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Erschöpfung und Burnout – was du konkret tun kannst

In den vergangenen Jahren ist mir aufgefallen, dass immer mehr Menschen erschöpft, müde oder sogar völlig ausgebrannt sind – also keine Kraft mehr haben und mit den Nerven völlig am Ende sind.

Sogar Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene leiden unter einem viel zu niedrigen Energielevel. Sie werden krank, können nicht gut schlafen, sind unruhig und meiden am Ende das sogenannte „normale“ Leben, weil sie einfach nicht mehr können, ängstlich und unsicher sind.

Ursache Nr. 1 – funktionieren anstatt bewusst und achtsam zu handeln

Eine Hauptursache auf der Verhaltensebene ist das Funktionieren.

Hier haben wir ganz klare Ideen und Vorstellungen davon, wie der Tag zu laufen hat, wie wir sein wollen, was wir alles zu erledigen und zu tun haben. Es gibt eine klare Vorstellung von dem, was passieren soll und der folgen wir einfach mit voller Kraft. Manchmal über Jahrzehnte. Wir funktionieren wie Maschinen.

Das zentrale Problem ist hier, dass die Körperempfindungen ignoriert werden. Ohne das Gespür für uns selbst, können wir nicht erkennen, wann es reicht oder ob es stimmig ist, weiter zu machen. Die meisten Menschen besitzen dieses Gefühlssensorium, doch sie schieben es beiseite, gehen drüber oder spalten es irgendwann komplett ab.

  • Wenn wir beim Funktionieren eine wiederkehrende Begeisterung und Erregung verspüren, dann ist das ein Zeichen für Suchtverhalten. Wir brauchen hier den äußeren Kick, weil wir die innere Freude verloren haben.

  • Vielleicht gibt es einen inneren oder äußeren Leistungsdruck, was uns einen Hinweis auf Perfektionismus oder ungelöste Elternbeziehungen gibt.

  • Oder wir haben eine permanente innere Unruhe, was auf zu viel Stress im Körper hinweist, der uns nicht zur Ruhe kommen lässt und uns ständig dazu zwingt, uns zu beschäftigen.

  • Im Funktions- und Überlebensmodus wollen wir meistens etwas erfüllen: die eigenen Ansprüche oder die Erwartungen der Umwelt. Unaufhörlich folgen wir diesem Druck – bis irgendwann nichts mehr geht, wir deprimiert und antriebslos herum liegen, an nichts mehr Freude haben und keine Lust mehr verspüren, wenn wir etwas erledigen müssen.

Bei alledem verlieren wir das Gespür für den Körper, die Körperkräfte und für das Gefühl von Stimmigkeit: also ob eine Handlung für uns gut ist oder nicht. Zudem geht uns allmählich der Sinn hinter unserem permanenten Machen und Tun verloren, da Aufwand und Nutzen nicht mehr in Balance sind.

Funktionieren ist nichts Schlechtes. Meistens haben wir dieses Verhalten von unseren Elter kopiert. Es kann in manchen Momenten oder Phasen des Lebens sehr hilfreich sein, doch es ist nichts für den Alltag. Denn im Überlebensmodus ist kein Platz für Beziehung, Genuss und Weiterentwicklung.

Tipps und Übungen:

  • Werde dir des Funktionierens bewusst. Entwickle ein Bewusstsein darüber, wann du im Funktionsmodus bist und dann schalte um auf achtsames, gefühltes und bewusstes Handeln.

  • Überprüfe deine Gewohnheiten. Schau, was dir nicht gut tut und ändere es. Suchtverhalten suggeriert uns immer, dass etwas Schädliches gut ist – überprüfe das für dich.

  • Verlerne folgendes: blind deinem Willen, den Erwartungen und Vorstellungen zu folgen – folge stattdessen deinem Gefühl für Stimmigkeit (also lass die Dinge sein, die sich falsch anfühlen, die du nur aus Pflichterfüllung tust), folge deiner Lust und Freude (Vorsicht: Sucht gaukelt dir auch Spaß und Begeisterung vor – kann man leicht verwechseln)

  • Multitasking ist schädlich für Körper und Seele – mache eine Sache bewusst und bis zum Ende, dann das nächste

  • Hole dir Hilfe, wenn es zu viel wird

  • Halte inne und spüre deinen Körper, deine Fußsohlen und Körpergrenzen sooft du kannst

Ursache Nr. 2 – ungelöste seelische Belastungen, Trauma und das transgenerative Trauma

In unserem Inneren warten unverarbeitete seelische Belastungen auf uns. Um diese nicht spüren zu müssen, lenken wir uns ab, funktionieren oder betäuben uns. Wenn wir das über viele Jahre tun, entwickeln wir nicht nur zahlreiche chronische Krankheiten, sondern erschöpfen den Körper zutiefst.

Ich kenne keinen Menschen, der nicht irgendetwas in seinem Innenleben zu verarbeiten hat. Unsere Mangelprägungen aus der Kindheit, schlimme Ereignisse, körperliche und seelische Grenzverletzungen, Demütigungen, Trauer – um nur einige zu nennen – brauchen unsere Aufmerksamkeit, um heilen und verarbeitet werden zu können. Es reicht nicht, zu verstehen, was gelaufen ist. Wir müssen mit diesen inneren schmerzvollen Ereignissen in Kontakt kommen und lernen, damit umzugehen.

Bei einem ausgewachsenem Trauma ist das nicht so leicht. Da brauchen wir meist Hilfe und Unterstützung, denn es nützt uns gar nichts, in die Gefühlsladungen eines Traumas hinein zu fallen. Das ist eher erschreckend und das Trauma löst sich nicht auf. Hier ist eine begleitete und vorsichtige Vorgehensweise wichtig. Ein Trauma ist wie ein emotional-energetischer Eisblock, der nur langsam aufgetaut werden kann.

Über das transgenerative Trauma (TGT) habe ich schon ein paar mal geschrieben. Es ist eine seelische Belastung, die nicht gelöst werden kann. Sie muss abgelöst werden. Das TGT ist wie eine innere Besetzung/Gefühlsinvasion mit/aus fremder Energie und emotionalen Ladungen. Hier ist es wichtig, zu unterscheiden, was ist das Eigene und was ist das Fremde. Das Fremde muss bewusst wahrgenommen und bei der Person gelassen werden, zu der es gehört (Mama oder Papa in der Regel). Hier hilft es, die unbewusste Symbiose zu diesem Elternteil zu lösen. Diese muss zunächst bewusst gemacht und dann geistig, emotional und energetisch getrennt werden.

Haben wir ein Trauma oder ein TGT in uns, dann entwickeln wir Traumafolgestörungen. Eine dieser Folge ist Erschöpfung.

Tipps und Übungen:

  • kümmere dich um dein Innenleben: fühle deine Gefühle, meditiere, versenke dich regelmäßig nach Innen, beobachte, was aus deinem Inneren auftaucht, reflektiere deine Handlungen, Reaktionen und Empfindungen, registriere deine Prägungen, betrachte deine Verhaltensmuster, sieh dir genau an, wie du mit dir uns anderen umgehst – all das ist sehr wichtig, wenn du aus dem Hamsterrad der Zerstreuung, Ablenkung und Selbstentfremdung heraus und wieder zu Kräften kommen möchtest

  • mache Innere-Kind-Arbeit

  • Nur weil du nichts fühlst, bedeutet das noch lange nicht, das da nichts ist – entscheide dich, dich wieder auf deine Gefühle, auf dein Innenleben einzulassen

  • Übe dich in Selbstliebe und Selbstfürsorge

  • Denke immer daran: Schmerz und Traurigkeit, die heute in dir von jemandem oder von etwas ausgelöst werden, sind immer alte Gefühle – die du in dir trägst, aus deiner Vergangenheit, die du nur verdrängt hast – kümmere dich um sie, anstatt im außen weiter zu kämpfen, zu funktionieren und zu suchen

  • fühle, fühle und fühle dich und werde seelisch heil

Ursache Nr. 3 – wenn der Körper zu lange ausgepowert wurde

Ist der Körper durch jahrelanges Funktionieren, seelische Belastungen, Trauma und schlechte Versorgung ausgebrannt, dann sind wir in einem fürchterlichen Zustand.

Schmerzen und Krankheiten haben sich breit gemacht, Depression und Angstzustände begleiten uns im Alltag.

Haben wir es nicht gelernt, uns gut um unseren Körper zu kümmern, ihn ausgewogen zu ernähren, ihn zu bewegen, ihm Ruhe zu geben und ihn zu pflegen, dann leidet er. Unsere Aufgabe ist es dann: all dies zu lernen. Dazu gehört auch, ihn nicht permanent mit Chemie voll zu stopfen, sondern auf natürliche Heilmittel umzusteigen, die vielleicht nicht ganz so schnell wirken, aber dafür den Körper nicht vergiften und uns langfristig ins Gleichgewicht bringen.

An jeder Funktion des Körpers sind unsere Hormone beteiligt. Ist unserer Körper energetisch am Ende, dann haben wir seinen Hormonhaushalt gewaltig durcheinander gebracht: die Schilddrüse funktioniert meist nicht mehr richtig, die Sexualhormone sind nicht mehr ausgewogen und vor allem mit den Hormonen der Nebenniere haben wir dann ordentlich Raubbau betrieben.

Denn jede Form von äußerem und inneren Stress veranlasst die Hormone der Nebenniere, sich auf den Weg zu machen und den Körper zu fluten, um uns am Leben zu halten!!!

Es ist vor allem das Cortisol, das uns so schädigen kann. Durch dieses Hormon werden wir innerlich bereit gemacht werden, aktiv zu überleben (Überlebensmodus). Wird es permanent ausgeschüttet, dann bleibt ein erhöhter Cortisolspiegel im Blut zurück, der zu zahlreichen Symptomen führt: Angstzustände, Schlaf- und Durchschlafprobleme, Übergewicht, Gelüste auf Genussmittel, Verdauungsprobleme, Konzentrationsschwäche, Schwitzen, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit, Weinerlichkeit, Unruhe und Gereiztheit.

Am bitteren Ende haben wir eine Nebennierenschwäche (= Burnout) und ertragen, neben all den unangenehmen Symptomen keinen Funken Stress mehr.

Tipps und Übungen:

  • Kümmere dich verantwortungsvoll um deinen Körper: sieh ihn nicht als Gegner oder als etwas, was einfach gut funktionieren soll, sondern nimm ihn in deine Obhut, wie ein kleines verwahrlostes Kätzchen, mit Geduld und viel Liebe

  • Reduziere Stress auf allen Ebenen: verändere destruktives Denken, verarbeite deine Vergangenheit, Schlafe genug, mache Sport, achte auf eine gute Ernährung, kläre Beziehungen, verlasse Menschen und Situationen, die dir nicht gut tun

  • Nimm Nahrungsergänzungsmittel zu dir: Vitamin D3 (zwischen 5000 und 10000 E am Tag) und K2 dazu, C, B-Vitamine und E, Magnesium ist ganz wichtig, Seelen, Zink, vielleicht OPC für die allgemeine Gesundheit und MSM gegen Schmerzen

  • Iss alle 3-4 Stunden etwas nahrhaftes, lass keine Mahlzeit aus, iss vor 10 Uhr etwas, gehe 22 Uhr schlafen, meide Aufputschmittel und Zucker für eine gewisse Zeit, dusche kalt

  • Reduziere Suchtverhalten: Rauchen, Alkohol, Süßes, Zocken, Ablenken, zu viel Essen, Arbeiten oder Filme schauen – denn das bedeutet Stress für deinen Körper, den er verarbeiten muss

  • Gehe in die Natur sooft du nur kannst

  • Lies noch: Das Kleine-Anti-Stress-Programm im Weblog

Zusatz: müde Kinder

Hast du ein erschöpftes Kind, das infektionsanfällig ist, viel schreit und die Schule verweigert, dann halte dich an Punkt 1-3 und du wirst sehen, dass es deinem Kind bald besser geht – nein, nicht dein Kind braucht das, sondern ihr Eltern!

