hier nicht zusammen oder gehen wir Kompromisse ein, anstatt einen Konsens zu finden, dann kann das zu Leid und Unzufriedenheit führen.

Seelische Ebene – Liebe, Mitgefühl, Verantwortung und Gefühle

Unverbundenheit auf der seelischen Ebene resultiert immer aus der Abgegrenztheit zu den eigenen Gefühlen. Fühlen wir uns selber nicht, weil wir nicht wollen oder können, dann fühlen wir auf dieser Ebene auch keine Verbundenheit zu unseren Mitmenschen. Leider ist auch dies ein sehr verbreitetes Phänomen. Wir können spüren, ob uns jemand seelisch an sich heran lässt oder uns auf Abstand hält. Meistens haben wir diese Erfahrung schon als Kinder bei einem oder beiden Eltern gemacht. Sich gefühlsmäßig nicht richtig nah sein zu können, kann in Beziehungen sehr verunsichernd sein. Wir fühlen uns dann bei dem anderen nicht gut aufgehoben, haltlos und allein gelassen. Derjenige, der sich verbinden will, perlt am Gegenüber regelrecht ab. Derjenige, der sich seelisch nicht verbinden kann, wird dies kaum bemerken und versteht meistens auch nicht, wovon der andere spricht, wenn er sich seelisch nicht aufgehoben fühlt. Seelische Nähe wird hier als bedrohlich empfunden und instinktiv verhindert.

Wir Menschen können auf der seelischen Ebene sehr belastet sein. Eigene oder familiäre Traumatisierungen, unverarbeitete Trauer, seelischer Schmerz oder Selbstentfremdung können seelische Verbundenheit unmöglich machen. Solche Belastungen führen dazu, dass ein Mensch alle anderen Menschen permanent abwehrt oder sich selber dem Gegenüber immer wieder entzieht. Diese Formen von Unverbundenheit mussten viele Erwachsene als Kinder bei ihren Eltern schon erleben. Solche Bindungsstörungen oder -traumata haben oft zur Folge, dass alle nachfolgenden Beziehungen auch nicht nah, gemeinschaftlich, vertrauensvoll, innig, freundlich und freundschaftlich gelebt werden können, weil es nicht gelernt wurde, seelisch gesund, teilnahmsvoll und herzlich verbunden zu sein. Bindungstraumata können Menschen zutiefst verunsichern und dazu führen, dass Beziehungen ständig kontrolliert werden müssen.

Körperliche Ebene – Sexualität, Berührung, Sinnlichkeit und Umarmungen

Auf der körperlichen Ebene ist für uns Menschen die Unverbundenheit am deutlichsten. Menschliche Körper sind getrennt voneinander. Daher ist der körperlicher Kontakt, die klarste und handfesteste Verbindung, die wir eingehen können. Unsere Körper sind von sich aus neutral. Sie wollen nichts geben und nichts bekommen. Daher ist absichts- und bedürfnisloses Umarmen, Berühren oder Beieinanderliegen im Grunde das natürlichste der Welt.

Oft geht in Paarbeziehungen die Körperlichkeit im Laufe der Jahre verloren. Es gibt keinen Sex mehr oder im Alltag wird sich nicht mehr berührt oder geküsst. Die körperliche Unverbundenheit kann viele Ursachen haben. Meistens sind es seelische Probleme, die hier die Nähe verhindern. Es kann aber auch sein, dass der Partner uninteressant, langweilig oder unattraktiv für den anderen geworden ist. Wenn der körperliche Kontakt schleichend verschwindet, dann helfen auch oft keine Gespräche mehr. Diese können sogar dazu führen, dass sich die Situation immer mehr verfestigt.

Haben wir unsere gemeinsame Körperlichkeit verloren, dann kann Paartherapie hilfreich sein, um sich einander wieder anzunähern. Hier können Vorstellungen, Vorlieben, Verletzungen oder Bedürfnisse offen zur Sprache gebracht werden, es kann neue Impulse für den Alltag geben oder es werden gemeinsame Strategien entwickelt, wenn sich das Paar dies wünscht, um sich körperlich wieder näher zu kommen.

Grundsätzlich ist die Körperebene, wenn sie nur für sich steht, eine eher unkomplizierte Ebene. Körper lieben Berührung und Kontakt. Um körperliche Unverbundenheit zu überwinden, müssen wir uns im Grunde nur betasten, beieinanderliegen, küssen, streicheln oder umarmen. Je absichtsloser, desto besser. Oft werden durch Körperkontakt jedoch eine Vielzahl von Bedürfnissen geweckt. Dazu gehören sexuelle Befriedigung, sich sicher und geborgen fühlen zu wollen, gesehen, wertgeschätzt oder attraktiv sein zu wollen. Diese Bedürfnisse gehören nicht zu unserem Körper, sondern zu unserem geistig-seelischen Ausdruck. Richten wir starke Bedürfnisse auf unseren Gegenüber, dann wirkt dies in der Regel abstoßend und führt zu Zurückweisung und Ablehnung. Am deutlichsten zeigen uns unsere Mitmenschen dies, indem sie uns körperlich auf Abstand halten.

Finden wir Menschen auf diesen Ebenen nicht zueinander, dann können wir viel Hoffnung, jedoch auch einige Ängste entwickeln. Es sind solche Ängste, die durch das Hoffen überhaupt erst entstehen, da wir ja nie genau wissen, ob unsere Erwartungen erfüllt werden, also, ob es jemals besser wird.

Die alte Redewendung – die Hoffnung stirbt zuletzt – sagt, dass wir unsere Erwartungen als letztes aufgeben. Wir halten lieber einem inneren Zustand der Zuversicht aufrecht, um nicht verzweifeln zu müssen, weil wir uns vielleicht nicht schlecht fühlen oder etwas ändern wollen. Deshalb gehen Hoffnung und Leid immer Hand in Hand. Dabei können uns gerade negative Gefühle sehr behilflich sein, wenn es darum geht, neue Entscheidungen im Leben zu treffen, intensiv mit uns in Kontakt zu kommen, kreativer zu werden oder uns besser abzugrenzen zu lernen. Hoffen wir unentwegt, anstatt uns irgendwann unserer realen inneren und äußeren Wirklichkeit zu stellen, dann kann es sein, dass wir wunderbare Lern- und Entwicklungschancen in unserem Leben einfach vorüberziehen lassen.

Hochsensibilität

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In meinem Praxisalltag begegnen mir immer wieder Menschen, die ein besonders offenes Wesen haben, welches ihnen unter Umständen sehr viel Schwierigkeiten bereiten kann. Wenn ich diese Menschen wahrnehme, dann erlebe ich in ihrem Geist und/oder in ihrer Gefühlswelt eine außergewöhnliche Offenheit.

Der Schatten einer solchen Offenheit ist der, dass eine große Offenheit im Geist, eine leichte Beeinflussbarkeit im Denken zur Folge haben kann. Eine hohe Sensibilität im Gefühl, eine hohe Empfindsamkeit nach sich zieht, zu Störungen im sozialen Verhalten führen kann, bis hin dazu, dass durch jahrelange seelische Überflutung mit fremden Gefühlen, Krankheiten entstehen können.

Hochsensibilität kann geistig, seelisch und körperlich sein. In diesem Artikel geht es um die geistige und seelische Hochsensibilität, wie ich sie während meiner Wahrnehmungsarbeit bei anderen Menschen erlebe. Teilen wir einen Menschen in zwei Ebenen: Verstand und Gefühl, dann ist es möglich, jede einzelne Ebene ganz konkret wahrzunehmen. Die geistige Verstandesebene ist unsere Erwachsenenebene, die seelische Gefühlsebene bezeichnet man auch als inneres Kind.

Diese beiden Ebenen sind entweder offen und weit, also hochsensibel, oder festgelegt und klar umrissen. Das können wir Menschen uns nicht aussuchen. Entweder wir haben von Natur aus ein geistig offenes oder ein geistig festgelegtes Wesen. Auf der Gefühlsebene ein emotional empfängliches oder ein ausstrahlendes Wesen. Gut ist hier, wenn wir über unser Wesen ein Bewusstsein entwickeln, denn das kann uns im Leben viel Leid ersparen.

Menschen, bei denen die Gefühlsebene offen ist, werden meist als hochsensibel bezeichnet. Sie sind sehr anfällig für seelische Krankheiten, wie Angststörungen, Psychosen, Depressionen, ADHS und auch für Zwänge. Menschen, dessen Geist besonders offen ist, werden als geistig flexibel, rege und als klar wahrgenommen. Sie neigen unter widrigen Umständen zu neurotischen Störungen, Verfolgungswahn, zu geistigen Überhöhungen oder Abgehobenheit.

Hochsensibilität auf der Ebene des Geistes, des Denkvermögens und des Verstandes bedeutet, dass Menschen einen sehr offen und weiten Geist haben. Ihre Auffassungsgabe ist enorm und sie haben viel Interesse an neuen geistigen Inspirationen. Zu enge Sichtweisen und zu starr festgelegte geistige Strukturen und Meinungen empfinden diese Menschen als langweilig, beschränkt und einengend. Sie wollen in den geistigen Weiten unterwegs sein, lieben neue frische innovative Gedanken und einen regen Austausch.

So ein offener Geist kann viel leichter von außen manipuliert werden. Meinungen, Ideologien und Theorien werden problemlos aufgenommen werden und dann die geistige Offenheit verstellen und blockieren. Geistig offene Menschen neigen außerdem dazu, ihren Geist permanent zu füttern, was dazu führt, dass sie sich ständig mit irgendwelchen Themen auseinander setzen oder als wandelndes Lexikon unterwegs sind, einfach nur, um auf dieser Ebene zur Geltung zu kommen, um jemand zu sein. Ohne dies würden sie wahrnehmen, dass ihr Geist weit und leer ist. Dies zu erleben, ohne zu wissen, dass diese weite Leere ein natürlicher Zustand ist, kann verunsichernd und verwirrend sein. Dann kommt es oft vor, dass sie sich als dumm, geistig unbeständig und als wankelmütig selbst abwerten, doch in Wirklichkeit ist ihr Geist weit offen und sehr aufnahmefähig. Er kann viele verschiedenen Wahrheiten nebeneinander stehen lassen und mag es nicht, sich festzulegen, da dies einfach nicht seiner Natur entspricht. Der festgelegte Geist, im Gegensatz zum offenen Geist, bewegt sich in feststehenden, geregelten und entschiedenen geistigen Strukturen, die in der Regel auch nicht verlassen werden. Ein festgelegter Geist ist ebenfalls ein natürlicher Zustand. Er gibt immer etwas vor, grenzt ein und ab. Eine Meinung wird höchstens durch eine andere ausgetauscht. Das FestgelegtSein ist dessen Natur.

Hochsensibilität auf der geistigen Ebene heißt: dort zu Hause zu sein, wo der Geist empfänglich, offen, leer und weit ist. Jemand mit solch einem Geist, kann seine geistige Leerheit entdecken und erleben, dass aus dessen Tiefe ungeahnte Weisheit aufsteigen kann.

Hochsensibilität auf der Ebene der Gefühle bedeutet, dass ein Mensch eine sehr offene, ausgedehnte, weite und aufnahmefähige Gefühlswelt besitzt. Ich bezeichne solche Menschen auch gern als “emotionale Staubsauger”. Sie spüren meist die Gefühle anderer Menschen und die Atmosphäre um sich herum deutlicher, als sich selbst. Leider haben sie auf der Ebene der Gefühle keine Grenzen, so dass außen immer gleich innen ist. In der Gegenwart anderer Menschen oder durch seelische Verstrickungen mit der Familie, verlieren sie ihr Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und können sich nicht mehr am eigenen Gefühl orientieren, bis dahin, dass sie ihre eigene Identität verlieren.

Solche Menschen lieben den Rückzug und meiden instinktiv Menschenmassen. Sie sind in Gruppen schnell überlastet und überfordert. In der Natur fühlen sie sich wohl, da die aufbauende und nährende Energie eines Waldes oder einer Wiese ihnen besonders gut tut. Hochsensible Menschen können große Ladungen fremder Gefühle in sich aufnehmen, was in ihnen enormes Unwohlsein und Ängste auslösen kann. Gibt es in der Familie Traumatisierungen, die nicht verarbeitet wurden, dann haben Hochsensieble diese in der Regel in sich drin, fühlen sich psychisch gestört oder müssen mit viel Mühe

Hochsensible Kinder nehmen all die Gefühle, die ihre Eltern unterdrücken, automatisch in sich auf, schreien, weinen und toben über Jahre hinweg und keiner weiß, was mit ihnen los ist. Sie haben keine Wahl. Das, was andere Menschen emotional ausstrahlen, wird von ihnen empfangen. Deshalb ist es für hochsensible Erwachsene wichtig, dass sie sich mit Menschen umgeben, die nicht all zu gestört, die authentisch und freundlich sind. Hochsensible Menschen erlebe ich oft als eher unemotional. Der stille weite See ihrer Gefühlswelt zeigt nur wenig Wellen. Sie sind emotionale Empfänger. Ist ihnen dies nicht bewusst, dann halten sie sich für falsch und denken, dass sie viel gefühlvoller sein müssten. Zudem können sie annehmen, sie seien seelisch gestört, wenn sie mit fremden Gefühlen identifiziert sind und diese immer wieder heraus weinen oder schreien. Da sie andere Menschen häufig nicht ertragen können, weil sie deren Gefühle und Ausstrahlungen zu stark empfangen, greifen sie auch gern zu Drogen, um ihre Ruhe zu haben und besser entspannen zu können.

Auf dieser Ebene so offen und empfänglich zu sein bedeutet, dass man immer genau spürt, wie die Atmosphäre im Raum ist und wie es anderen Menschen geht. Hat die Person jedoch kein Bewusstsein über ihr Wesen, dann ist diese Begabung mehr ein Fluch, als ein Segen.

Beide Formen der Hochsensibilität können komplett verstellt sein, so dass die Person nicht wahrnehmen und erleben kann, wie weit, offen und empfänglich sie eigentlich ist. Auf der geistigen Ebene können sorgenvolle Grübeleien, Organisationszwänge, Informationsfluten, Ideologien, Überzeugungen aus dem Umfeld und zu viel Kommunikation den weiten kreativen Geist verstellen. Auf der seelischen Ebene können eigene Traumatisierungen und seelische Verletzungen, unverarbeitete Trennungen und fremde Gefühle, die für die Eigenen gehalten werden, die von Natur aus weit ausgedehnte Seele blockieren und belasten.

Muster lösen

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Wir Menschen entwickeln Denk-, Verhaltens-, und Reaktionsmuster und halten diese aufrecht. Manche davon sind nicht sehr sinnvoll, nicht nützlich in Beziehungen oder sogar lebensfeindlich.

Wie können wir also Muster, die uns hinderlich, überflüssig oder  schwächend erscheinen, wirksam ändern?

Um Muster (ab)lösen zu können, müssen sie uns erst eimal bewusst werden. Sie müssen durch unsere bewusste Persönlichkeit laufen und von uns wahrgenommen oder bewusst erlebt werden, um dann erneuert, genauer gesagt: ersetzt werden zu können.

Muster lösen durch Bewusstheit

Muster, denen wir tagtäglich folgen, sind klar umrissene Bewusstseinsformen, die von unserem Gehirn gespeichert werden, um automatisch ablaufen zu können. Von den alltäglichen Angewohnheiten bis zur scheinbar unüberwindlichen Zwangshandlung – das Hirn speichert, hauptsache Befriedigung, Beglückung oder Wohlbehagen treten ein.  Bewusstsein an sich hat keine bestimmte Form. Wir geben dem Bewusstsein im Laufe der Jahre seine Prägung und halten diese in uns aufrecht. Unser Gehirn speichert also das, womit es regelmäßig versorgt wird und wiederholt das, was Glück verspricht.

Versuchen wir Muster durch Bewusstheit zu lösen, dann beobachten wir unsere Muster ohne sie zu analysieren. Wir leben unser Muster weiter, wie bisher und sind ganz wach und aufmerksam dabei: Wir registrieren ganz genau, wie wir wieder weiter arbeiten, obwohl wir müde sind. Wir bekommen mit, wie wir für andere etwas organisieren, obwohl wir selber genug um die Ohren haben. Es wird plötzlich ganz klar, wie sehr wir uns unter Druck setzen, streng mit uns sind und uns innerlich mit hohen Ansprüchen antreiben. Und sind ganz bei der Sache, während wir wieder Wäscheberge oder Schreibtischchaos produzieren. Wir sind ganz wach und anwesend, während wir unseren Programmen folgen. Der Unterschied zu vorher ist, dass nun unser Muster intensiver, deutlicher und genauer von uns erlebt wird. Das Muster ist nicht mehr allein – wir sind dabei!

Durch Bewusstheit lassen sich Muster nicht löschen. Sie werden greifbarer und können abgeschwächt werden, da sie zunehmend ihre Überlegenheit verlieren. In jedem Moment, in dem wir wach und aufmerksam bei uns sind oder wertfrei unser Muster beschreiben, wird es schwächer. Jedes Mal, wenn wir unserem Muster folgen, es leben oder analysieren, halten wir es am Leben und stärken es.

Muster lösen durch Weigerung

Haben wir das Muster erst einmal erkannt, dann können wir uns weigern, es zu leben, es auszuführen und zu bedienen. Weigerung ist eine Gabe des Willens. Das liegt nicht Jedem. Menschen, die sehr trotzig, dickköpfig und eigenwillig sein können, haben hier gute Karten. Sie können sich verweigern. Ihre Kraft, etwas abzulehnen, kann dazu führen, dass eingefahrene Muster keine Chance mehr haben.

Das vertraute Muster wird einfach unterbrochen: Stopp, das mache ich nicht mehr! Das will ich nicht mehr! Halt, so nicht weiter! Dafür stehe ich nicht länger zur Verfügung! Diese Methode muss jedoch sehr konsequent über längere Zeit durchgehalten werden, denn nur dann kann das Muster nachhaltig geschwächt werden. Ein Muster lebt, wenn wir es durchleben. Weigern wir uns, es zu durchleben, dann verkümmert es.

Besonders bei Süchten aller Art, kann es sehr hilfreich sein, einen Entzug zu machen, indem die Substanzen und Angewohnheiten komplett verweigert werden. Hier ist ein radikaler Verzicht oft unumgänglich, um entweder überhaupt davon weg kommen zu können, wenn es keine Kontrolle mehr gibt oder um ein gesundes Maß an Genuss, Unterhaltung und Zeitvertreib wieder zu erlangen. Denn das Verlangen nach Glücksmomenten bzw. -hormonen, das hier eine große Rolle spielt, egal um welche Sucht es sich handelt, kann sich durch Entsagung wieder regulieren.

Eine Weigerung funktioniert jedoch nicht, wenn es um starke Traumatisierungen geht. Hier kann unser Wille nicht all zu viel ausrichten, da Traumatisierungen oft an zu viel Angst gekoppelt sind und entsprechende emotionale Reaktionen erzeugen können, die allein durch unseren Willen nicht aufzuhalten sind. Hier ist eine mittragende Begleitung ratsam, in der starke Emotionen vielleicht sogar körperlich mitgehalten werden und die Erfahrung gemacht werden kann, dass nichts Schlimmes passiert, wir stattdessen fühlbaren Halt und Schutz bekommen.

Muster lösen durch Ersatzmuster

Wenn wir unseren gewohnten Mustern nicht mehr folgen wollen, dann brauchen wir Alternativen, die wir denken, mit denen wir reagieren und handeln können, so dass das alte Muster überschrieben werden kann. Unser Gehirn ist absolut bereit dazu, sich umzustellen, wenn wir ihm neue Muster anbieten. Natürlich geht das nicht von heut auf morgen, wir müssen üben und dran bleiben, bis das Neue für uns zur Normalität geworden ist – unser Gehirn mit dem Einspeichern fertig ist.

Ganz praktisch funktioniert das so, dass wir etwas tun, was für uns ganz persönlich eine annehmbare Alternative darstellt. Eine Strategie, die etwas besser, gesünder oder sinnvoller ist, als das, was vorher war. Das Neue sollte machbar sein, keine zu große Veränderung, denn wenn sie zu groß ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir in alte Muster zurück fallen, weil wir nicht durchhalten.

Am Anfang muss der Wechsel keineswegs perfekt sein. Unsere alten Muster sind da und sie werden in uns auftauchen, wenn sie das für nötig halten. Wenn das Muster auftaucht, dann haben wir nun aber die Wahl in unsere neue Strategie zu wechseln. Gut sind hier immer alle Strategien, die unserem Wesen entsprechen, denn diese fallen uns von Natur aus leichter, als Strategien, die von guten Ratschlägen ausgehen, also all jene Vorstellungen, die vielleicht für andere passen, aber nicht für uns.