Immer mehr zu dir selbst werden

Bild pixabay

Wenn wir uns unserem Innenleben zuwenden, dann finden wir dort unser Wesen. Unser Wesen ist das, was wir von Natur aus sind.

Leider wird es von unseren Konditionierungen, unverarbeiteten Erfahrungen und von unseren Überlebensstrategien oft so sehr blockiert, dass viele Menschen ihr Wesen gar nicht wahrnehmen, spüren und im Alltag leben können.

Im Optimalfall ist das, was wir wirklich sind, tief in unserem Körper verankert und kann sich frei und lebendig entfalten.

Traumata, Schmerz und Leid aus unserer Familie, also das, was wir nicht sind, ist außerhalb von uns. Wir haben es gelernt, im Gleichgewicht zu sein. Der Körper fühlt sich dabei vitalisiert, schmerzfrei und energiegeladen an. Wir fühlen unsere Emotionen, wie Traurigkeit, Freude, Lust oder Wut ganz deutlich und können sie zur Orientierung und zum Ausdruck angemessen nutzen. Unsere Gedanken nutzen wir konstruktiv. Wir müssen uns auch nicht unentwegt in ihnen aufhalten oder uns von unserem Denken ablenken, weil es uns nervt und quält. Es gibt klare Handlungs- und Entscheidungsimpulse und wir folgen vertrauensvoll unserer Bestimmung. Wir sind offen für das, was gerade passiert und nehmen die vielen unterschiedlichen Formen, die das Leben so hervorbringt, als gegeben oder als Lern- und Entwicklungschancen für uns an.

Normalerweise ist es jedoch so: wir spüren den Körper oder Teile des Körpers gar nicht.

Wir halten uns im Kopf auf, der von sich aus permanent Gedanken produziert. Unseren Gedanken und unseren alten unverarbeiteten Gefühlen versuchen wir zu entkommen, indem wir uns ablenken, funktionieren oder uns ständig mit etwas außerhalb von uns beschäftigen, was auf Dauer zu innerer Schwere und körperlicher Erschöpfung führt. Chronische Krankheiten, Störungen und Schmerzen begleiten uns manchmal von Kindesbeinen an. Wir fühlen uns misstrauisch, überlastet, haltlos, unsicher, verloren, getrieben, verteidigen uns schnell oder wir fühlen uns gar nicht und einfach nur unwohl. Durch den Alltag gehen wir mit Anspannung und Unruhe. Kommen wir zu uns, dann fühlen wir uns leer und deprimiert, spüren alten Groll oder angestaute Traurigkeit, wir sind dann unklar, ambivalent, erschöpft oder gereizt.

Als normal empfinden wir immer das, was wir kennen und gewohnt sind, nicht unbedingt das, was uns gut tut oder was wir von Natur aus sind. Daher brauchen wir manchmal großes Leid oder auch heftige Schicksalsschläge, um aus unseren vertrauten inneren Verfassungen und Bahnen heraus kommen zu können.

Menschen, die noch nie ganz in ihrem Körper waren, kennen das Gefühl von Halt, Sicherheit, Kraft, Unerschütterlichkeit, Ruhe, lustvollem Tatendrang und das warme Wohlbehagen, das unser Körper für uns hat, nicht. Bevor wir nicht ganz bei uns sind, weil unsere seelischen Erfahrungsmuster über uns bestimmen, können wir uns auch nicht rundum geliebt, empfänglich und wertvoll zu fühlen. Unsere Kräfte können sich nicht frei entfalten, unsere Ideen sich nicht mühelos verwirklichen und unser Wesen kann nicht ganz da sein. Haben wir einen Weg gefunden, uns heilsam, befreiend und klärend unserem Innenleben zu zu wenden, dann holen wir uns auf eine Weise in dieses Leben, wie wir es bisher nicht kannten.

Unser natürliches Wesen ist immer da und kann niemals zerstört werden.

Es kann von uns immer wieder in falsche Bahnen gelenkt werden. Es kann durch Trauma und durch familiäre Belastungen oder durch das Gefühl, nicht hier sein zu wollen, keine Erdung, keinen Platz in unserem Körper, in unserer Familie und in diesem Leben finden. Es kann unentdeckt sein. Es kann durch Ablehnung, Ablenkung und durch künstliches und gewolltes Getue oder Imagebildung verhindert werden. Es kann durch Trauer, Verwahrlosung und Unreife an seiner Entfaltung gehindert werden. Und doch ist es da. Es ist vollkommen und muss von uns nicht erst erfunden werden.

Es ist das, was du bist. Deine Aufgabe ist es, dein Wesen ganz hier her zu bringen. Hier, wo das Leben am schwersten ist, wo Leid und Schmerz wohnen, hierher, in diese etwas verrückte kranke schräge unbewusste Menschen geschaffene Welt. Hierher, wo du gebraucht wirst. Es wird genau das gebraucht, was du bist. Dein Wesen, mit seinen Gaben und Fähigkeiten.

Momentan fließt dein Wesen vielleicht noch in eine Lebensweise, die du von klein auf kennst. Vielleicht suchst du nach Glück, nach Erfolg und Spaß, vielleicht suchst du nach Liebe, vielleicht sicherst du dein tägliches Überleben oder erarbeitest dir Anerkennung oder du bangst um deine Gesundheit. Vielleicht steckst du auch in Gewohnheiten und Mustern fest, die dich festhalten und von früh bis spät in Anspruch nehmen.

Bei alledem erinnere dich immer mal wieder daran, dass du jeder Zeit frei und immer mehr zu dir selbst werden kannst.

Je mehr du zu dir selbst wirst, desto wohler wirst du dich fühlen. Chronische Probleme lösen sich tiefgreifend und anhaltend auf. Liebe, Glück und Erfolg werden zu einer Art Selbstverständlichkeit. Es ist weniger ein Weg mit einem Ziel am Ende. Eher so etwas wie Zähne putzen oder Wohnung sauber halten, wenn wir dafür Sorge tragen, immer mehr wir selbst zu sein.

Transgeneratives Trauma – Transgenerationales Trauma (TGT) – Generationsübergreifendes Trauma

In meiner Arbeit spielt das generationsübergreifende Trauma eine wichtige Rolle, da viele meiner Klienten schon seit Jahren darunter leiden und nicht wissen, was mit ihnen los ist.

Nicht selten haben sie etliche Therapien hinter sich, fühlen sich auch stabiler, doch es geht ihnen nicht wirklich besser.

Momentan lautet der offizielle Forschungsstand zum TGT (sehr vereinfacht): es sind die Traumafolgestörungen, welche die nachfolgenden Generationen belasten

Das sehe ich auch so, doch da gibt es noch eine andere wesentliche Belastung, die in der Forschung leider kaum Beachtung findet:

Viele Menschen, mit deren innerer Belastung ich gearbeitet habe, haben ein fremdes Trauma in sich aufgenommen. Sie fühlen in sich heftige bedrohliche Gefühle aufsteigen, die sie kontrollieren und wegdrücken müssen. Oder sie fühlen diese Energie nicht aufsteigen, sondern als innere Schwere oder abgründige Leere. Anstatt nur die eigenen Gefühle in sich zu haben, haben diese Menschen unverarbeitete Gefühle aus der Eltern, Groß- oder Uhrgroßelterngeneration in sich drin. Manche Klienten sehen sogar die dazu gehörigen Ereignisse oder spüren die damit verbundenen Ängste.

Diese innere Verfassung kann man sich folgendermaßen vorstellen: In unserem Inneren sind normalerweise nur unsere eigenen Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Leiden Menschen an einem transgenerativen Trauma, dann haben sie den Schmerz, das Entsetzen, Angst und Panik einer anderen Person in sich drin. Über die seelische Verbundenheit zu den Eltern übertragen sich diese Emotionen, Energien und Informationen. Es ist keine Besessenheit oder Besetzung, kann sich aber so anfühlen. Wir sind bereits als kleine Kinder mit dem schweren Schicksal unserer Eltern verbunden, denn Verbundenheit gehört zu unserer seelischen Natur (siehe auch Artikel: Symbiose- belastet durch Verbundenheit). Später halten wir unbewusst an diesen Belastungen fest und denken, es sind unsere.

Dieses Phänomen ist sehr verbreitet. Die Betroffenen gehen davon aus, dass es ihre eigenen unangenehmen Gefühle sind, die da in ihnen aufsteigen, von denen sie als innere Last blockiert und beschwert werden oder von denen sie sich permanent innerlich fern halten müssen. Manche Menschen gehen auch davon aus, dass sie verrückt werden und nicht ganz normal sind. Wenn ich ihnen dann zeige, dass sie fremde Gefühle in sich aufgenommen haben und diese abgelöst werden können und müssen, dann gibt es sofort eine große Erleichterung.

Menschen, die ein fremdes Trauma in sich haben, entwickeln natürlich genauso Traumafolgestörungen, wie Menschen, die direkt traumatisiert worden sind. Sie müssen, wie bei einem persönlichen Trauma, Strategien entwickeln, die sie schützen und stabilisieren. Je nach Charakter und Stärke des Traumas, sind die Folgen unterschiedlich ausgeprägt:

  • Sie können Alpträume haben und Ereignisse sehen, mit denen sie persönlich nie etwas zu tun hatten

  • Sie können sich emotional dumpf fühlen und gegenüber ihrer Umwelt sehr teilnahmslos und gleichgültig sein, es werden instinktiv bestimmte Situationen, Nähe, Aktivitäten, Verantwortlichkeiten und Begegnungen vermieden, Sorgen um sich selbst, die Familie und die Zukunft nehmen zu, pessimistische Haltung, sind zu keiner großen Entscheidung und zu keinem großen Schritt fähig

  • Reizbarkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Wachsamkeit, Schreckhaftigkeit, Unruhe, in Bewegung bleiben wollen, immer etwas zu tun haben müssen, nicht mehr entspannen können, das Leben oder die Umgebung werden als konstante Bedrohung wahrnehmen, Ärger und Wut

  • Das Nervensystem ist in permanenter Alarmbereitschaft, daher ist der Betroffene oft auch zänkisch, beleidigt, übergriffig, verurteilend und abwehrend

  • Niedergeschlagenheit, tiefe Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit bis hin zur Lebensmüdigkeit, negatives Bild von sich selbst, Selbstvorwürfen, Schuld- und Schamgefühle, Ungeduld

  • Angst- und Panikzustände, Ausgebrannt sein, Erschöpfung

  • letztendlich auch chronisch körperliche Schmerzen, Entzündungen und ein schwaches Immunsystem, da es einen anhaltenden inneren Stress gibt

  • auch Suchtverhalten ist eine Folgestörung

Stand der offiziellen Forschung: Traumafolgestörungen belasten nachfolgende Generationen

In der aktuelle Literatur und Forschung ist man sich inzwischen einig, dass Traumatisierungen über Generationen hinweg weiter gegeben werden. Hier ist die Rede davon, dass bestimmte Verhaltensweisen (z.B. Verdrängung, Vermeidung), entsprechende Werte (Sicherheiten schaffen, Rollenverhalten) und verzerrte Vorstellungen (ohne Beziehung lebt es sich besser, ich muss kämpfen, um etwas zu erreichen) übertragen werden.