Hier ein paar Anregungen:

Altes Muster: Sie schaut immer danach, wie es den Anderen geht, was andere sagen und tun, bis sie sich selber nicht mehr spürt und kennt. Neues Muster: Sie bezieht sich in ihre Aufmerksamkeit mit ein und nimmt wahr, wie es ihr selber geht und was sie denkt und bringt sich damit in die Beziehungen ein.

Er stellt sich im Gespräch über seine Mitmenschen, indem er belehrt und urteilt. *** Er fragt offen und interessiert, wie es dem Anderen geht und was dieser erlebt hat.

Sie fühlt Überlastung und lässt ihre Spannungen an der Familie ab. *** Sie fühlt Überlastung und tut sich etwas Gutes.

Er fühlt sich verunsichert und führt im Gespräch Monologe, um sich sicherer zu fühlen. *** Er fühlt sich verunsichert und kommuniziert dies kurz, um wieder im Kontakt sein zu können.

Sie ist unzufrieden und nörgelt an ihrem Mann herum. *** Sie ist unzufrieden und bittet ihrem Mann, ihr zu zu hören, so dass sie über ihre Gefühle sprechen kann.

Er will seine Ruhe haben und setzt sich an den Computer. *** Er will seine Ruhe haben und sucht einen Ort der Stille, wo er zu sich kommen kann.

Sie ist sehr aufgewühlt, weil eine Begegnung anders ausging, als sie es sich dachte. *** Sie ist sehr aufgewühlt, weil etwas anders gekommen ist, als sie dachte und lenkt sich ab, um sich nicht rein zu steigern.

Er fühlt sich ungenügend, was dazu führt, dass er immer mehr arbeitet. *** Er ist im Hier und Jetzt und tut nur Dinge, die anstehen und in diesem Moment erledigt werden können.

Sie sorgt sich immer wieder um die Zukunft. *** Sie kümmert sich darum, dass sie jetzt in diesem Moment geistig, seelisch und körperlich gut versorgt ist.

Er muss ständig etwas unternehmen, um seine innere Unruhe zu bändigen, was ihn erschöpft. *** Er unternimmt Dinge, die ihn nähren und beruhigen.

Sie verteidigt sich immer, wenn jemand sie kritisiert. *** Sie spricht darüber, wie es sie angreift, wenn ihr das Gefühl gegeben wird, nicht richtig zu sein.

Er ist verwirrt und fühlt sich nicht mehr, wenn seine Frau Gefühle zeigt oder Spannungen hat. *** Er kommuniziert, was ihm entgegen kommt und zeigt Mitgefühl.

Sie ist schüchtern und hält sich für dumm. *** Sie spürt ihr liebevolles Wesen und interessiert sich dafür, wie es dem Anderen geht.

Er wird laut und schreit andere an, wenn der Stresspegel ansteigt. *** Er will die Dinge so wie sie sich zeigen und sagt kraftvoll und bestimmt, wo seine Grenzen sind.

Sie fühlt sich deprimiert, weil keiner sie liebt, wertschätzt und sieht. *** Sie geht liebevoll mit sich um, ist gut und aufmerksam mit sich und anderen.

Er versucht immer gut zu sein, um keine Konflikte zu erzeugen. *** Er bemüht sich um angemessenes Verhalten, was Grenzen und Konflikte mit einbezieht.

Sie fühlt sich für alles und jeden verantwortlich. *** Sie lenkt ihr Verantwortungsgefühl und ihre Fürsorge mehr und mehr zu sich selbst.

Wirklich starke Muster, die massive psychische Belastungen kompensieren müssen, lassen sich nicht so leicht verändern, da sie zu unseren hochwirksamen Sicherheitsvorkehrungen gehören, so dass wir innerlich im Gleichgewicht bleiben können. Hier ist es ratsam, sich Unterstützung zu holen, bis Veränderungen nicht mehr als „gefährlich“ empfunden werden. Veränderungen dürfen nervig sein, keinen Spass machen, langweilig, aufregend oder langwierig sein, sie dürfen auch alles durcheinander bringen oder mühsam erscheinen, aber sie sollten für unser Innerstes keine Bedrohung darstellen. Das nutzt niemandem.

Geht nicht – gibt’s doch! – Wenn Veränderungen nicht möglich sind

Geht nicht gibt's doch!Wenn wir Veränderungen wollen und diese nicht gelingen, dann liegt es meist daran, dass wir einem unbewussten inneren Plan folgen und deshalb nicht mit unseren bewussten Entscheidungen mitgehen können.

Dieser innere Plan besteht aus unbewussten Mustern, die uns an vertrauten Lebensumständen, Handlungen oder Personen festhalten lassen. Nicht nur an genussvollen, nützlichen und schönen, sondern auch an solchen, die uns vielleicht schon längere Zeit nicht mehr gut tun.

Fühlen wir uns seit längerer Zeit unwohl, leiden wir, sind wir traurig, krank oder permanent verärgert, dann werden uns unsere Mitmenschen vielleicht schon mal gesagt haben: Du musst jetzt etwas ändern! Doch das ist oft gar nicht so einfach, denn wenn wir es mit unbewussten Mustern zu tun haben, dann werden diese dafür sorgen, dass die bestehenden Lebensumstände aufrecht erhalten werden. Selbst wenn wir ganz entschlossen sind Veränderungen vorzunehmen, können diese Muster eine Kraft entwickeln, die viel stärker ist, als unsere Vernunft. Denn es geht hier um unsere tiefen, schon früh angelegten Überlebensmuster, die uns Halt und Sicherheit geben und zudem für unser soziales Überleben sorgen. Sie bestimmen letztendlich, was gelebt wird und was nicht.

Die Auswirkungen solcher Muster können ganz unterschiedlich sein:

  1. Die Beziehung ist längst vorbei, sie will sich neu verlieben und trotzdem kann sie den Exmann nicht loslassen.

  2. Es ist völlig klar, dass es nicht richtig ist, sich für andere erwachsene Menschen ständig verantwortlich zu fühlen, doch immer wieder springt dieser Impuls an, sich um andere zu sorgen, sich zu kümmern und ihnen ungefragt zu helfen.

  3. Er reagiert auf das Leben immer wieder so angepasst und harmonisierend, dass er nach Außen unschlüssig und schwach wirkt.

  4. Die lieb gewordenen Angewohnheiten, zu viel zu essen, zu trinken, zu arbeiten, zu rauchen, zu zocken, zu kiffen, ständig einzukaufen oder vor dem Rechner zu sitzen, sind gesundheitsschädlich und selbstentfremdend, doch für viele Menschen lässt sich das Maß einfach nicht so leicht regulieren.

  5. Der Job quält ihn schon seit vielen Jahren, doch er kann sich keinen neuen suchen.

  6. Sie hat all die vielen schmerzhaften Symptome, weiß dass sie Ruhe braucht und doch kann sie nicht aufhören, immer beschäftigt zu sein.

  7. Die Wohnung liegt ungünstig und ist zu teuer und trotzdem kann er nicht umziehen.

  8. Der Sohn ist schon ende zwanzig, wohnt noch im Elternhaus und niemand in der Familie ist in der Lage, daran etwas zu ändern, obwohl der Schritt in die Eigenständigkeit gut für ihn wäre.

  9. Die Wohnung ist unordentlich und schmutzig. Sie kann keine Ordnung halten. Wenn sie alles aufgeräumt und schön gemacht hat, sieht die Wohnung in kürzester Zeit wieder aus wie vorher.

  10. Sie liebt ihre Kinder, will nur das Beste und doch ist sie immer wieder kalt, vorwurfsvoll und aggressiv.

  11. Er knabbert an den Nägeln, fasst sich immer wieder an die Nase und wippt ununterbrochen mit dem Bein. Nur mit viel Konzentration lassen sich diese Ticks für kurze Zeit unterdrücken.

  12. Viele schlaflose Nächte hat sie schon hinter sich. Langsam lassen die Kräfte nach. So sehr sie sich auch bemüht einzuschlafen, sie bleibt wach.

Sind unbewusste Muster aktiv, dann haben wir keine freie Wahl mehr über unsere Reaktionen, Handlungen oder über unser Erleben. Wir müssen ihnen folgen, ob wir das gut finden oder nicht. Oft wissen wir ganz genau, dass wir so nicht weiter machen wollen und sollten. Es gab schon viele Versuche, es anders zu machen, etwas zu verbessern, loszulassen, dran zu bleiben oder wegzulassen, doch Vergebens. Nur einen Moment nicht aufgepasst und schon ist alles wie gehabt …

Warum ist das so?

Unsere Persönlichkeit ist im Grunde gar nicht in der Lage, von sich aus zu entscheiden, was in ihr auftauchen soll und was nicht. Sie ist nämlich so eine Art ausführendes Instrument unserer Instinkte, Gewohnheiten, Emotionen, Gedankenberge, Erfahrungen, Impulse und Automatismen. Einfach gesagt: vorgefertigte, festgelegte und eingeübte Muster nutzen unsere bewusste Persönlichkeit dazu, um in der jetzigen anstehenden Lebenssituationen das Überleben zu sichern.

Dabei ist es für diese Muster vollkommen nebensächlich, ob die momentane Reaktion oder Handlung angemessen ist, ob sie wirklich hilfreich, gesund oder gut für alle ist. Muster können nur so sein, wie sie irgendwann einmal festgelegt wurden. Über viele Jahre wurden sie „eintrainiert“. Sie sind im Gehirn durch entsprechende Vernetzungen festgeschrieben. Wir können also nicht anders sein, als unsere Muster es vorgeben. Im Bewusstsein unserer Persönlichkeit kann daher immer nur das auftauchen, was als Muster in uns angelegt ist. Deshalb stellen wir manchmal zurecht fest: Ich kann nicht anders. Ich bin eben so.

In dem Moment, in dem Muster in uns aufsteigen, denkt unsere Persönlichkeit jedoch immer, es wär ihr eigener Einfall, ihr eigenes freies Wollen, Handeln und Erleben. Doch in Wirklichkeit ist dieses Wollen, Handeln und Erleben gar nicht neu und frei. Unsere Persönlichkeit ist nur ein ausführendes Element, das jedoch so tut und oft auch zutiefst davon überzeugt ist, dass sie einen freien Willen, freie Entscheidungen und ein unabhängiges Erleben besitzt. Der bewusste Verstand, die Vernunft und das Wollen haben aber in Wirklichkeit absolut keine Wahl, wenn die angelegten unbewussten Muster etwas bestimmtes vor haben, wenn sie in uns auftauchen, um zum Ausdruck zu kommen.