Die traumatisierte Elterngeneration gibt auch ihre Ängste und Abwehrmechanismen an die Kinder weiter, welche unbewusst als selbstverständliches normales Verhalten abgespeichert werden.

Die Beziehungen zwischen Eltern und Kinder sind durch die posttraumatischen Belastungen (Folgeerscheinungen nach dem traumatisierenden Ereignis) oft erheblich gestört.

Ein weiterer Aspekt der biologischen Traumaforschung besagt, dass das Traumaerleben genetisch weiter gegeben bzw. vererbt wird. Untersuchungen der Epigenetik zur Folge ist es so, dass das erlebte Trauma eine entscheidende Auswirkung auf die Gene hat. Hier wird auch das Umfeld und die frühen Prägungen mit einbezogen, denn diese Faktoren können das Erleben nach dem Trauma verstärken oder abschwächen.

Transgenerational trauma from Wikipedia, the free encyclopedia:
Kurz nachdem Beschreibungen des Konzentrationslagersyndroms auftauchten, beobachteten Kliniker 1966, dass eine große Anzahl von Kindern von Holocaust-Überlebenden in kanadischen Kliniken in Behandlung war. Die Enkelkinder von Holocaust-Überlebenden waren im Vergleich zu ihrer Vertretung in der Allgemeinbevölkerung um 300% unter den Überweisungen in eine Kinderpsychiatrieklinik überrepräsentiert.


Das Phänomen, dass Kinder traumatisierter Eltern direkt oder indirekt von den posttraumatischen Symptomen ihrer Eltern betroffen sind, wurde von einigen Autoren als sekundäre Traumatisierung beschrieben (in Bezug auf die zweite Generation). Um auch die dritte Generation einzubeziehen, wurde der Begriff der intergenerationellen Übertragung von Traumata eingeführt.

Das Trauma

Ein Trauma entsteht, wenn ein Mensch einer starken Bedrohung ausgesetzt wird, wenn das eigene Leben, das einer nahe stehenden Person oder der eigene physische Körper so sehr verstört, verletzt oder gepeinigt werden, dass der normale psychologische Schutz nicht mehr ausreicht, um das Erlebte gut abzuwehren und verarbeiten zu können. Der natürliche Schutz, der uns hilft, Ereignisse zu verarbeiten, wird im Gehirn durch den erhöhten Stress verhindert.

Als Folge dessen werden Schmerz, Schrecken und Erschütterung abgespalten, bewacht und kontrolliert, wobei unser Stresssystem in eine chronische Überforderung gerät und sich auf einem erhöhten Niveau einpegelt. Daher ist ein Trauma nicht nur eine seelische (Schmerz, Verletzung), sondern auch eine geistige (Kontrolle) und eine körperliche (Stress) Belastung.

Viele Traumata sind im Krieg durch zahlreiche erschütternde Erlebnisse entstanden: Bombenangriffe, körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch, plötzlicher Tod und Trennung wurden am häufigsten erlebt. Aber auch in Friedenszeiten werden die Menschen traumatisiert, wenn eine nahestehende Person plötzlich stirbt, ein Kind verloren wird, auch durch Gewalt, Missbrauch, Streitereien, Demütigungen, Unfälle oder permanente Überforderung.

Schlussfolgerung

Das transgenerative Trauma ist nicht nur eine übertragene Traumafolgestörung, sondern auch ein noch unerforschtes energetisches Phänomen. Wir Menschen sind nicht nur in der Lage, mitfühlend mit anderen Menschen zu sein, sondern können auch fremde Gefühle in uns aufnehmen. Die Unterscheidung zwischen den eigenen Gefühlen und denen einer anderen Person und die Ablösung der fremden Gefühle aus dem eigenen System bringt hier enorme Entlastung und schnelle Heilung.

Schreiende weinende Kinder

Oft kommen Eltern zu mir und bitten mich, ihr Kind wahrzunehmen, weil es ständig schreit und weint und sie nicht wissen, was sie tun sollen. Sie wünschen sich einfach nur, nach jahrelangem Aushalten, zunehmenden Schuldgefühlen und einer immer wiederkehrenden Machtlosigkeit, aus dieser belastenden Situation heraus finden zu können.

In den letzten Jahren habe ich viele Schreikinder wahrgenommen. Sie waren alle im Alter zwischen 2 und 7 Jahren. Dabei habe ich herausgefunden, dass es zwei Arten von Kindern gibt, die zum Schreien neigen: die Sensiblen und die Willensstarken

Das sensible Kind

Eine Mama kommt zu mir in die Praxis und berichtet mir von ihrer drei jährigen Tochter: „… sie weint permanent aus heiterem Himmel. Immer gibt es einen neuen Anlass, um furchtbar doll loszuweinen. Ich sage: komm, wir gehen jetzt rein und schon geht es los, ein völlig unangemessenes Weinen. Sie stößt sich leicht und zack wird so doll geweint, dass alle glauben könnten, sie wird misshandelt. Der Schuh geht nicht an, sie soll aus der Badewanne kommen, etwas schneller laufen o.ä. – alles nicht wirklich schlimm, doch sie reagiert mit entsetzlichem Weinen auf all diese Dinge. Jeden Tag weint sie zu viel zu doll und zu lange. Was mache ich bloß falsch? … Dazu kommt, dass Trost nicht hilft. Liebevoll sein hilft auch nicht. Sie anschreien hilft nicht. Wegsperren hilft nicht. … ich schäme mich, habe Schuldgefühle und bin absolut ratlos … ich habe schon Angst vor dem nächsten Ausbruch … zwischendrin ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich eiskalt werde, völlig resigniere, sie anschaue und dabei sogar Ablehnung oder gar nichts mehr spüre … “

Nehme ich sensible Schreikinder wahr, dann sind diese in ihrem Inneren völlig überflutet von fremden Gefühlen. Sie spüren den Schmerz ihrer Mama oder ihres Papas stärker, als sich selbst. Unverarbeitete Gefühle, wie: Trauer und Schmerz werden vom Erwachsenen abgespalten, das Kind nimmt sie in sich auf und weint sie bei jeder kleinsten Gelegenheit heraus. Müdigkeit und Unwohlsein, durch Krankheit oder Stress, begünstigen und triggern das Ausbrechen der fremden Gefühle sogar noch.

Da es nicht der eigene Schmerz des Kindes ist, hilft Trost nicht, auch gut zureden und verzweifelte Bestrafungen können nichts ausrichten, da das Kind nicht in der Lage ist, die fremden emotionalen Ladungen zu kontrollieren.

Je mehr und je länger das Kind weint, desto mehr stresst es den Erwachsenen. Das Schreien und Weinen löst mit der Zeit kein Mitgefühl mehr aus, sondern eher Ablehnung, wofür sich die Eltern dann schämen und belastende Schuldgefühle entwickeln. Besonders in der Gegenwart des Elternteils, dessen Gefühle ausagiert werden, kommt es immer wieder zu endlosen Dramen.

Während das Kind schreit, kontrolliert der Erwachsene seine Gefühle noch intensiver, was dazu führt, dass das Kind dessen Gefühle noch stärker ausagiert. Ein Teufelskreis entsteht.

Sensible Schreikinder sind in einer seelischen Notlage, die oft nicht erkannt wird. Die Not hört man auch in ihrem Weinen. Sie können nicht sagen, warum sie so heftig und unangemessen reagieren. Sie können nicht von sich aus aufhören. Und wenn sie langsam ins Schulalter kommen, dann ärgern und schämen sie sich auch noch dafür.

Nehme ich diese Kinder ohne die Gefühle der Eltern wahr, dann spüre ich ihr Wesen: es ist sensibel, offen, liebevoll … ich spüre oft ein großes Interesse an dieser Welt, sie lieben körperliche Nähe und etwas zusammen unternehmen ist wundervoll.

In einer Familie mit einem sensiblen Schreikind arbeite ich nur mit dem Elternteil, dessen Gefühle vom Kind ausagiert werden. Bleibt der Erwachsene an seinen unverarbeiteten Gefühlen verantwortungsbewusst und liebevoll dran, so dass diese integriert und geheilt werden können, dann hört das Kind schnell auf, emotionale Ausbrüche zu bekommen. Vielleicht weint es schneller als andere Kinder, da es sehr sensibel ist, doch nun können Trost und Umarmungen es beruhigen.

Das willensstarke Kind

Ein junges Paar kommt zu mir und beschreibt folgendes: „… unser kleiner Sohn haut und kneift ständig andere Kinder, er will über uns bestimmen und bekommt immer wieder schlimme Wein- und Schreianfälle. Wir versuchen auf ihn einzugehen und es ihm recht zu machen, doch es wird immer schlimmer. Jetzt, wo wir noch eine kleine Tochter bekommen haben, will er noch mehr das Sagen haben und boxt sogar die Kleine, wenn er sauer ist. Was können wir tun? …“

Nachdem ich den kleinen Jungen und seine Eltern wahrgenommen hatte, kam heraus, dass das Kind in seinem Wesen eine starke Willenskraft besitzt und diese nach Herzenslust gegen seine Umwelt einsetzt. Sein Wille war stärker, als der seiner Eltern. Seit er auf der Welt ist, versuchen seine Eltern ihn frei und liebevoll im Alltag zu begleiten. Sie schauen auf seine Bedürfnisse und erklären ihm geduldig, was falsch und richtig ist. Unmerklich und hingebungsvoll haben sich die Eltern über Jahre jedoch an seinem Willen orientiert: Was will er? Was will er nicht? – und danach ihren Willen, ihre Entscheidungen und Handlungen ausgerichtet. Im Laufe der Zeit wurde der Wille des Jungen immer stärker, wie ein gut trainierter Muskel. Jetzt will er wie ein kleiner Herrscher über alles und jeden bestimmen und duldet keinen Widerspruch.

Viele Alltagssituationen werden zum Machtkampf. Wenn sie ihn im Zimmer einsperren, dann tobt er und zerstört Dinge. Zwischendrin ist er lieb und spielt schön, doch wenn ihm etwas nicht passt, er getadelt wird, er etwas nicht will oder etwas will, dann haben seine Eltern keine Chance, weil er energetisch viel stärker ist, als sie. Manchmal bekommt einer der Eltern einen Wutausbruch, wenn es mal wieder zu viel wird, doch der verfliegt schnell und schuldbewusst wieder, da beide Eltern sich vorgenommen haben, nicht Feuer mit Feuer zu bekämpfen.

Der Wille ist, neben dem Fühlen und der Denkfähigkeit, ein wichtiger Aspekt unserer Persönlichkeit. Er kann jedoch von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Willensstarke Menschen haben ein starkes Durchsetzungs- und Umsetzungsvermögen. Ein Bedürfnis oder eine Idee kann energisch, kraftvoll und tatkräftig verfolgt werden.

Kommt ein Kind mit einem starken Willen zur Welt, dann ist es wichtig und ratsam, sich diesem Willen nicht unterzuordnen, sondern die Führung zu behalten. Das Schreien und Weinen eines willensstarken Kindes ist sehr fordernd, energisch und erzeugt starken energetischen Druck. Eltern, die ihren Willen nicht vorn an stellen, folgen dem Willen des Kindes anstandslos. Neben dem Weinen und Schreien versucht es auch durch Manipulation, indem es z.B. so tut, als hätten es sich gestoßen, aber auch durch Wut und durch körperliche Gewalt ans Ziel zu kommen. Das ist normal. Es zerstört, schlägt, beißt, kratzt und kneift. Der Wille hat einen direkten Bezug zur Körperkraft, wie das Denken zum Sprechen und die Emotionen zum Weinen oder Lachen. Bekommt der Wille einen destruktiven Ausdruck, dann sind gesunde klare Grenzen wichtig. Unsichere, willensschwache oder harmoniebedürftige Eltern sowie die, die alles richtig machen wollen, bekommen mitunter große Schwierigkeiten mit ihren willensstarken Kindern. Das Kind wird immer wieder versuchen, seinen Willen durchzusetzen. Dies liegt im Wesen des Kindes und ist keine Störung.

Oft müssen Eltern erst ihre eigene Willenskraft wieder spüren lernen, um bei ihrem Sprössling etwas ausrichten und um einen angemessenen Umgang mit dem starken Willen finden zu können.

Dem Willen können wir nicht mit Emotionen oder mit Erklärungen beikommen. Herumschreien, liebevoll trösten oder auf das Kind mit unzähligen Erklärungen und Fragen einreden verschlimmert die ganze Situation meist noch. Dadurch bekommt es vielleicht Angst, fühlt sich nicht ernst genommen, bekommt unangemessene Aufmerksamkeit oder schaltet ab. Es hilft nur eins: Wir brauchen den Kontakt zu einer Kraft in uns, die stark, ruhig, entschlossen und zielsicher ist. Das Kind kann spüren, ob Papa und Mama mit dieser konsequenten unerschütterlichen bestimmten rigorosen Kraft ausgestattet sind und diese in sich halten können.

Der Wille ist eine neutrale mächtige Kraft mit einer klaren Ausrichtung – z.B. ich habe das Sagen, ich bestimme, ich dulde das nicht, das geht so nicht, nein, ich will das jetzt nicht. Diese Kraft kann von uns Menschen natürlich auch bedrohlich und zerstörerisch ausagiert werden, deshalb fürchten sich ja so viele davor. Sie ist in Bezug auf unsere Kinder jedoch nur präsent, dann, wenn es seinen Willen mal wieder durchsetzen und über andere stellen will. Sie wird aufrechterhalten, nicht ausagiert, aber auch nicht hinterfragt, wenn die Situation unbehaglich und schwierig wird, stresst oder sogar eskaliert.

Willensstarke Schreikinder können uns eine große Hilfe und ein Ansporn sein, unsere eigene innere Stärke und Klarheit zu entwickeln. In meiner Arbeit übe ich mit den Eltern, diese Kraft in sich zu entdecken und auszudehnen. Willensstarke Kinder fordern Führung und Macht, welche ohne Aggression und Manipulation gelebt wird.

Es gibt auch Schreikinder, die sensibel und willensstark zugleich sind. Hier gilt es folgende Reihenfolge zu beachten: zuerst das Kind von den fremden Gefühlen befreien, dann die Führung in der Beziehung übernehmen.

Das Kind darf natürlich altersgemäße Entscheidungen treffen, was es anziehen oder essen möchte, jedoch nicht darüber hinaus in Entscheidungen der Eltern mit einbezogen werden: wollen wir jetzt losfahren, wollen wir die Tante einladen, wollen wir Opa anrufen, was soll ich denn heute kochen, wollen wir jetzt den Fernseher ausschalten, willst du nicht mal langsam ins Bett gehen, willst du heute nicht mal am Tisch bleiben, wollen wir einkaufen gehen – dies sind alles unangemessene Haltungen, die ein willensstarkes Kind dazu animieren unerlaubt und ungerechtfertigt über Situationen und andere Menschen zu bestimmen.

Das Nichts

Es gibt einen Zustand, der während meiner Arbeit immer wieder in Erscheinung tritt, den ich als das „Nichts“ bezeichne.

Es ist nicht einfach, es zu beschreiben, doch da es so viele Menschen betrifft, werde ich es, so gut ich kann, von allen Seiten beleuchten. 

Das bemerkenswerte an ihm ist, dass es durch seine Substanzlosigkeit oft nicht ernst genug genommen wird, nicht deutlich erkannt oder sich nicht ausreichend damit auseinander gesetzt wird. Das „Nichts“ ist all das, was in unseren Kinderjahren nicht da war, was wir innerlich nicht bekamen, all das, was uns seelisch gefehlt hat.

Entwickeln wir ein Bewusstsein über das, was wir nicht bekommen haben, dann müssen wir uns nicht unser ganzes Leben lang daran abarbeiten, dann suchen wir nicht permanent nach dem, was wir nicht hatten.

Wenn wir das „Nichts“ entdecken, dann werden wir mit einem sehr unnatürlichen zwischenmenschlichen Zustand konfrontiert. Normalerweise gibt es zwischen uns Menschen immer irgendeine Form von Verbindung. Das kann durchaus auch Wut und Übergriffigkeit sein. Doch wenn das „Nichts“ zwischen uns auftaucht, dann ist da: nichts.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen lieber eine seelische Last tragen oder dem Zorn und der Manipulation ihrer Eltern ausgesetzt sind, anstatt mit gar nichts verbunden zu sein. Denn für die menschliche Natur ist das „Nichts“ das widernatürlichste der Welt. Es verursacht großes Leid in uns. Ähnlich, als würden wir völlig verloren im Weltall schweben.

Zu einem schweren Schicksal zählen nicht nur die negativen Ereignisse, sondern auch all das, was wir entbehren mussten.

Etwas anzunehmen, das anwesend und vorhanden ist, ist leichter, als etwas, das nie da war. Stehen wir vor dem „Nichts“, dann fließt nichts zu uns. Hier gehen wir leer aus. Wenn unsere Eltern zu uns keine Verbundenheit herstellen, uns nicht wahrnehmen und nicht sehen konnten, wenn sie kein wahres Interesse an uns aufbringen, uns keine Liebe und keine liebevolle Aufmerksamkeit entgegen bringen konnten, sie innerlich abwesend oder permanent mit anderen Dingen beschäftigt waren, mit uns nicht reden und auch nicht zuhören konnten, dann entstand zwischen ihnen und uns ein leerer Raum – das „Nichts“.

Kleine Kinder sind seelische Empfänger. Sie sind weit und offen für alles, was von den Eltern kommt, aber auch für das, was nicht kommt.

Das, was wir nicht empfangen haben, hat uns genauso geprägt, wie das, was in unsere Richtung gesendet wurde. Sehr viele Menschen haben in ihrer Kindheit die Erfahrung des „Nichts“ gemacht und reproduzieren es heute immer wieder, so dass sie sich permanent in Situationen und Beziehungen wieder finden, in denen sie weiterhin ignoriert und übergangen werden, nicht bekommen, was sie eigentlich brauchen – an einem bestimmten Punkt immer wieder leer ausgehen.

Eine andere Prägung, die das „Nichts“ hinterlässt, ist innere Haltlosigkeit, das Gefühl, verloren zu sein, tiefe innere Einsamkeit und Unverbundenheit. Aus diesen seelischen Zuständen heraus, müssen wir dann unser Umfeld permanent kontrollieren oder uns die Aufmerksamkeit einfordern, die uns fehlte, um uns überhaupt halbwegs sicher und geliebt fühlen zu können. Das wirkt auf unsere Mitmenschen natürlich eher abstoßend, als anziehend. Sie ziehen sich dann innerlich zurück und was bleibt? Nichts.

Das „Nichts“ ist ein unnatürlicher Zustand, der uns zutiefst erschüttern und verwirren kann.

Wird das „Nichts“ im Leben oder in der inneren Arbeit sichtbar, dann wird es begleitet von Gefühlen, wie Verwirrungen, Traurigkeit, Benommenheit, Schmerz, Isolation, Abwehr, Idealisierung, verschönendem Verständnis, Kontrollzwang oder Handlungsunfähigkeit. Wir sehen uns einer Situation gegenüber, die uns ohnmächtig oder angriffslustig machen kann. Doch egal, was wir unternehmen und wie wir reagieren: Nichts bleibt Nichts.

Hat unsere Seele diese unsägliche Prägung erfahren, dann erschaffen wir unbewusst in der Gegenwart ähnliche Situationen und Begegnungen, weil unsere Seele heilen möchte. Sie ist bestrebt, diese alten Belastungen loszuwerden, deshalb ziehen wir Personen und Situationen an, die uns nicht das geben können, was wir eigentlich brauchen.

Unsere alltäglichen Probleme sind dafür da, um uns über unsere längst vergessene innere Beschaffenheit bewusst werden zu können.

Für die meisten Kinder ist das „Nichts“ ein schockierendes Erlebnis, dass sie nicht verarbeiten können und daher verdrängen müssen. Im Erwachsenenalter taucht das „Nichts“ dann immer wieder auf, doch wir können oft nicht wirklich verstehen, was das eigentlich soll. Wir halten dann beharrlich an Menschen fest, die uns niemals das geben können, wonach wir suchen. Bis wir irgendwann glauben, dass wir es nicht besser verdient haben oder hart dafür arbeiten müssen, um ein wenig von dem zu bekommen, was uns fehlt.

Vielleicht fühlen wir uns bereit für Liebe, Wohlstand und für lebendige Begegnungen, doch wir erleben immer wieder das Gegenteil davon. Kaum jemand kommt dann auf die Idee, dass es sich hier um das sichtbar werden und wiederholen des „Nichts“ handelt – die Abwesenheit von Liebe, Fülle und Verbundenheit, die wir schon von klein auf kennen.

In uns entsteht dann gern die große Hoffnung, dass sich unsere Eltern, Geschwister, Partner oder Freunde so weit verändern, bis sie uns irgendwann das geben können, was wir brauchen. Doch das können sie nicht, da sie nur so sein können, wie sie eben sind und nicht anders. Akzeptieren wir das, dann wird es leichter und das „Nichts“ wird deutlicher.

Um das „Nichts“ in uns zu wandeln, ist es wichtig, sich der Abwesenheit der frühen Verbundenheit und Liebe bewusst zu werden und zu fühlen, was es mit uns gemacht hat. Idealisieren wir allerdings die Beziehung zu unseren Eltern, lehnen wir sie ab oder trauen wir unserem eigenen Gefühl nicht, dann wird es schwer, das „Nichts“ zu entlarven.