Beispiele von Mustern, die stärker sind, als der Wille und die Vernunft (passend zu den oberen Beispielen):

  1. Menschen, denen es sehr schwer fällt, einen geliebten Menschen loszulassen, haben oft Muster in sich, mit denen sie seelisch inständig festhalten, weil sie entweder frühere Verluste nicht überwunden haben oder Schuldgefühle sie binden. Meistens wurde die Bindung zu den Eltern bereits in der Kindheit durch seelisches Anklammern gesichert.

  2. Menschen, die sich für andere Menschen zwangsläufig verantwortlich fühlen, haben mit diesem Muster schon versucht, ihre Eltern zu retten, zu beschützen und zu versorgen.

  3. Automatische Anpassungsreaktionen bieten einen permanenten Schutz, wenn das prägende Elternhaus bedrohlich oder verantwortungslos war.

  4. Suchtverhalten jeder Art gibt Halt und Struktur, es hilft, seelische Belastungen zu ertragen und von der momentanen Lebenssituation abzulenken. Oft gibt es Erfahrungen tiefer Verunsicherung und Haltlosigkeit, die noch nicht verarbeitet wurden.

  5. Veränderung erfolgreich verhindern, ist ein Muster, das sich entwickelt, wenn es unverarbeitete seelische Belastungen gibt oder wenn die Person durch frühe Bindungsstörungen oder Traumatisierungen zutiefst verunsichert ist.

  6. Ständig etwas tun zu müssen, ist ein Muster, das verhindern soll, sich selbst zu fühlen. Meistens ist das, was da aus dem Gefühl aufsteigen will, einfach zu schlimm und zu groß.

  7. An einem Ort festhalten kann eine große Hilfe und Stütze sein, wenn die Bindung zur Mutter gestört ist.

  8. Wenn Veränderungen in Familien nicht möglich sind, dann liegt das oft an einem übermäßigen Festhalten untereinander. Oft finden sich Traumatisierungen durch Vertreibung und andere schlimme Erlebnisse in vorangegangenen Generationen, die nicht verarbeitet wurden.

  9. Unordnung ist das Ergebnis von intensiver Ablenkung. Sich von dem momentanen Augenblick und vom eigenen Dasein abzulenken, kann helfen, sich zu entlasten. Manchmal ist es eine Folge von zu früher zu großer Verantwortung und schlechten Grenzen. Oft sind hier aber auch Formen von Selbstbestrafung durch unverarbeitete Schuldgefühle im Spiel.

  10. Kalt oder angriffslustig zu werden sind Selbstschutzmuster, die anspringen bei Überlastung, oft durch zu hohe Selbstansprüche und starke Schuldgefühle.

  11. Nägel beißen, mit dem Bein wippen sowie andere Ticks und Zwänge sind Muster, die dem Menschen helfen, sich sicherer zu fühlen, wenn Druck entsteht durch Selbstentfremdung. Diese Entfremdung kann unterschiedlichste Ursachen haben. Verborgene familiäre Belastungen, Bindungsstörungen, verkopft sein oder Identitätsschwäche sind nur einige davon.

  12. Schlaflosigkeit (wenn sie nicht durch hormonelle Störungen oder durch Mineralmangel ausgelöst wird) ist ein seelisches Muster, mit dem der Mensch sich selbst schützend bewachen möchte, wenn die Kindheit zu unsicher und beängstigend war. Bei symbiotischen Verstrickungen tritt Schlaflosigkeit auch oft als Symptom auf oder wenn es eine Überidentifikation mit der Arbeit gibt.

Etwas loslassen, etwas verändern, sich abgewöhnen wollen oder einfach anders, freier, weiter, gelassener, abgegrenzter, liebevoller, verbindlicher oder sonst etwas zu sein, ist nicht möglich, wenn unbewusste Muster unser Dasein mitbestimmen.

Seelische Muster sind immer stärker, als die bewusste Persönlichkeit.

im nächsten Artikel mehr dazu …

Einsamkeit

dscf6585Wenn ich Menschen wahrnehme, dann spüre ich sehr oft das Gefühl der Einsamkeit. Tief aus unserer Gefühlswelt, dem Inneren Kind, steigt sie auf und kann plötzlich unsere ganze Persönlichkeit für sich einnehmen. Egal, ob wir gerade allein auf dem Sofa sitzen, frisch getrennt oder verliebt sind, mit Freunden unterwegs oder mit der ganzen Familie um den Weihnachtsbaum tanzen. Einsamkeit kann immer und überall ausgelöst werden.

Einsamkeit ist eine alte Erfahrung, die wir meist gut kennen und der wir gern ausweichen. Sie wohnt in uns, sie gehört zu uns und wenn sie über uns kommt, dann fühlt es sich so an, als wären wir von allen anderen Menschen vollkommen abgetrennt. Es ist ein Gefühl von Isolation, so, als hätten wir jede Verbindung verloren. Wir können uns dabei entweder hilflos und verlassen fühlen oder uns selbst als zutiefst verschlossen und unzugänglich wahrnehmen.

Einsamkeit ist ein Gefühl, welches in früher Kindheit entsteht, meist, wenn die Bindung zu den engsten Bezugspersonen irgendwie gestört war. In dieser Störung war entweder der Erwachsene nicht zugänglich oder das Kind hat sich abgekapselt.

Kinder sind in der Bindung zum Erwachsenen komplett abhängig.

Es reicht oft schon, dass der Erwachsene einfach nur viel zu tun hat und schon kann sich Einsamkeit in der Kinderseele einnisten. Da viele Eltern selber eine Grundeinsamkeit in sich tragen, können sie die Einsamkeit ihres Kindes nicht wahrnehmen und ihnen deshalb auch nicht helfen. Auch durch die Geburt von Geschwistern, viel Arbeit, seelischen Belastungen, Dauerstress oder innere Abwesenheit beim Erwachsenen, kann sich Einsamkeit im Kind ausbreiten.

Die meisten Kinder tragen all die vielen bindungslosen Momente liebend und geduldig mit, bis sich ein bleibendes Gefühl von Einsamkeit in die Seele eingewoben hat. Wenn das Kind dann Aufmerksamkeit und Liebe bekommt, kann es diese nur schlecht in sich aufnehmen, denn Einsamkeit ist wie eine seelische Vernarbung. Und so kann es kommen, dass ein Kind sich, selbst in der warmen Umarmung seiner Eltern, einsam fühlt.

Andere Kinder fühlen sich einsam, weil sie sich selber von den Eltern abkapseln. Oft stimmt hier einfach die Chemie in der Beziehung zum Erwachsenen nicht. Das Kind erlebt seine Eltern als lieblos, als zu laut, als demütigend und übergriffig. Es fängt an, sich zu schützen, indem es sich unberührbar macht, nichts mehr an sich heran lässt und sich innerlich verschließt. Dass sind die Kinder, die ganz steif werden, wenn man sie umarmen oder trösten will, solche, die nicht mehr zuhören und lieber allein sein wollen. Hat sich dieser Selbstschutz in ihrer kleinen Persönlichkeit erst einmal verfestigt, dann können sie ihn selber nicht mehr regulieren. Diese Kinder sitzen einsam und traurig in ihrer Schutzkapsel und niemand kommt mehr an sie heran. Obwohl der Schutz einst dem Negativen galt, hält er nun auch das Positive vom Kind fern.

Wenn Einsamkeit im Erwachsenenalter fühlbar wird, dann kann folgendes hilfreich sei:

Reden – ein liebe- und verständnisvolles Gespräch mit der Einsamkeit wirkt Wunder. Dafür kann man sich einen ruhigen Ort suchen, die Einsamkeit spüren und sie ansprechen, als wäre es ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge und sagen: „Ich kann spüren, wie einsam du dich fühlst. Es tut mir leid, dass du so allein damit bist. Du bist noch so klein und solltest nicht allein sein. Ich will mich um dich kümmern. Ich liebe dich und bin jetzt für dich da.“ Diese Worte können das Gefühl der Einsamkeit vorerst verstärken und Traurigkeit fühlbar werden lassen. Dies ist jedoch in Ordnung, denn wir beginnen, uns intensiver zu fühlen und das verstärkt das Unwohlsein vorübergehend. Durch eine regelmäßige verbale Verbundenheit löst sich Einsamkeit auf.

Fühlen – wird Einsamkeit für uns fühlbar, dann kann ein intensives waches absichtliches Hineinfühlen, uns erfahren lassen, was Einsamkeit wirklich ist: ein altes Gefühl aus unserer Vergangenheit, dass wir einfach nur noch nicht verarbeitet haben. Fühlen wir ganz bewusst unsere Einsamkeit, dann werden wir wahrscheinlich auch der Angst vor diesem Gefühl begegnen. Und vielleicht fühlen wir auch noch Traurigkeit. All diese Gefühle ganz klar und deutlich zu spüren, natürlich nur so lange, wie wir uns sicher und wohl fühlen, kann diese Stück für Stück auflösen. Alte Gefühle sind in der Regel sehr unangenehm und normalerweise vermeiden wir es, sie intensiver zu fühlen. Durch das willentliche und geistig wache Hin-Fühlen, kann sich jedes Gefühl in Liebe, Freude oder inneren Frieden wandeln. Es ist die geistige Haltung: „Ich bin bereit dich zu fühlen – Einsamkeit. Du gehörst zu mir. Wenn ich dich deutlich fühle, dann erlöse ich dich. Immer wieder werde ich dir klar und wach begegnen, bis du vollkommen verwandelt bist.“

Berührung – Einsamkeit ist das Gegenstück zur Unverbundenheit. Während kommunikative Menschen gern durch Gespräche in die Verbindung gehen, emotionale sich tief fühlen und erfahren wollen, hilft es den körperlich-bodenständigen Menschen, ihre Einsamkeit zu heilen, indem sie körperlichen Kontakt haben. In diesem Kontakt sollte unbedingt beachtet werden, dass dieser vollkommen absichtslos ist. Umarmungen, sich lange im Arm liegen oder auch miteinander tanzen, können wunderbare Formen heilsamer Begegnung sein. Absichtslose Umarmungen sehen so aus, dass keiner von dem anderen etwas will. Es gibt niemanden, der etwas braucht und haben will und es gibt niemanden, der dem anderen etwas gibt. Je neutraler die innere Haltung ist, desto mehr Heilung geschieht. Immer, wenn wir uns durch Körperlichkeit etwas ‚holen‘ wollen, verhindern wir unbewusst Empfänglichkeit. Immer, wenn wir in der Körperlichkeit absichtlich etwas ‚geben‘ wollen, verhindern wir unbewusst tiefe Verbundenheit. Ein sehr hohes Maß an Heilung ist möglich, wenn physische Körper ganz absichtslos und innig beieinander sein können.