Oft erlebe ich, dass Menschen behaupten, innig geliebt worden zu sein, doch wenn ich mir die Beziehung zu ihren Eltern genauer anschaue, dann wird schnell klar, dass sie zwar gut versorgt wurden, aber keine Liebe von ihnen kam. Dann höre ich oft den verzweifelten Satz: „Ist schon ok. Sie konnten das halt nicht besser.“ Die Liebe floss dann meist vom Kind zu den Eltern, aber nicht in die andere Richtung. Solch eine seelische Dynamik führt später geradewegs in die Erschöpfung, ins alltägliche Funktionieren, ins Singledasein oder in eine andauernde Überverantwortung, da Geben und Empfangen in uns nicht im Gleichgewicht sind.

Beginnen wir unseren eigenen Gefühlen zu trauen, dann realisieren wir bald, dass wir seelisch nicht wirklich das bekamen, was wir brauchten.

Es ist ein trauriger beklemmender Moment, wenn wir uns klar darüber werden, das wir nichts empfangen konnten, weil einfach nichts gegeben wurde. In jeder Zelle unseres Körpers spüren wir den Schock und die Ohnmacht. Wir würden am liebsten weglaufen oder dagegen angehen, doch wir entkommen dem „Nichts“ nicht. Es ist ein Teil von uns – unangenehm, schmerzhaft, isolierend und deprimierend.

Unsere liebende Aufmerksamkeit uns selbst gegenüber kann das „Nichts“ und seine Folgen heilen.

Im Gegensatz zu diesem Teil, gibt es noch ein anderes Nichts in uns. Es ist das reine Bewusstsein in unserem Wesenskern. Hier ist auch nichts, doch dieses Nichts ist voller Leben und voll von neuen Möglichkeiten. Dieses Nichts trägt uns und füllt uns auf vollendete Weise aus. Es macht uns vollkommen glücklich und zufrieden. Es kann die Abwesenheit von Liebe und Verbundenheit heilen.

Es gibt ein unnatürliches „Nichts“ in uns und ein natürliches. Nur durch unser Gefühl können wir erfassen, womit wir es zu tun haben.

Fühlt es sich beängstigend, bedrückend und belastend an, dann haben wir es mit dem „Nichts“ zu tun, für das wir keineswegs verantwortlich sind und wogegen wir als Kind absolut nichts tun konnten. Das macht es so unangenehm. Und deshalb verbringen wir viel Zeit und Mühe damit, diesem „Nichts“ auszuweichen. Oder wir versuchen es besser zu machen, als unsere Eltern, doch das nutzt alles nichts, denn wir gleichen dann nur ein Defizit aus, anstatt aus der wahren Natur unseres Inneren zu leben.

Unsere Verantwortung liegt darin, die Existenz des „Nichts“ in uns und in unserer Vergangenheit vollkommen aufzuspüren und liebend anzunehmen, dann erst kann es verbundener, liebender und sicherer in uns, in unserem Leben und in den nachfolgenden Generationen weiter gehen.

Sei du selbst

Mir begegnen immer mehr Menschen, die ganz zu sich selbst werden wollen. Zu sich selbst zu werden, empfinden sie als Teil ihrer Bestimmung, als Sinn ihres Lebens und als tiefste Erfüllung.

Für all jene, deren inneres Wesen ganz in diese Welt möchte, ist dieser Artikel.

Wenn wir nicht wir selbst sind

Wir Menschen können nicht ganz wir selbst sein, wenn wir alten Mustern folgen, wenn wir Rollen spielen, tief sitzenden Prägungen, Erwartungen, Überlebensstrategien und schlechten Angewohnheiten folgen. Wir können nicht wir selbst sein, wenn wir uns nicht für uns interessieren und belastet sind. Aber auch nicht, wenn wir das Selbst zu unserem Ziel machen, das wir erreichen wollen, um dann ein besseres Leben zu bekommen.

All deine Symptome und Lebenskrisen sind nur dafür da, dass du ganz zu die selbst werden kannst.

Wir erleben und spüren, dass wir nicht wir selbst sind, wenn wir uns eng, unglücklich, getrieben, krank, müde, erfolglos, unsicher, ungeerdet, unverbunden, lieblos, schwer, unfreundlich, aufgesetzt, depressiv oder gestresst fühlen. Aber auch wenn das Leben sich zunehmend verschlechtert, sich nichts mehr ändert und entwickelt, wenn wir in einer Sackgasse stecken und nicht weiter kommen.

Du und dein Selbst

Dein Selbst braucht dich nicht. Es existiert auch ohne dich. Du aber brauchst dein Selbst, um existieren, dich glücklich entfalten und erfolgreich sein zu können.

Du existierst in deinem Selbst, tust aber meistens so, als wäre das Selbst ein Teil von dir.

In Wirklichkeit bist du das Selbst und erlebst dich in ihm als Ausdruck. Als Ausdruck erlebst du dich in einem vergänglichen Leben. Da du das Selbst bist und nicht der Ausdruck, bist du aber nicht das, was vorübergeht, sondern erlebst dich in dem, was vorüber geht. Normalerweise glaubst und erlebst du jedoch, dass du nur der Ausdruck bist und nicht das Selbst.

Du erlebst dich mehr im Tun, als im Sein.

Im Ausdruck deiner selbst, erlebst du dich weitestgehend getrennt von deinem Selbst, getrennt von anderen Persönlichkeiten, getrennt von vielen Aspekten deiner eigenen Persönlichkeit und getrennt von dem momentanen Augenblick. Das Selbst ist immer präsent, mit allem verbunden und beständig. Der Ausdruck des Selbstes vergeht.

Du wendest sehr viel Lebensenergie dafür auf, immer etwas zu tun und beschäftigt zu sein, weil es dir Angst macht, ganz zu dir zu kommen und darin zu vergehen.

Was du auch immer in diesem Moment erlebst, wofür du dich auch hältst, wie krank du bist, wie abgetrennt du dich fühlst, mit welchen Problemen du dich herum schlagen musst und wie endlos dies alles erscheinen mag, es ist vorübergehend. Es ist ein Ausdruck, den du in dir aufrecht erhältst. Dieser kann dich zwar lange davon abhalten, ganz du selbst zu sein, doch das Selbst, das du bist, wird nicht gemindert und nimmt keinen Schaden dadurch.

Selbstfürsorge

Das Selbst braucht deine Fürsorge nicht. Es ist die Fürsorge.

Wenn du eines Tages beginnst, selbstfürsorglicher mit dir zu sein, dann steht hinter deiner Fürsorge meist ein Ziel, welches dir Antrieb und die Möglichkeit gibt, mehr Fürsorglichkeit zu entwickeln. Vielleicht willst du glücklicher sein, willst, dass es dir besser geht oder dass Symptome verschwinden. Hast du es gelernt, anhaltend fürsorglich mit dir zu sein, dann wird es dir besser gehen. Du wirst auch glücklicher sein, jedoch nicht, weil du nach dir schaust und dir etwas Gutes tust, sondern weil du durch deine Fürsorge mehr zu dir selbst geworden bist. Da es dir nun besser geht, wirst du wieder aufhören, fürsorglich zu sein. Dir wird es dann nicht schlechter gehen, weil du dich nicht mehr beachtest und dir nichts Gutes mehr tust, sondern weil du nun wieder weniger du selbst bist.

Selbstliebe

Das Selbst braucht deine Liebe nicht. Es ist die Liebe.

Wenn du eines Tages beginnst, liebevoller mit dir zu sein, dann tust du dies, weil du etwas damit bezwecken möchtest. Wir Menschen lieben uns nicht einfach so. Wir wollen uns wohler fühlen, weniger ängstlich oder einsam sein. Inneres Leid, Opferdasein, emotionale Vernachlässigung oder ein schlechtes Lebensgefühl können durch Selbstliebe heilen. Das kann eine gute Motivationen sein, sich selber mehr zu lieben. Mit der Zeit wandeln sich deine negativen Gefühlszustände, aber nicht weil du dich nun liebst, sondern weil du mehr zu dir selbst geworden bist. Du fühlst dich innerlich weiter, getragener, friedlich und ausgeglichener. Dein Wesen bekommt Raum in dir.

Selbstwertschätzung

Dein Selbst braucht deine Wertschätzung nicht. Es ist wertschätzend.

Wenn du eines Tages beginnst, dich selber wertschätzend zu betrachten und zu behandeln, dann hast du wahrscheinlich die Nase voll davon, darauf zu warten, dass genug Anerkennung von außen kommt, die dir hilft, dich richtig zu fühlen. Lange hast du gehofft, viel gearbeitet, dich angepasst und die Erwartungen anderer erfüllt und bist trotzdem leer ausgegangen. Du hast versucht, alles richtig zu machen, und doch war es nicht genug. Deine Enttäuschung ist eine gute Triebfeder, zu lernen, dich selbst wertschätzend zu behandeln, egal wie du dich fühlst und was du geleistet hast. Dann darfst du jeder Zeit offen und gut abgegrenzt sein, was deinem Wesen den nötigen Schutz gibt. Wenn du das kannst, wirst du dich nicht wertvoller fühlen, weil du nun endlich zu dir stehst, sondern weil du wieder mehr zu dir selbst geworden bist. Zuversicht und Wertschätzung werden noch viel größer in dir, wenn du sie ganz authentisch weiter gibst.

Selbstverwirklichung

Dein Selbst braucht es nicht, von dir verwirklicht zu werden. Es ist bereits verwirklicht.

In jedem Atemzug, in jeder Regung, jeder Aktion, auch im stillsten regungslosesten Moment findet Verwirklichung deines Selbstes statt. Wenn du denkst, du müsstest auf eine bestimmte Art und Weise sein oder wirken, dann benutzt du deine Lebensenergie, um deine Vorstellungen und Pläne durchzusetzen. Du wirst dich mühen, Zeit und Geld investieren und am Ende wird nichts dabei heraus kommen, was dich erfolgreicher werden lässt, nichts, was die Mühe wert gewesen wäre. Deine Rückschläge können eine gute Motivation sein, zu lernen, was stimmig und angemessen ist und was nicht. Dein Selbst ist bereits verwirklicht. Du kannst aufhören, Pläne zu schmieden, Ziele zu verfolgen und auf diese Weise deinem Selbst im Wege zu stehen. Alles, was wichtig ist, ist jetzt da. Willst du dein ganzes Potential entfalten, dann spüre jetzt die Stimmigkeit und Angemessenheit deiner Gedanken, Worte und Handlungen und orientiere dich daran bei all deinen Entscheidungen. Wenn du das kannst, entfalten sich dein Wesen, dein Glück und dein Erfolg, ohne dein Zutun, ganz von allein.

Selbstannahme

Dein Selbst braucht es nicht, dass du es annimmst. Es ist die Annahme.

Dein Selbst ist da und liebt dich bedingungslos. Pausenlos nimmt es dich, so, wie du bist, in seine großen warmen liebenden Arme. Während du noch darauf bestehst, dass dich keiner richtig liebt, du nicht gesehen und anerkannt wirst, umgibt und durchdringt es dich mit seiner Liebe. Du fühlst dich klein, ungenügend, unbedeutend, nicht reif genug oder einsam, weshalb du dich innerlich versteckst und nach außen so tust, als wäre alles in bester Ordnung. Je schlechter du dich fühlst, desto mehr kritisierst du dich und andere Menschen oder du stellst sie auf einen Sockel, um sie dann anhimmeln zu können. Währenddessen hast du jedoch an dir und an anderen Menschen kein wirkliches Interesse. Hast du es mit der Zeit gelernt, dich mehr und mehr anzunehmen, dann ist es nicht die Selbstannahme, die dir das tiefe Gefühl gibt, vollkommen in Ordnung zu sein, sondern es ist der natürliche Zustand deines Wesens, das du zunehmend zu spüren beginnst.