Seelische Verletzungen – Selbstschutzmuster

dscf4572Tragen wir seelische Verletzungen in uns, dann legen wir uns mit der Zeit Selbstschutzmuster zu. Wie eine unsichtbare Ritterrüstung schützt sie uns unentwegt.

Da uns unsere alten seelischen Verletzungen sehr verunsichern können, uns verletzbar und schutzlos machen, lernen wir mit der Zeit, uns selber gut zu schützen.

Dafür entwickeln wir Strategien und Verhaltensweisen, die uns vor weiteren Verletzungen, Demütigungen und Erniedrigungen schützen sollen. Doch vor allem sollen sie abwehren, dass all die Gefühle, die wir verdrängt haben, für uns selber fühlbar werden.

Solche Selbstschutzstrategien werden um die innere Verletztheit herum gelagert, oft sogar so gut und so lange schon, dass wir selber gar nicht mehr wissen, wie sehr wir uns schützend von uns selbst abtrennen und auch von unseren Mitmenschen. Und oft sogar so selbstverständlich, dass wir uns nicht mal mehr darüber wundern, was wir da eigentlich tun.

Folgende Schutz-Strategien begegnen mir immer wieder in meinem Arbeitsalltag:

(Auch wenn ich die männliche Schreibform -der Typ- wähle, sind hier nicht nur Männer, sondern auch Frauen-Typen gemeint ;0)

  • Der klare verkopfte Typ ist kühl und gefasst, weiß zu allem etwas zu sagen und kann sich so geschickt rechtfertigen, dass der Gegenüber irgendwann nicht mehr weiß, worum es eigentlich ging. Die Fähigkeit, zu analysieren, zu vergleichen und gedanklich einzuordnen, endet nicht selten in endlosen Grübeleien. Dadurch, dass er sich eher in den geistigen Ebenen aufhält, fühlt er sich meist leicht und frei. Gefühle der Mitmenschen werden oft als belastend erlebt. Gefühlsausbrüche sogar als anstrengende Überforderung. Bei dem Versuch, solch ein emotionales Verhalten in Beziehungen gedanklich zu lösen, entsteht Hilflosigkeit und innerer Rückzug. Wenn er dann doch mal in eine emotionale Unstimmigkeit hinein gezogen wird, dann will er alles, was mit Gefühlen zu tun hat, logisch erklären, schnell abhandeln oder gleich im Keime ersticken: „Wenn du so drauf bist, dann rede ich erst gar nicht mit dir.“

  • Der aggressive angriffslustige Typ. Er steht meistens unter Spannung, gerät schnell in Wut, bewertet stark, fordert und beschimpft. In Konflikten sorgt er mit einem Machtkampf dafür, dass er immer Oberwasser hat und verletzt den Gegenüber, um sich überlegen und sicher fühlen zu können. Angriff ist hier die beste Verteidigung. Schnell und zielsicher behält er die Oberhand. Er will bestimmen, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Spannungsgeladene Ausbrüche treffen plötzlich auf seine Mitmenschen und erzeugen dort Angst und Anpassung. Starke und tief sitzende Schuldgefühle treiben ihn zudem noch zu verletzenden Vorwürfen. „Du bist selber schuld. Du hast mich wütend gemacht.“

  • Der träge teilnahmslose Typ. Er ist umgeben von Schwere und Trägheit. Wenn es Auseinandersetzungen gibt, dann prallen Argumente und Emotionen an seinem dicken Fell ab. Er hinterlässt den Eindruck, als wäre er unerreichbar, als könne ihn nichts berühren und als wäre keine Veränderung möglich. Alles beim Alten lassen und das Leben auf ein erträgliches Minimum zu reduzieren sind seine Stärken. Zwischenmenschliche Reibereien, die ja der Entwicklung dienen können, werden hingenommen, ausgehalten und eher ertragen, als genutzt. Langsamkeit, Impulslosigkeit und Pausen bestimmen oft den Alltag, was dazu führt, dass Erledigungen nicht angegangen oder nicht abgeschlossen werden. Druck und Vorwürfe von außen, verschlimmern diese innere Starre noch mehr. Wie ein Fels in der Brandung, stabilisiert er sich in Bewegungslosigkeit.

  • Der angespannt getriebene Typ. Er ist in Bewegung und hat ständig etwas zu tun. Es kommt einem so vor, als wäre er auf der Flucht oder würde ständig einem Ziel nachjagen. In Auseinandersetzungen versucht er Spannungen zu harmonisieren, indem er Situationen optimistisch verschönt und vielleicht auch freundlich verharmlost. Oder er dramatisiert, um das Wesentliche zu umschiffen. Gern versprüht er gute Laune, Liebe und Freude. Seine betonte Freundlichkeit, auch Lebendigkeit und lautes Lachen werden jedoch von den Mitmenschen oftmals als verstörend und unangenehm empfunden. Ein nett gemeinter milder Kleber legt sich über alles Traurige und Schmerzvolle. Dieser Typ kann wie eine Maschine funktionieren und dabei körperlich immer wieder zutiefst erschöpfen. Krankheiten verschaffen ihm dann eine Pause zum Kräfte sammeln. Perfektionismus gibt Halt und Sicherheit. Immer wird das Leben verbessert. Für andere Menschen da zu sein, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen, ist sein Lebenselixier.

Hat ein Mensch eines dieser Muster stärker oder schwächer entwickelt bzw. Mischformen davon, dann ist das ein Zeichen dafür, dass er Erfahrungen und Identifizierungen in sich trägt, die er beschützen und sichern muss:

Verletzungen, Demütigungen, Folgen von Vernachlässigung und Gewalt, innere Zerrissenheit durch einen Jenseitssog, eigene Traumatisierungen oder die eines Familienangehörigen, sind nur Einige davon.

Je stärker die seelische Verletzung ist und das traumatisierende Erleben war, desto besser und hermetischer ist die Rüstung. In solch einem Selbstschutz fühlen wir uns sicher. Das Selbstschutzmuster zu verändern oder zu durchbrechen, ist kaum möglich und sollte auch nicht versucht werden, denn dadurch können wir uns aus dem Gleichgewicht bringen.

Einem Menschen sein Schutz-Verhalten vorzuwerfen, ist auch nicht sehr aussichtsreich und sinnvoll, denn jemand, der sich wie oben beschrieben verhält, kann gar nicht anders. Da gibt es keine Alternative. Er würde sich sonst selber in Not bringen.

Ein Schutzmuster ist immer die Folge von einem schwerwiegenden, nicht aushaltbaren unverarbeiteten Erlebnis. Eine Reaktion und eine Antwort auf etwas tiefer Liegendes in uns, etwas, dass wir nicht alleine halten, nicht lösen oder ändern konnten und können.

Der schützende Teil und der beschützte Teil gehören unzertrennlich zusammen.

Ohne Schutz kann Ohnmacht, Unsicherheit, Machtlosigkeit, Schmerz, Hilflosigkeit, Schwäche, Schwere, Unbehagen, Entwurzelt-Sein, Trauer, Leid, Abgründe, Schreck, Entsetzen, Erstarrung, Schock, Ängste, Empfindungslosigkeit, Verletzungen, Sog ins Jenseits, Überlastung, Weinen und vieles mehr in uns aufsteigen.

Ohne all diese belastenden Gefühle brauchen wir keine Schutzmuster, sondern können als eine frei fließende authentische wache liebende und klare Persönlichkeit leben, die die Höhen und Tiefen des Lebens entspannt, besonnen und sicher durchlebt.

Traurigkeit und seelischer Schmerz

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Traurigkeit dehnt sich in unserer Gefühlswelt aus. Sie ist immer da und wenn es einen Anlass gibt, dann macht sie sich in uns breit. Das ist ihre Verhaltensweise. Traurigkeit gehört zu unserer Gefühlswelt, wie das Blut zu unserem Körper. Säfte fließen, Muskeln spannen sich an, Gelenke bewegen sich in ihrem vorgezeichneten Radius und Traurigkeit dehnt sich aus. Nach einer Ausdehnung zieht sie sich auch wieder zusammen, so, wie ein Muskel sich nach der Anspannung auch wieder entspannt – wenn man ihn lässt.

Durch Weinen bekommt Traurigkeit einen Ausdruck und kann, wenn nötig, abfließen. Halten wir Traurigkeit fest, sammeln wir sie über Jahre in uns an oder findet sie aus anderen Gründen keinen Ausdruck oder Raum, dann bewegt sie sich Richtung Körper, wo sie Krankheiten, Schwere und Erschöpfungszustände verursachen kann.

Seelische Verletzungen dagegen sind den körperlichen Verletzungen sehr ähnlich. Sie werden zugefügt. Unser eigenes Denken, Enttäuschte Erwartungen, Ereignisse in unserem Leben oder einfach eine verletzende Bemerkung, können uns schmerzlich treffen und seelische Wunden hinterlassen. Seelische Verletzungen können zutiefst schmerzhaft sein.

Werden starke seelische Verletzungen gefühlt und zum Ausdruck gebracht, dann geschieht dies oft in Form von Schreien, Zittern, dem Impuls, schlagen, etwas zerschlagen oder treten zu wollen sowie lautes Weinen. Auch Verletzungen können in den Körper verschoben werden, wenn wir nicht bereit sind oder in der Lage fühlen, sie zu fühlen. Im Physischen erzeugen sie dann vorzugsweise chronisch entzündliche Prozesse.

Gefühle bestehen aus energetischen Ladungen, Kräften, Spannungen und wuchtigem Druck, die unserem Nervensystem und all unseren sensiblen körperlichen Rhythmen und Vorgängen stark zusetzen und diese sogar zersetzen können.

Traurigkeit dehnt sich auf der Höhe des Solarplexus aus. Wut, ein anderes ursprüngliches Gefühl, nehme ich im Körper weiter unten im Bauchraum wahr. Dehnt sich Traurigkeit aus, dann können wir das als Druck spüren, der Richtung Hals immer stärker wird.

Kinder lassen Traurigkeit einfach durch den Hals fließen, weinen und schluchzen. Erwachsene halten Traurigkeit im Bereich des Zwerchfells oder des Halses oft reflexartig fest, denn hier sitzen Ängste, die den Fluss der Traurigkeit blockieren können. Zu diesen Ängsten gehören: die Angst vor Zurückweisung, Ablehnung und Missbilligung und die vor Auseinandersetzung, Konflikt und Spannung. Im Hals sitzt aber auch die Fähigkeit der Selbstkontrolle, die wir einsetzen, wenn wir die für uns unangenehmen Gefühle einfach nicht fühlen wollen.

Eine seelische Verletzung ist ein deutlich anderes Gefühl, als Traurigkeit. Sind wir verletzt, dann fühlen wir uns wund, gekränkt, gedemütigt, erniedrigt, entwürdigt oder misshandelt. Verletzungen entstehen, wenn unsere Grenzen von uns oder unseren Mitmenschen nicht gewahrt wurden, wenn negative Einflüsse uns treffen oder wenn unsere Erwartungen und Vorstellungen nicht erfüllt wurden. Eine seelische Verletzung hinterlässt einen Schmerz, durch den wir uns gequält und schutzlos fühlen. Begleitend nehme ich bei diesem Gefühl oft Enttäuschung, Frust, Zorn und unterdrückten Ärger wahr.

Traurigkeit nehme ich als ein sehr ursprüngliches Gefühl wahr. Ich empfinde es als eine Energie, die nicht feurig ist, wie die Wut und nicht so vitalisierend und belebend, wie die Lust, auch nicht so eng und beklemmend, wie Angst, sondern eher etwas bleiern, sumpfig, dumpf und lähmend. Um die Traurigkeit herum können Hoffnungslosigkeit, alter Kummer und längst vergessene Kränkungen, Mitleid, Einsamkeit und die Erfahrung von emotionaler Vernachlässigung zu finden sein.

Traurigkeit kann außerdem auch mit Freude, Lust oder Wut vermischt sein, da dies alles Grundgefühle sind, die sich auch gleichzeitig ausdehnen können. Solch ein Gefühlsbrei kann uns allerdings sehr durcheinander bringen, da unsere Gefühle eine wichtige Orientierung für uns darstellen. Daher ist es immer gut, die innere emotionale Aufregung ruhiger werden zu lassen, Gefühle einzeln zu fühlen und sie zu klären.

Folgende Fragen können dabei helfen:

  • Was fühle ich genau?

  • Wo sitzt das Gefühl im Körper?

  • Was macht mich traurig?

  • Was macht mich wütend?

  • Was hat mich verletzt bzw. alte Verletzungen aufgerissen?

  • Sind es meine Gefühle, die ich da wahrnehme oder kommen sie aus meiner Familie oder aus meinem Umfeld? (Das ist für viele Menschen eine sehr wichtige Frage. Dazu unten mehr…)

Weitet und dehnt sich unsere Seele aus, wie wir es in der Weite der Natur, in Therapie oder in der Meditation erleben können, dann schiebt sie gern einen Berg Traurigkeit vor sich her. Wie ein großer Schneeflug den Schnee auftürmt, schiebt unser Seele unsere Traurigkeit in Richtung Hals, wo sich dann ein dicker Kloß bildet. Es kann auch am Brustbein ein Druck entstehen, der uns den Atem zu nehmen scheint. Hier kann es sehr eng werden, wenn in uns die Angst vor Verletzungen schlummert oder wenn wir uns aus irgendeinem anderen Grund vor der Liebe verschlossen haben.

Entstehung von Traurigkeit

Traurigkeit ist etwas, das in seiner ursprünglichen Form keine Therapie oder Heilung braucht. Sie entsteht eigentlich gar nicht, sondern dehnt sich in unserem Körper, wenn es eine entsprechende Gelegenheit gibt, aus. Als Ausdruck unserer Seele, wie auch Freude, Wut und Lust, ist Traurigkeit einfach nur gesund. Ihr Ausdruck über unseren Körper ist, wie schon erwähnt, das Weinen. Wenn sie sich im Laufe der Jahre im Körper verfangen hat oder als Blockade in unserem Gefühlskörper verharrt, dann kann Therapie sehr hilfreich sein. Denn es ist gut, wenn Traurigkeit Raum bekommt, in dem sie fühlbar wird und fließen kann.

Bevor Traurigkeit sich ausdehnt, braucht sie einen Auslöser, einen Grund. Da wir Menschen sehr unterschiedlich gestrickt sind, lösen auch unterschiedliche Dinge unsere Traurigkeit aus. Wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben, dann dehnt sich Traurigkeit oft in vielen Schüben, über Monate und Jahre aus, was wir als Trauern bezeichnen.

Bei empathisch emotionalen Menschen kommt Traurigkeit schneller in Wallung: beim Anblick einer Hochzeit, eines Babys, eines traurigen Menschen, bei einer berührenden Filmszene oder während ein alter Herzschmerzsong gespielt wird. Es kullern auch die Tränen, wenn über Liebe, Vertrauen, Verbundenheit oder Hoffnung gesprochen wird, sich entschuldigt wird, etwas lieb gewonnenes verabschiedet werden muss oder wenn tiefe Dankbarkeit ausgesprochen wird.

In meinem Praxisalltag begegne ich immer wieder Menschen, die mit dem Weinen nicht aufhören können. Es gibt dann meist auch keinen handfesten Beweggrund, der das viele Weinen rechtfertigt. Das hat in der Regel damit zu tun, dass nicht die eigene Traurigkeit heraus geweint wird, sondern die der Mutter, des Vaters oder der Großeltern.

Unverarbeitete Trauer und Traumatisierungen unserer Vorfahren kann bewirken, dass wir ständig weinen müssen und dabei keine seelische Erleichterung erfahren. Oder wir spüren instinktiv, dass etwas nicht stimmt, wenn fremde Gefühle in uns sind und trennen uns gänzlich von einem Großteil unserer Gefühlswelt ab. Hier ist es wichtig, die eigenen von den fremden Gefühlen unterscheiden zu lernen. Und die Gefühle, die nicht die eigenen sind, dorthin zu entlassen, wo sie hingehören.

Viele Menschen fühlen unentwegt die Gefühle anderer Menschen. Diese sensiblen, emotional empfangenen Menschen, nehmen fremde Gefühle und Atmosphären ihrer Umwelt in sich auf und denken, es wäre das Eigene. Das kann sehr verunsichernd sein und zu falschen Selbstbildern führen, körperliche und psychische Krankheiten verursachen, aber auch das Immunsystem anhaltend überlasten.

Rein körperliche Ursachen, die zu unentwegtem Weinen führen können, sind Hormon- und Mineralmangel, die durch viel Stress, älter werden und durch eine ungesunde Lebensweise zustande kommen können.

Aber auch das Freiwerden von alter Traurigkeit, kann viel Weinen auslösen. Auslöser gibt es da sehr unterschiedliche: ein Gespräch, Verluste, Abschied, Verliebtsein, Sex, ein Film oder Meditation. Dann sind wir ganz verwundert und verwirrt, weil plötzlich Traurigkeit in uns hervorbricht, die keinen aktuellen realen Bezug hat. In solchen Momenten können wir davon ausgehen, dass unser Körper eine Ladung angestauter Gefühle und Erinnerungen aus der Vergangenheit freigeben will. Keine Angst – wir können sicher sein, dass diese, wie eine Welle kommt und auch wieder geht.

Alte Traurigkeit, die sich oft wie ein Schatten vor unsere Liebesfähigkeit legt und unsere innere Freiheit behindert, entsteht immer in unserer Kindheit.

Hier begegnen mir folgende Auslöser:

  • die familiäre Atmosphäre war kalt, lieblos und belastend

  • die Liebe, die gegeben wurde, war zu wenig oder nicht sanft und liebevoll genug

  • die Eltern konnten nicht in einen wachen aufmerksamen Kontakt gehen, nicht trösten und nicht zuversichtlich sein

  • die Welt wurde grundsätzlich als unangenehm und lieblos wahrgenommen

  • Eltern wurden als unberechenbar wechselhaft und als funktional erlebt

  • das Schlechte, Gewaltvolle und Böse unserer Existenzebene wird als Qual, als Bedrohung und als Enge empfunden

  • Liebe kann sich, wegen familiärer Blockaden, nicht ausdehnen und fließen

  • Eltern, Geschwister oder Großeltern leiden an ihrem schweren Schicksal, worunter mitgelitten wird

  • innere Hilflosigkeit, Ohnmacht, Mangel an Sicherheit und Halt können ebenfalls zu großer Traurigkeitsansammlung in unserer Gefühlswelt führen

In alter Traurigkeit vermischt sich Traurigkeit mit den Erinnerungen aus einem längst vergangenen Erlebnis. Bekommt diese Traurigkeit Raum durch bewusste Wahrnehmung oder durch das Zulassen von Gefühlen, dann sausen uns nicht nur Gefühle, sondern auch vergessene Erinnerungen um die Ohren. Das kann sehr verwirrend sein, vor allem dann, wenn wir denken: „damit habe ich längst abgeschlossen“, „da bin ich drüber hinaus gewachsen“, „das kann mich nicht mehr anheben“ oder „da bin ich längst durch“.

Gerade wenn das Leben inzwischen schöner, runder und glücklicher ist, als damals, kann es uns schwer fallen, die Altlasten zuzulassen. Da sie unserem aktuellen Lebensgefühl nicht mehr entsprechen, empfinden wir sie als störend. Die Unterscheidung zwischen aktueller und alter Traurigkeit ist hier sehr hilfreich und wichtig, so dass wir keine Zweifel an unserer Selbstwahrnehmung bekommen und nicht in Selbstabwertungen landen: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ „Ich bin doch nicht normal.“

Wie oft haben wir uns darum bemüht, traurige Momente einfach nur schnell hinter uns zu lassen, doch ein paar Jahre später stiegen dann all die alten Gefühle wieder in uns auf und belästigten uns regelrecht – oft auch über körperliche Schmerzen.

Wie kommt das?

Wir können Gefühle nicht abschütteln. Wir können sie nur abspalten und verdrängen, dass es so scheint, als wären sie nicht mehr existent. Es bleibt jedoch immer die Angst, dass es irgendeinen Auslöser geben wird, der sie in uns aufsteigen lässt. Durch Verdrängung ist es aber möglich, über viele Jahrzehnte die alten Gefühle in Schach zu halten. Das kann zwar Leben retten und stabilisieren, doch leider geht das immer auf Kosten unserer Beziehungen. Denn nur so weit, wie wir mit uns selber verbunden sind, können wir auch anderen Menschen nah sein.