Selbstintegration

Dein Selbst muss nicht von dir integriert werden. Es ist vollkommen.

Du existierst in deinem Selbst. Es ist einfach falsch zu glauben, du müsstest es integrieren. Um dein Selbst voll und ganz leben zu können, dehne dich einfach aus, werde immer mehr zu dir selbst, bis das Selbst dich komplett ausfüllt, trägt und schützt. Du kannst deine Energie erhöhen, bis es keinen Unterschied mehr gibt zwischen dir und deinem Selbst, bis du in ihm aufgegangen bist. Kein Eigenwille mehr, keine Kompromisse, kein Deal mehr mit dem Leben. Dann realisierst du, dass du anhaltende Fürsorge bist, verantwortlich für alles, was gerade ist. Du wirst nicht anders können, als das, was ist, zu lieben und es als Lernfeld wert zu schätzen. Dann bist du dankbar und glücklich und es wird ganz normal sein, dich auf natürliche Weise zu entfalten, nicht, weil du dich erfolgreich integriert hast, sondern weil du dich getraut hast, ganz du selbst zu sein.

Egal, was du nun tust, du bist ganz eins mit allem. Dein Tun, dein Ausdruck, geschehen nun im Einklang mit deinem Sein, nicht mehr getrennt davon.

Das kleine Anti-Stress-Programm

Während meiner Wahrnehmungsarbeit stelle ich immer wieder fest, dass wir Menschen oft einen viel zu hohen Stresslevel in unserem Körper haben.

Interessanterweise sieht man es vielen Menschen überhaupt nicht an, wie gestresst sie eigentlich sind. Gestresst-Sein ist für viele von uns leider viel zu normal geworden.

Dieser kleine Info-Artikel soll ein wenig sensibilisieren, informieren und vielleicht etwas Platz für mehr Ruhe und Gelassenheit schaffen.

Nehme ich Dauerstress bei meinen Klienten wahr, dann spüre ich: Unruhe, Getriebensein, erhöhte Muskelanspannungen, Aufregung, Alarmbereitschaft, Anspannung, auf dem Sprung sein, Ungeduld, Ängstlichkeit, Grübeleien, nicht mehr entspannen können, Nervosität, Gereiztheit, Durcheinandersein, sich selbst ausweichen … und vieles mehr.

Stress ist im Grunde eine biochemische Reaktion in unserem Körper.

Die Stresshormone, Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin werden von den Nebennieren immer dann freigesetzt, wenn unser Körper etwas als bedrohlich wahrnimmt. Diese natürliche Reaktion führt zu einem starken Anstieg von Energie und Kraft. Das ist von Natur aus eine gute und nützliche Sache, doch wenn der Stress nicht nachlässt, dann bleibt der Hormonspiegel im Körper erhöht und wir entwickeln zahlreiche körperliche und seelische Symptome.

Folgende Symptome können sich bei Dauerstress einstellen:

  • auf der Verhaltensebene können alle Strategien, die unser Leben sichern, uns Halt geben und uns seit unser Kindheit beschützen, sich massiv intensivieren:

    sich anpassen, gefallen wollen, sich zurück ziehen, sich besonders viel Mühe geben, provozieren, anderen helfen, unsichtbar werden, immer mehr leisten müssen, sich rechtfertigen, alles kontrollieren wollen, perfekt sein müssen, andere auf Abstand halten, alles dramatisieren oder überspielen … sind nur einige davon

  • ganz weit verbreitet sind: innere Unruhe, sich ständig bewegen müssen und nicht mehr richtig zur Ruhe kommen können, da inzwischen zu viele Stresshormone den Körper überfluten

  • inneres Beben, Zittern, Schwitzen, Herzrasen und Ohnmachtsneigung kommen noch hinzu

  • Glucose kann dann nicht mehr gut verwertet werden und steht somit als Energiequelle nicht zur Verfügung

  • Wachstumshormone werden reduziert, was zu körperlichen Verfall, zu Muskelreduktion oder bei Kindern zu schlechter körperlicher Entwicklung führt

  • das Immunsystem wird sehr geschwächt, was eine Vielzahl von Infektionskrankheiten und Allergien nach sich zieht

  • die Verdauung spielt verrückt: Magenschmerzen, Durchfall, Verstopfung, Appetitlosigkeit

  • Fett kann nicht verbrannt werden, wodurch Übergewicht entsteht

  • der restliche Hormonhaushalt kommt durcheinander: ständige Müdigkeit, Wasseransammlungen, Regelblutungsstörungen, PMS, Haarausfall, Kopfjucken, Frieren, Schwindel, Übelkeit, Weinerlichkeit, Gereiztheit

  • Ein- und Durchschlafprobleme stellen sich ein

  • Unausgeglichenheit, Konzentrationsmangel, Leistungsabfall und Vergesslichkeit

  • schließlich kommt es zu Angstgefühlen, Panikattacken, Grübeleien und depressiven Verstimmungen

  • Autoimmunerkrankungen sind eine direkte Antwort unseres verwirrten Immunsystems auf seelischen Dauerstress

  • Verspannungen und Kopfschmerzen als Folge seelischer Anspannung, einseitiger Belastung und Bewegungsmangel

  • Rückenschmerzen als Folge von muskulären Verspannungen

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Arteriosklerose, Bluthochdruck, Herzrasen

Ursachen von Dauerstress

Akute Stressauslöser können Umzug, Jobwechsel, Prüfung, Operation oder Verlust und Trennungen von nahe stehenden Menschen sein. Solch ein Stress kann uns eine Weile zu schaffen machen, ebbt aber normalerweise wieder ab, wenn wir die Umstände langsam verarbeiten.

Der chronische Dauerstress hingegen, ist für unser Leben und unsere Gesundheit einfach nur schädlich!

Hier die gängigsten Ursachen:

  • Ganz oben stehen hier die unverarbeiteten seelischen Belastungen. Sie erzeugen unentwegt Stresshormone: traumatische Erfahrungen, Trauer, Verlust, symbiotisches Verhalten oder übertragene Traumata aus einer anderen Generation, unterschwellige Konflikte, Bindungsstörungen, Gewalterfahrungen, alte Verletzungen und seelische Schmerzen.

  • Wenn wir ständig funktionieren müssen, wir Zeitmangel und Termindruck haben, dann geraten wir in einen anhaltenden krankmachenden und erschöpfenden Dauerstress.

  • Eine laute Umgebung, Unordnung in der Wohnung, schlechte Licht und Luftverhältnisse sind für den Körper sehr anstrengend, da er dies unentwegt verarbeiten muss.

  • Anhaltende Konflikte mit Familienmitgliedern oder Kollegen können uns ebenfalls kraftlos und krank machen.

  • Eine großer Stressfaktor sind Geldmangel und Schulden, weil sich dadurch ein unterschwelliges Gefühl von existenzieller Haltlosigkeit und bedrohlicher Unsicherheit entwickeln kann.

  • Die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren und in der Pubertät

  • Was für uns Menschen auch sehr belastend sein kann, ist, wenn wir nicht frei entscheiden können, was wir tun und was nicht. Das passiert, wenn die Struktur unseres Lebens oder sehr viel Verantwortung uns zu sehr festlegen oder wenn unsere Mitmenschen weitestgehend über uns bestimmen. Zu wenig Selbstbestimmtheit kann sehr belastend werden.

  • Viele Menschen werden am Arbeitsplatz, zu Hause oder in der Schule schikaniert und gequält, was zu hochgradigem Stress und zu entsprechenden Symptomen führt.

  • Es gibt auch viele ungünstige Arbeitsbedingungen, die zu Stress führen: Schichtarbeit, permanente Überstunden, aber auch Unterforderung, Langeweile, zu wenig Personal oder hochkonzentrierte Fließbandarbeit.

  • Aber auch wenn wir erwarten, dass wir versagen, nicht gut genug sind, niemand uns liebt und leiden kann, wir uns selbst verachten, kein Selbstvertrauen haben, uns vor Veränderungen fürchten oder uns selbst vernachlässigen, bedeutet dies Dauerbelastung für unser Geist-Seele-Körper-System.

  • Eine weitere Ursache ist, wenn wir Rollen spielen, also denken, irgendwie sein zu müssen, etwas darstellen oder erfüllen zu müssen, was aber mit unserem inneren authentischen Wesen nicht überein stimmt.

  • Sehr verbreitete Formen, durch die wir Stress erzeugen sind zudem Schlafentzug, permanente Ablenkungen, Reizüberflutung durch Filme und Computerspiele, Nächte hindurch lesen oder allgemein die Nacht zum Tag machen. – Da das Cortisol in der Nacht produziert wird, sollten wir gegen 22 Uhr schlafen gehen, sonst können die Nebennieren nicht genug für den nachfolgenden Tag bereitstellen. Das akute Gefühl, wenn nicht mehr genug Cortisol da ist, kennen wir von durchgemachten Nächten: Übermüdung. Bis nach Mitternacht wach sein, sollte immer eine Ausnahme sein.

  • Durch Stress entstehen Krankheiten und Schmerzen. Diese führen wiederum zu Stress. Aber auch chronische Krankheiten von Familienmitgliedern können bei uns vermehrten Stress verursachen.

  • Auch langes Stehen, Sitzen und Liegen ist für den Körper belastend.

  • Und nicht zuletzt, erzeugen falsche Ernährung, viel Kaffee, Zigaretten, Alkohol und all die anderen gängigen Drogen und Süchte anhaltenden Stress.

Das kleine Anti-Stress-Programm

  • Durch Sport, Fitness und Bewegung an der frischen Luft, werden am schnellsten überflüssige Stresshormone abgebaut. Die Glückshormone Endorphin, Serotonin und Dopamin werden ausgeschüttet. Zu wenig Serotonin alarmiert wiederum die Stresshormone und führt zu Ängstlichkeit, Schlafstörungen und Depressionen. Leichte Übungen, Joggen, schnelles Gehen, Tanzen, Krafttraining, Schwimmen, Fahrrad fahren, auf einem kleinen Trampolin laufen und springen sind hier gut geeignet.

Vorsicht: Zu viel Sport stresst ebenfalls! Lieber langsam und achtsam, anstatt wieder etwas leisten müssen, durchziehen oder absolvieren.