 

Der Jenseitssog

DSCF4537Der Sog ins Jenseits ist eine ’seelische Bewegung‘, der ich oft in meiner Arbeit begegne. Wenn jemand diesen Sog hat, dann bedeutet das nicht, dass derjenige sterben möchte oder Selbstmord gefährdet ist. Ein Jenseitssog entsteht, wenn ein Teil unserer Seele aus dem Leben zieht, zu jemanden hin, der bereits gestorben ist.

Im Laufe der Jahre habe ich zwei Varianten beobachtet:

  1. Ein Mensch hat jemanden durch den Tod verloren. Das können Vater, Mutter, Großeltern, Geschwister, Zwilling, Kinder, enge Freunde und sogar Tiere sein. In der Regel gibt es eine enge oder besondere Bindung zu der verstorbenen Person oder dem Tier. In den meisten Fällen wurde sich mit dem Verlust nicht ausreichend auseinander gesetzt, Loslassen fällt schwer oder es wurde versäumt, angemessen zu trauern.

  2. Eine nahestehende Person hat einen starken Jenseitssog, wie in Punkt 1. beschrieben und da diese Person aus dem Leben zieht und gefühlt ‚verloren‘ geht, wird unbewusst seelisch (fest-)gehalten. Dadurch kann man ‚mitgezogen‘ werden.

Ein Jenseitssog gehört, wie schon erwähnt, nicht zu den seelischen Verstrickungen und Dynamiken, die uns dazu bringen können, uns selbst das Leben nehmen zu wollen. Da gibt es ganz andere Belastungen, die eher dazu führen können. Es geht hier um die Nähe zu einer geliebten Person und nicht darum, sterben zu wollen. Für die Angehörigen ist es meist ein einschneidendes Erlebnis, wenn jemand die körperliche Existenzebene verlassen hat. Können wir dies nicht gut verarbeitet, dann tragen wir den Verlust als seelische Belastung mit uns herum.

Körperlich können wir nur auf einer Ebene existieren, doch seelisch auf verschiedenen Existenzebenen sein. Zieht unsere Seele vom Körper weg, weil wir jemandem hinterher oder ihn halten wollen, dann bekommen wir in unserer körperlichen Existenz Schwierigkeiten. Wenn uns klar geworden ist, dass wir bei unserem Körper bleiben müssen, dann ist das bei dieser Verstrickung schon ein guter erster Schritt.

Viele Menschen zieht es vom körperlichen Dasein weg, hin, in lichtere leichtere und feinere Bewusstseinsebenen. Dieses Weg-wollen ist jedoch kein Sog, sondern eine anhaltende Distanziertheit, die uns lediglich davon abhält, das Leben im Irdischen vollkommen anzunehmen. Im Jenseitssog dagegen wollen wir nicht vordergründig dem Irdischen entkommen, sondern folgen der Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit zu einem geliebten Menschen, der sich von uns entfernt hat.

Nehme ich einen solchen Jenseitssog wahr, dann begegnen mir folgende Anzeichen und Eigenschaften:

  • die Person weiß meistens nichts davon, weil der Sog nur auf einer tiefen Gefühlsebene gefühlt werden kann und wenn er gefühlt wird, dann kann er kaum benannt oder klar eingeordnet werden

  • der Jenseitssog ist kein schmerzhaftes oder heftiges Gefühl, eher eine Art subtiles aus dem Körper gezogen werden

  • es ist ein unentwegtes unterschwelliges Wegziehen, dass dazu führt, dass uns ca. 40-60% Lebensenergie nicht zur Verfügung stehen

  • solch ein Sog wird auch als süße melancholische Schwere empfunden, die zu einem gehört, wie ein alter lieber Teddybär

  • oft liegen Traurigkeit, Verlustschmerz oder Wut oben drauf, Gefühle, die meist gut unterdrückt werden

  • im Laufe des Lebens entwickelt die Person eine besondere Anziehung oder Neigung in Bezug auf Verluste, entweder sie verlässt ständig andere Personen, wird verlassen oder sie verliert immer wieder Menschen, ohne etwas dagegen tun zu können, womit die Ohnmacht bei dieser Verstrickung sehr deutlich wird

  • die geringere Lebensenergie, mit der die Person klar kommen muss, spiegelt sich oft in Formen von Mangel wieder: Geld, Freunde, Ideen, Zeit, Erfolg, Lust …

  • es ist für eine Person mit Jenseitssog sehr schwer, sich zu binden, Beziehungen verlaufen kompliziert oder erstarren

  • im Jenseitssog kann weiterhin eine Symbiose (siehe Artikel Symbiosen) vorliegen, die zu Lebzeiten schon bestand – solche Verstrickungen reichen über den Tod hinaus

  • das Gefühl, im Leben irgendwie festzustecken

Um einen Jenseitssog lösen zu können, müssen wir herausfinden, zu wem es unsere Seele hinzieht. Dann kann ein Ablösungs- und Trauerprozess beginnen. Nicht selten möchte die Person diesen Prozess nicht durchlaufen, um die Endgültigkeit des Getrennt-Seins nicht akzeptieren zu müssen. Das kommt daher, weil der natürliche Zustand, unserer liebenden verbundenen Seele, Einheit und Nähe ist. Es ist gegen ihre Natur, sich zu trennen, sich abzuschneiden und unverbunden zu sein. Das Diesseits und das Jenseits sind wie zwei verschiedene Räume. Wir können mit dem einen (seelischen) Bein hier und mit dem anderen dort sein, doch dann sind wir in keinem Raum richtig anwesend.

Die Tür zum Jenseits steht immer offen. Für unsere Seele existiert der Tod nicht. Der Tod bedeutet nur für unseren physischen Körper das Ende. Zieht es die Seele aus dem Leben ins Jenseits, dann nimmt dieser Sog die Energie, die wir im Alltag brauchen, mit sich. Wir fühlen uns der verlorenen Person zwar näher, zahlen jedoch einen hohen Preis: ein unlebendiges und halb gelebtes Leben. Um den inneren Widerstand gegen das Getrennt-Sein zu überwinden, kann es helfen, zu verstehen, wie sehr wir uns mit dieser seelischen Grätsche schaden und wie wenig Liebe, Freude und lebendiger Seelenfrieden uns dadurch im Alltag bleibt.

Die folgenden Sätze können uns bei der Ablösung behilflich sein:

  • Ich lassen dich ziehen.

  • Ich hier und du da.

  • Ich bleibe noch ein bisschen (20/30/40 Jahre) und dann komme ich auch.

  • Ich will leben und komme zu dir, wenn ich dann auch gestorben bin.

  • Es tut mir sehr leid, dich loslassen zu müssen. Bald sind wir wieder zusammen.

  • Ich liebe dich und bleibe hier.

  • Ich will dich nicht länger halten und lasse dich jetzt gehen.

  • Ich lebe und du bist gestorben. Nun geht unsere Reise für eine Weile getrennt weiter.

Diese Sätze können so lange zu dem Verstorbenen oder zu demjenigen, den es aus dem Leben zieht, in Gedanken gesagt werden, bis keine Träne mehr fließt, kein Schmerz mehr aufsteigt, bis diese Sätze frei und leicht gesagt werden können.

Symbiose – Belastet durch Verbundenheit

Symbiose

Von Menschen, die symbiotisch sind, höre ich oft folgende Sätze:

  • Ich bin schon lange nicht mehr ich selbst.

  • Ich kann mich nicht fühlen.

  • Ich verliere mich in den Beziehungen zu anderen Menschen.

  • Wer bin ich eigentlich?

  • Ich kann mich nur schwer abgrenzen.

  • Kümmere mich immer um Andere.

  • Ich habe die Diagnose: Depression, Psychose, ADHS, manisch-depressiv …

  • Ich fühle andere immer mehr als mich.

  • Ich sehne mich danach, ich selbst sein zu können.

  • Ich leide unter der schlechten Verfassung (krank sein, süchtig sein, depressiv sein, hyperaktiv sein …) meiner Mitmenschen.

  • Ich fühle mich schwer, müde, handlungsunfähig und belastet, kann nicht aufhören zu weinen, bin nervös, schnell wütend, kann nicht schlafen, kann mich nicht entspannen …

  • Ich brauche Drogen oder Medikamente, um mich gut fühlen zu können.

In einer Symbiose verbinden wir uns mit dem unverarbeiteten Schicksal unserer Eltern, Großeltern oder einer anderen nahestehenden Person. Wir identifizieren uns mit ungelösten Gefühlen, erleben dann das ‚Fremde‘ (fremde Gefühle) als unser ‚Eigenes‘. Das ‚Fremde‘ nimmt den Platz unserer eigenen Gefühle ein, es überlagert sie ganz oder teilweise. Als Reaktion darauf, werden wir, je nach Temperament: schwer, handlungsunfähig, unsicher, unruhig, gereizt oder wütend. Unverarbeitete Gefühle, wie Trauer, seelischer Schmerz, Angst, Schock, Sog ins Jenseits, Schamgefühle, Schrecken oder Entsetzen (auch ein Gemisch aus diesen Gefühlen), können hier eine Rolle spielen. Diese Gefühle wurden von unseren Vorfahren nicht verarbeitet, sondern verdrängt, abgespalten oder tabuisiert. Menschen, die symbiotisch sind, verbinden sich meist unbewusst mit diesen Gefühlen und nehmen sie in sich auf.

Was ist was? – Gefühle unterscheiden lernen:

Auf der Ebene der Gefühle können wir uns das so vorstellen: wir stehen oder schwimmen in einem klaren Waldsee. Normalerweise finden wir in diesem klaren Gewässer unsere persönlichen Gefühle. Diese Wasserwesen schwimmen vorbei oder hängen an uns dran. Da gibt es vielleicht einen dicken grauen Traurigkeits-Fisch, der auf unserer Schulter sitzt, weil wir uns nach Liebe und Verbundenheit sehnen. Vielleicht grummeln auch Wut-Haie vorbei, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen. Auch fiese Verletztheits-Würmer können uns anspringen und uns mit ihren Widerhaken kratzen. Und Schuld-Quallen pfropfen sich liebend gern auf unser Herz. Aber auch Scham-Schlangen wickeln sich gern um unseren Bauch. Vielleicht hängt auch ein Trägheits-Rochen an unserem Bein. … All diese eigenen Gefühle sind für uns handhabbar und gut auszuhalten. Spüren wir sie, dann wissen wir meistens auch, warum sie da sind. Wenn wir sie festhalten, dann werden sie größer und anhaltend fühlbar. Lassen wir sie einfach da sein, dann kommen und gehen sie von allein. Kümmern wir uns verantwortungsvoll um sie, dann verwandeln sie sich in Liebe, Frieden und Lebendigkeit. … ‚Eigene‘ Gefühle sind für uns tragbar und gut zu verarbeiten. Kommen starke fremde Gefühle in unseren kleinen Waldsee, dann ist es so, als würde sich ein dicker psychisch gestörter schrecklicher Wal dort breit machen. Da gibt es dann kaum noch Platz für eigenen Gefühle, geschweige denn die Weite für Offenheit und Liebe. Wir sind dann unentwegt einer subtilen ungreifbaren Bedrohung ausgesetzt. Das macht uns gereizt, müde, taub oder dumpf und führt zu einer ständigen Überforderung …

Solange nicht erkannt und gefühlt werden kann, was das ‚Eigene‘ und was das ‚Fremde‘ ist, kann der Mensch keine Erleichterung und Heilung finden. Wenn das ‚Fremde‘ erkannt und abgelöst wurde, kann derjenige wieder zu sich selbst werden, frei und selbstbestimmt leben.

Aktive und passive Symbiose:

Ich unterscheide bei den Symbiosen zwei Formen: die aktive und die passive Form.

Bei der aktiven Form haben wir viel Empathie, Liebe und Mitgefühl für unsere Mitmenschen. Wir wollen helfen, für andere da sein, sie unterstützen und können es kaum ertragen, wenn die Menschen, die wir lieben, leiden. Unbewusst (auf der innere Kind-Ebene) klammern wir uns mit unsichtbaren Seelenarmen um den Schmerz eines Elternteils oder halten dessen verwahrlostes trauriges gestörtes und verzweifeltes inneres Kind im Arm. Wir halten das Schwere und Tragische fest, mit der Absicht, Mama oder Papa zu entlasten. Unsere Lieben sollen nicht allein sein mit ihrem leidvollen Schicksal. Wie eine schwere Tasche, an die wir mit anfassen, halten wir es fest, so dass es für den anderen leichter wird. Bei dieser Art der Symbiose, gibt es eine klare Motivation: wir wollen behilflich sein und entlasten, weil wir spüren können, wie schwer, leidvoll oder belastend es für Mama oder Papa ist, was sie/er dort mit sich herum trägt.

Bei der passiven Form, ist es etwas anders. In der normalen natürlichen seelischen Verfassung sind diese Menschen sehr sensibel, offen, neugierig, interessiert und weit. Sie spüren die Atmosphäre um sich herum, als wäre sie ‚in ihnen drin‘ und jede emotionale Regung, jeden Umschwung und jede Veränderung in dieser Atmosphäre nehmen sie ‚in sich‘ wahr. Sie nehmen die Stimmungen in sich auf, wie die Luft beim Einatmen. Eine ausgeprägte Grenzenlosigkeit auf der Ebene der Emotionen ist hier zu finden. Für sie ist es grundsätzlich schwierig, das ‚Fremde‘ vom ‚Eigenen‘ zu unterscheiden. Wurde in der Familie eines solchen Menschen, Trauer, Traumata oder Schmerz nicht verarbeitet, dann ist es bei einer passiven Symbiose so, dass diese Gefühle wie selbstverständlich aufgenommen werden, einfach weil sie in der Atmosphäre liegen. So wie Rauch eingeatmet werden muss, wenn er in der Luft liegt.

Alle ADS/ADHS Kinder, deren seelische Verfassung ich untersucht habe, waren symbiotisch mit einem Elternteil. Deshalb werden die Symptome in der Pubertät oft besser, weil sie da in der Lage sind, ihre seelische Belastung besser zu kompensieren, zu kontrollieren oder abzuspalten.

Was tun?

Menschen, die symbiotisch sind oder es ständig werden, können folgendes tun:

  1. Erkenne/spüre, mit wem du seelisch verbunden bist (in meiner täglichen Praxis spüre ich diese Verbindungen für meine Klienten mit meiner Wahrnehmung auf)

  2. Löse dich von dem fremden Schicksal (dafür habe ich tief gehende Rituale entwickelt)

  3. Werde zu dir selbst (dafür habe ich integrative Rituale entwickelt)

  4. Lerne, dich abzugrenzen (das kann man üben)

Da Kinder sich nicht auf diese Weise helfen können, weil ihre Persönlichkeit noch nicht entsprechend entwickelt ist, ist es hier wichtig, heraus zu bekommen, mit welchem Elternteil das Kind symbiotisch ist (das kann man wahrnehmen). Dieser kann dann an seinem Trauma, Schmerz usw. oder an seinem eigenen symbiotischen Verhalten arbeiten, um das Kind zu entlasten. (Auf diese Weise habe ich inzwischen mit einigen Eltern gearbeitet und die Kinder wurden ruhiger, konzentrierter, gesünder und wieder mehr sie selbst.)

Von Natur aus miteinander verbunden …

Das Wort ‚Symbiose‘ bedeutet: zusammen leben. Das hört sich ganz harmlos an. In unserem Alltag können wir ‚zusammen leben‘, ohne uns mit dem Schicksal anderer Menschen zu belasten. Das würden wir im psychologischen Sinne jedoch nicht als Symbiose bezeichnen. Das Zusammen-Leben ist auch nicht die Voraussetzung für eine Symbiose. Ich habe schon mit Menschen gearbeitet, die einen Elternteil in jungen Jahren verloren haben und trotzdem seelisch mit dessen Schicksal verwoben und dadurch beschwert waren, einfach weil sie dem Elternteil nah sein wollten.

Ich würde sagen, dass die Ursache von belastenden Symbiosen in unserer eigenen Natur liegt. Wir Menschen haben tief in uns eine natürliche Verbundenheit miteinander. In unserer Familie ist diese besonders stark ausgeprägt, jedoch zieht sich diese Verbundenheit in Wirklichkeit über die ganze Menschheit hinweg. Miteinander verbunden zu sein, ist unserer natürlicher Zustand. Erst unsere Persönlichkeit sorgt dafür, dass wir uns als getrennt von den anderen Menschen wahrnehmen und erleben. Unsere Persönlichkeit identifiziert sich, sie ist jemand, sie hat Überzeugungen, eine Geschichte, Erfahrungen, Vorlieben, Abneigungen, Prägungen, Überlebensstrategien, Schutzmechanismen, Absichten, Motivationen, Abspaltungen und Bewertungen. Das macht uns zu einer konditionierten gefestigten Persönlichkeit.

Um jedoch frei, gesund und selbstbestimmt sein zu können, braucht unsere Persönlichkeit oft einen Wandlungsprozess, der ihr hilft, in ihre natürliche Form zu kommen. Hier werden Symbiosen gelöst, alte Gefühle und Traumata geheilt, Überzeugungen in Frage gestellt und sich auf die Suche nach dem ganz ‚Eigenen‘ gemacht.

Warum werden manche Menschen (Kinder) symbiotisch und sind belastet und andere nicht?

Wer mehrere Kinder hat, der weiß aus eigener Erfahrung, dass jedes Kind anders ist. Das eine hat ein großes Herz und spürt alles, das andere ist sehr sensibel und spürt noch mehr und dann gibt es da eins, das ist so bei sich, dass die Gefühle anderer oder die Atmosphäre keinen großen Einfluss zu haben scheinen. Das sind die bodenständigen Kinder, die, mit der guten Verbindung zum Physischen. Für sie ist essen, schlafen und Körperkontakt sehr wichtig.

Wenn wir durch symbiotisches Verhalten belastet sind, dann bringen wir meist entsprechende Neigungen mit, die dies begünstigen:

  • Liebende Menschen wollen mit allem um sich herum gut fürsorglich und liebend verbunden sein. Sie erleben sich und ihre Umwelt aus dem Herzen, aus den Gefühlen heraus.

  • Sehr sensible Menschen erleben sich und ihre Umwelt aus ihrer Sensibilität und aus einer feinen Wahrnehmung heraus. Sie haben eine gute Verbindung zu den feinen geistigen Bereichen, die nicht nur Gefühle, sondern auch feinste Schwingungen und Informationen selbstverständlich mit einbeziehen.

  • Bodenständige Menschen erleben sich und ihre Umwelt vor allem aus der körperlich-handelnden Perspektive heraus und sind dadurch am wenigsten anfällig für Symbiosen.

Für Menschen, die symbiotisch sind, ist es wichtig, abgegrenzter zu sein:

  • Im körperlichen Bereich ist es am klarsten, denn dieser Bereich ist von Natur aus getrennt.

  • Im emotionalen Bereich ist es das Sich-Automatisch-Verbinden (vor allem mit Leidvollem), das Helfen-Wollen und das Entlasten-Wollen, was genau unter die Lupe genommen werden muss.

  • Und im sensitivem Bereich ist das Ankommen im physischen Körper sehr hilfreich und das verstärkte wahrnehmen des ‚Eigenen‘ notwendig, um besser abgegrenzt sein zu können.

Wir Menschen existieren natürlich in all diesen Bereichen. Wir sind geistig, seelisch und körperliche Wesen. Jeder Mensch fühlt sich jedoch zu ein bis zwei Bereichen besonders stark hingezogen, hält sich dort mehr auf. Das, was wir da bevorzugen, scheinen wir Menschen als Prägung bereits mitzubringen. Bei Kindern kann ich das oft ganz deutlich wahrnehmen.

Voraussetzung ist, es gibt etwas Belastendes in der Familie …

In Familien, in denen negative Gefühle und Traumatisierungen abgespalten, verdrängt, nicht verarbeitet und tabuisiert werden, können diese von den nachfolgenden Generationen mitgetragen werden. Abzuspalten und zu verdrängen ist für viele Menschen jedoch absolut lebensrettend und trägt zur Stabilisierung des Menschen bei. Schicksale müssen nicht verarbeitet werden. Viele traumatisierten Menschen tragen ihr schweres Schicksal mit viel Kraft und Lebenswille bis ins hohe Alter. Für die Nachkommen ist nur wichtig zu wissen: egal, was in meiner Familie passiert ist, ich bin in erster Linie dafür verantwortlich, ob mich schweres Schicksal aus der Familie belastet oder nicht.

Wir wollen von Natur aus Verbundenheit und suchen diese von Anfang an natürlich bei unseren Eltern. Fälschlicherweise identifizieren wir uns dann oft mehr mit dem, was nicht zu uns gehört, anstatt mit uns selbst. Durch das Erkennen der Verstrickung, über die Disidentifikation des ‚Fremden‘ (das, was ich da fühle, bin ich nicht), hin zur Identifikation mit dem ‚Eigenen‘, können wir wieder in ein kraftvolles, freies, gesundes und selbstbestimmtes Leben kommen.