  • Durch bewusstes tiefes Atmen können wir den Körper ebenfalls effektiv entspannen. Das Gehirn beruhigt sich, wenn es mehr Sauerstoff bekommt. Stresshormone werden sofort reduziert. Wir werden zudem direkt in die Gegenwart geholt, was uns noch mehr zur Ruhe kommen lässt. Tief durch die Nse einatmen – Luft kurz anhalten – ganz lange durch den Mund ausatmen – Luft kurz anhalten – tief einatmen. Mehrmals täglich!
  • Ein weiterer Gegenspieler zum Stress und seinen Folgen sind Lachen und Fröhlich-sein. Durch Lachen wird sofort das Cortisol im Blut gesenkt und das Stresshormon Adrenalin ebenfalls. Lachen macht leichter, neutralisiert Situationen, beruhigt und befreit.
  • Ein Magnesiumbad ist nicht nur hilfreich bei Stress, Unruhe, Schlaflosigkeit und verspannten Muskeln, sondern kurbelt auch das Immunsystem an und wirkt heilend. Dafür kann man sich einen Eimer Magnesiumchloridhexahydrat kaufen. Zwei Tassen davon ins Badewasser oder eine Tasse ins Fußbad und mindestens eine halbe Stunde darin baden. Am besten zwei bis drei Mal in der Woche vor dem Schlafengehen oder über sechs Wochen täglich, um die Speicher zu füllen. Über die Haut wird im warmen Wasser ausreichend Magnesium aufgenommen. Überflüssiges Mg wird einfach ausgeschieden. Magnesiummangel führt ebenfalls zu ständigen Adrenalin- und Cortisolausschüttungen. Ein niedriger Magnesiumspiegel ist außerdem an unzähligen körperlichen und seelischen Krankheiten beteiligt.
  • Zeit für sich ganz allein haben, sich Zeit für Hobbys nehmen, Zeit mit Freunden und Familie, Zeit für Pausen, Zeit für Entspannung, Wellness und Achtsamkeit. Das hilft uns, Unruhe, Anspannung und Stress zu reduzieren. Durch die körperliche Nähe zu anderen Personen wird das Stress reduzierende Hormon Oxytocin erhöht und die Produktion von Cortisol verringert. Familie und Freunde können uns zudem Gefühle von Ruhe, Halt und Geborgenheit vermitteln und uns Mut und Kraft geben

Auch die Ernährung umstellen kann hilfreich sein, wenn die Stresshormone erhöht sind:

  • Der Cortisolspiegel kann zum Beispiel dadurch reduziert werden, indem wir alle drei Stunden etwas hochwertiges und nahrhaftes essen.

  • Vor allem Proteine, komplexe Kohlenhydraten und gute Fette. Nüsse sind da sehr gut geeignet.

  • Omega-3-Fettsäuren sind ebenfalls hilfreich, wie in Leinsamen, Kürbiskernen und Walnüssen.

  • Alle Lebensmittel mit B-Vitaminen sind wichtig. Vor allem Vitamin B5, wie in Avocados, Mais, Brokkoli, Kohl und Süßkartoffeln.

  • Auch Vitamin-C-reiche Lebensmittel senken auf natürliche Weise den Cortisolspiegel.

  • Wenn es geht, Zucker und raffinierte Kohlenhydrate meiden, um den Blutzuckerspiegel vor starken Schwankungen zu schützen, denn ein hoher Blutzuckerspiegel provoziert beim Abfallen wieder die Produktion von Stresshormonen.

  • Auch Vitamin D3 Mangel ist weit verbreitet und sollte schnell behoben werden, wenn wir Stress reduzieren wollen.

    TRE – Tension & Trauma Releasing Exercises ist eine leicht zu erlernende Technik. Durch sieben kleine Übungen, auf die der Körper mit Zittern reagiert, wird es dem Körper ermöglicht, zu seinem natürlichen Gleichgewicht zurückzufinden. Das Zittern ist eine ganz natürliche Reaktion des Körpers, die von uns jedoch meist unterdrückt wird. Es ist eine schnelle und wirksame Lösung bei Stress und Traumafolgen.

    Adaptogene sind Pflanzen, die sehr erfolgreich bei Stresssymptomen eingesetzt werden, da sie den Körper belastbarer und widerstandsfähiger gegenüber den Anforderungen des Alltags machen. Ginseng, Rosenwurz, Schlafbeere und Tulsi sind nur einige der zahlreichen Adaptogene, die die Natur uns zu bieten hat. Diese Heilpflanzen führen zu einer Anpassung des Körpers und des Immunsystems an höhere Belastungen und machen ihn robuster gegenüber Überlastung. Der Stoffwechsel und das Nervensystem werden harmonisiert und gestärkt.

    Weitere hilfreiche Dinge, die wir tun können sind:

  • Erdung – http://malenna.at/heilendes-erden/ – sehr empfehlenswert!!!

  • Dankbar sein, denn dies öffnet uns für das Gute und Schöne im Leben.

  • Schöne Dinge tun, alles, was Spaß und Freude bereitet.

  • Kalt duschen setzt Glückshormone frei.

  • Ausgiebig Räkeln wirkt wie eine Stunde Schlaf.

  • PME/autogenes Training

  • Versuchen, die Dinge so zunehmen, wie sie sind.

  • Achtsamkeitsübungen in den Alltag integrieren.

  • Nicht immer erreichbar sein.

  • Viel in die Natur gehen.

Von der Suche nach dem anhaltenden Glück

Ein glückliches neues Jahr wünsche ich dir!“

Diesen Satz habe ich in den letzten Wochen oft gehört und dies nun zum Anlass genommen, einen Artikel über das Glück zu schreiben.

Menschen, die zu mir kommen sind oftmals unglücklich. Nehme ich UnglücklichSein als geistig-seelisch-körperliche Verfassung wahr, dann kann das ungefähr so aussehen:

>> Das Level der vitalen Energien ist meist deutlich herabgesetzt. Der Körper fühlt sich erschöpft und anfällig an. Manchmal durch Bewegungsmangel. Oft aber auch durch ein permanentes funktionieren müssen. Im Kopf wuseln destruktive Gedanken umher. Grübeleien, aber auch abwertende Gedanken beherrschen den Verstand. In der Gefühlswelt, die vorsichtshalber meistens gemieden wird, wartet ein brodelnder Gefühlsbrei aus Enttäuschung, Traurigkeit, Schmerz und Wut. Und diese innere Verfassung wird entweder durch einen zusätzlichen Druck belastet, der sagt: „Reiß dich zusammen und komm auf die Hinterbeine. Ist doch alles in Ordnung. Geh arbeiten.“ Oder durch eine Schwere, die sagt: „Rückzug. Ich werde mich verstecken, bis alles vorbei ist. Ich fühle mich dem Leben nicht gewachsen. Am besten alles reduzieren und schön den Ball flach halten. Lieber im Bett bleiben.“ <<

UnglücklichSein ist eine komplexe Sache, die sich im Laufe vieler Jahre schleichend entwickelt. Ich habe heraus gefunden, dass die tiefe Ursache für unser Unglück, die unbewusste Suche nach dem anhaltenden Glück ist. Diese kann uns für viele Jahre ununterbrochen davon abhalten, zu uns zu kommen und bei uns zu bleiben.

Was macht uns jetzt glücklich? Sicherlich fallen jedem auf Anhieb einige Dinge ein, die uns augenblicklich glücklich machen würden. Vielleicht ist es etwas zu Essen, Musik, neue Kleidungsstücke, das Glas Wein, der perfekte Partner, eine Runde joggen oder zocken, lustvoller Sex, lange schlafen, vielleicht auch harmonische Momente, berührende Filme oder viel Arbeit. Es kann auch sein, dass dich mehr Gesundheit, Einkaufen, Tanzen, für Andere da sein, gute Gespräche, Autofahrten, Alleinsein, Meditation oder Rockkonzerte glücklich machen.

Was es auch sein mag, jeder Glücksmoment, den wir erzeugen und erleben, wird vorübergehend sein. Nichts von alledem kann uns daher eine anhaltende Erfüllung, also anhaltendes Glück bringen.

Die Natur aller Dinge ist Vergänglichkeit. Es gibt nichts in dieser Welt, was nicht irgendwann einmal vergeht. Einiges schneller: wie ein Gedanke, ein Rausch, ein Wutanfall oder ein Lachen. Anderes bleibt uns länger erhalten: wie so manche Krankheit, der Arbeitsalltag, der Wohnort, unser Körper, eine Freundschaft, eine Stadt oder ein Gebirge. Es spielt keine Rolle, um was es sich handelt, alles ist der Veränderung unterworfen und geht irgendwann dahin.

Das ist die Seite des Lebens, die wir normalerweise nicht so mögen oder sogar ignorieren, weil sie uns traurig macht, sogar starke Widerstände und Ängste in uns hervorrufen kann. Im Grunde leiden sogar die meisten Menschen mehr oder weniger darunter, dass es eine alles durchdringende Endlichkeit gibt, eine unaufhörliche Bewegung und Weiterentwicklung.

Nichts bleibt jemals so, wie es ist. Dies zu fühlen oder wahrzunehmen, kann uns haltlos machen oder auch zu einer gewissen Sinnlosigkeit im Leben führen. Da Wandel und Vergänglichkeit jedoch unser aller Leben beherrscht, sind wir immer auf der Suche nach etwas, was bleibt, was uns Halt und Richtung geben kann oder uns anhaltendes Glück verspricht. Diese Suche kann zu einer starken Triebfeder in unserem Inneren heranwachsen, worauf die äußere Welt natürlich sofort mit vielversprechenden Angeboten reagiert.

Es gibt eine große Auswahl von Möglichkeiten da draußen, die uns alle anhaltendes Glück versichern. Doch alles, was wir ausprobieren, wird nicht anhalten, denn Glücksgefühle nehmen kontinuierlich ab, sobald wir das erreicht, gefunden oder erlebt haben, was uns eigentlich längerfristig glücklich machen sollte.

Das berauschende Hochgefühl sinkt einfach wieder ab, Spannungen schleichen sich in die wohlige Entspannung ein, der innere Frieden wird durch Erwartungen gestört, Lachen versinkt in Ernsthaftigkeit, Harmonie kann bei all den launischen Mitmenschen nicht gehalten werden usw.. Also machen wir folgendes: wir wiederholen einfach permanent all das, was uns glücklich macht. Immer wieder organisieren wir uns sinnliche Freuden, emotionale Höhenflüge, Spannung, Spaß und Spiel.

Doch im Laufe der Zeit, brauchen wir immer etwas mehr davon, denn unser Glücksgefühl gibt sich mit der normalen Dosis bald nicht mehr zufrieden. Immer schneller flaut es in uns ab und wir müssen dafür sorgen, dass wir erneut etwas erzeugen, was uns glücklich macht. Irgendwann pendeln wir dann hin und her zwischen Unwohlsein, Drang, Erschöpfung oder Depression und dem permanenten Produzieren und Hervorbringen von Glücksmomenten.

Diese Bewegung zwischen den Polen und das anhaltende Bemühen ist für uns anstrengend und unbefriedigend. Wir kommen nicht mehr richtig zur Ruhe. Wir kommen nicht mehr zu uns. Und irgendwann merken wir, wie unglücklich wir sind. Doch wir können nicht erkennen, dass dies nur die Folge unserer Suche nach dem anhaltenden Glück ist, die uns hierher, in diesen unglückseligen Zustand gebracht hat … und wir machen weiter und weiter und weiter.

Erst wenn wir mit der Suche aufhören, inne halten, aufhören, uns auf Trapp zu halten und sehen, was wirklich ist, was mit uns wirklich los ist, uns fühlen und uns wieder wahrnehmen, dann kommen wir wieder zu uns, werden mehr zu uns selbst und treten sogar heraus aus dem Feld der Gegensätze und Vergänglichkeit.

Ganz konkret fangen wir an, das Kommen und Gehen der Dinge, der inneren Zustände und Situationen einfach nur noch zu betrachten, als das, was es ist: etwas Vorübergehendes. Die Vergänglichkeit wird einfach nur noch wahrgenommen und dem Strom der ablaufenden Erscheinungen in unserem Alltag zugesehen. Alles um uns herum und in uns drin scheint dann nur noch zu passieren, wir verschwinden nicht mehr darin, sondern schauen zu.

Am Morgen passiert dann ein Aufwachen und ein Augen aufmachen. Dann passiert vielleicht essen, trinken und zur Arbeit fahren. Wir sind ganz dabei, während all das passiert. Wir hören uns reden und lauschen. Da steigt eine Spannung in uns auf, was wir ganz genau mitbekommen. Gerade klammert sich der Verstand an eine blöde Vorstellung. Wir schauen uns das ganz genau an. Wir sind dabei ohne einzugreifen. Wir betrachten alles, was passiert. Ob nun schön oder unangenehm. Wir sind ganz bei der Sache. Ganz da. Werden plötzlich zu einer Handlung und zur nächsten, wir schauen und schauen.

Haben wir diesen Schritt gemacht, dann haben wir uns aus den leidvollen Fängen der sich permanent ändernden Zustände herausbewegt. Wir haben uns in einen Bereich bewegt, der etwas zuverlässiger und nicht ganz so launisch ist, wie der vorherige. Hier sind wir wach, offen und präsent. Wir bekommen alles mit. Wir sind ruhig und friedlich dabei.

Alles geht dahin, doch wir bleiben.

Endlich haben wir eine Ebene unseres Inneren entdeckt, die nicht so anstrengend ist, eine, bei der wir nicht so viel drauf zahlen müssen, wenn wir Glück haben wollen. Hier bekommen wir Ruhe und Frieden gratis. Wir sind anwesend und ganz bei der Sache. Finden Abstand und Gelassenheit. Das macht uns nun wirklich glücklich. Ein stilles feines Glück. Eines, das etwas abseits all jener Bemühungen um das emotionale Höher-schneller-weiter-Glück existiert. Jetzt haben wir es: das anhaltende Glück. Und wir genießen es, bis wir eines Tages entdecken, dass auch dieses Glücksgefühl wieder weniger wird. Wir bemerken, dass die reine Wahrnehmung, das Schauen und Betrachten dessen, was ist, auch vergehen will. So, wie wir vorher in der Suche und in all den Bemühungen zu Hause waren, sind wir jetzt in der Wahrnehmung angekommen und wenn wir es zulassen, dann geht auch sie dahin, so, wie alles andere auch vergeht.

Nach langem konzentrierten Schauen, was eben gerade ist, erleben und spüren wir immer deutlicher, dass wir immer außerhalb von dem bleiben, was gerade passiert. Vergeht auch dieser Zustand, werden wir ganz Eins mit allem, was ist. Das ist der Moment, in dem die Suche nach dem wahren Glück schließlich ein Ende findet. Jedoch nicht, weil wir bekommen haben, was wir wollten, sondern weil der leidende Sucher im Schauenden verschwunden ist und der gelassen Schauende im Seienden verging.

Und wenn der Seiende letztendlich ganz im Sein vergeht, dann wird klar, warum wir niemals das anhaltende Glück oder uns selbst finden können … es geht einfach nicht … denn wir können nicht etwas finden, was nie verloren ging und wir können niemals nicht wir selbst sein.

Auch in unseren Überzeugungen, in der Schwere und in all den Bemühungen um das anhaltende Glück, sind wir immer ganz wir selbst. Auch im Beobachten all dessen, im Vergehen und im ganz schlichten einfachen Dasein. Wir sind immer wir selbst. Es ist nur unser Ausdruck, der sich ändert, der vergehen kann und wieder neu wird.

Innere Grenzen

old-1959391_1920Unsere inneren Grenzen bestehen aus alten Prägungen, seelischen Verletzungen, vorgefertigten Vorstellungen oder aus tief sitzenden Unsicherheiten. Sind wir an unsere Grenze gekommen, dann geht es nicht weiter. Wir spüren Hilflosigkeit, Ohnmacht, Leerheit oder große Abwehr.

Dann ziehen wir uns zurück, versuchen andere Menschen zu verändern, manchmal hoffen wir auch still und handlungsunfähig auf Besserung, greifen unseren Gegenüber an oder lassen alles an uns abperlen, ziehen lieblose Konsequenzen, wollen bestrafen, kontrollieren oder manipulieren. Dies sind Momente, in denen wir oft nicht erkennen können, dass es unsere eigenen inneren Grenzen sind, an die wir schmerzhaft gestoßen sind. Oft machen wir dann andere Menschen für unseren Schmerz, für unsere Ängste oder für unser Unvermögen verantwortlich oder wir werden hart und gnadenlos mit uns selber.

Wir legen es normalerweise nicht freiwillig drauf an, an unsere Grenzen zu stoßen. Es passiert einfach immer wieder. Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir sogar zahlreiche Strategien, um unser Überleben zu sichern. Wir beschützen unsere Begrenzungen, indem wir andere abwerten, uns überhöhen, uns an Standpunkte klammern oder Nähe meiden. Auch Gefühle, Begegnungen, Veränderungen und Lösungen werden verhindert oder wir kappen einfach nur die Verbindung zu uns selbst.

Wir bleiben gern in unserer sicheren Zone. Hier fühlen wir uns wohl und aufgehoben. Und doch passiert es immer wieder, dass wir an Menschen oder in Situationen geraten, die uns unerwartet schnell an unsere Grenzen bringen. Es ist sogar so, dass solche Menschen und Situationen eine unwiderstehliche Anziehung auf uns haben können.

Sind wir an unsere Grenzen geraten, dann ist das meist sehr unangenehm und wir wehren uns instinktiv dagegen. Diese Abwehr kann viel Energie verschlingen, verzehrt unsere Klarheit und raubt unsere Zuversicht. Obwohl wir in diesen Momenten eigentlich unsere ganze Wachheit und Liebe brauchen, werden wir eher eng und mißtrauisch.

Hinter unseren Grenzen wartet etwas Neues auf uns. Ein neues Lebensgefühl und die Begegnung mit uns selbst. An unseren Grenzen brauchen wir viel Bereitschaft zum wachsen und reifen, sonst werden wir einsam, bleiben unentwickelt, machen keine neuen Erfahrungen mehr oder nur solche, in denen sich alles verschlimmert.

An unserer Grenze erfahren wir uns selbst

Innere Grenzen haben nichts mit der Abgrenzung, die wir im Alltag brauchen, zu tun. In unseren Begrenzungen sind wir vielmehr Gefangene unseres Selbstes. Bringt uns jemand an unsere Grenzen, dann ist dies immer eine Aufforderung, diese zu dehnen und zu weiten. An solchen Punkten in unserem Leben geht es immer darum, etwas loszulassen, uns zu fühlen oder etwas zu erkennen. Dies ist jedoch nicht so leicht, da unsere Selbstschutzstrategien uns augenblicklich beschützen werden, sobald wir hier in Gefahr sind.

Es sind die Menschen, die uns nahe stehen, deren meist die Aufgabe zufällt, uns an unsere Grenzen zu bringen und gerade das macht es oft so problematisch. Entweder wir werden diese Menschen nicht los, weil es unsere Kinder, Eltern oder Partner sind oder wir haben es geschafft, sie zu verlassen, jedoch ohne vorher gewachsen zu sein, dann kommen sie zurück. Entweder persönlich oder in Form einer anderen Person. Alle Menschen, die es schaffen, uns an unsere Grenzen zu bringen, sind in Wirklichkeit ein Segen für uns. Natürlich wird dies selten so empfunden. Sie kommen uns eher vor wie Folterknechte: lästig, unbequem, unangenehm, bedrohlich, störend, verwirrend und abstoßend.

Würde es diese „unliebsamen“ Menschen nicht geben, dann gäbe es für uns kaum eine bessere Möglichkeit, zu wachsen, zu reifen und zu lernen. Wir würden uns weiterhin in unseren bequemen, bekannten und behaglichen Grenzen bewegen und niemals erfahren, was wir darüber hinaus sind. Uns würde die Erfahrung entgehen, weiter und liebesfähiger zu sein, kraftvoller und klarer oder begabter, einzigartig und kreativ.

Jede innere Grenze hält uns davon ab, mehr wir selbst zu sein. Innerhalb unserer Begrenzungen muss es uns nicht unbedingt gut gehen, doch das spielt keine große Rolle. Viel entscheidender ist es, dass es uns vertraut ist, wie ein gemütliches zu Hause und deshalb halten wir daran fest. Wir kennen es so und nicht anders. Das ist auch nicht verkehrt. Wir wissen oft nur nicht, dass außerhalb unserer Grenzen noch viel mehr auf uns wartet. Etwas, das immer zu uns gehören wird, ob wir es nun kennen, sein und leben wollen oder eben nicht. Das, was wir alles über unsere Begrenztheit hinaus noch sind, wird nie verschwinden, auch wenn wir es nie entdecken.

Wenn wir dahin kommen wollen, mehr von uns selbst zu erfahren, dann müssen wir breit sein, unsere Grenzen zu überwinden. Dafür sind Grenzen da. Wissenschaftler haben schon längst erkannt: das Universum dehnt sich aus. Wir Menschen sind ein Teil dieses großen Ganzen. Auch wir dehnen uns aus. Diese Ausdehnung ist ein natürlicher Vorgang, den wir jedoch mit unseren Grenzen permanent verhindern. Das Weiten unserer inneren Begrenztheit ist immer ein besonderer Moment. Nicht selten ist er damit verbunden, dass alte verdrängte Gefühle in uns aufsteigen, wir das Gefühl des Sterbens haben, vollkommen Ohnmächtig werden oder Hilflosigkeit und Leere sich in uns breit machen. Alles bricht zusammen, es erscheint aussichtslos, dunkel, langweilig, wir leiden, fühlen uns einsam und abgeschnitten. Wir Menschen meiden solche Zustände meist, wie der Teufel das Weihwasser. Oftmals wissen wir einfach nicht, dass solche Umstände zu unseren Übergängen gehören. Wie der Schmerz zur Geburt gehört und die Nacht zum Tag.

Ohne Grenzen sind wir alles

Turbulente Grenzerfahrungen können uns bis an unser Lebensende verstört, verängstigt und gebrochen zurücklassen. Ohne das Wissen darum, dass diese Ereignisse dafür da sind, darüber hinaus zu wachsen, können sie uns verstärkt an unsere Begrenzungen fesseln. Nicht selten klammern wir uns dann an Überlebensstrategien, die wir ohne Hilfe und Halt von außen nicht wieder loslassen können.

Menschen, die es jedoch geschafft haben ihre Grenzen zu weiten, die tapfer durch die eine oder andere Hölle gegangen sind, erleben eine interessante Veränderung. Neben den Geschenken der inneren Heilung und der Erfahrung von Liebe, Macht und Kreativität, die sie ohnehin erhalten, werden auch die Übergänge leichter. Der Schmerz wird sanfter, die dunklen Nächte kürzer, die innere Leere wird getragen von Vertrauen und Freude auf das Neue und das Loslassen fällt leichter. Krisen werden zu Chancen. Menschen, die uns auf die Palme bringen und uns fertig machen, werden zu unseren Lehren. Situationen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, werden zu Möglichkeiten, größer und reifer zu werden. Und wenn das Leben uns wie eine Sackgassen erscheint, wissen wir, dass es mal wieder Zeit ist, uns weiter zu entwickeln.

Wir Menschen sind nicht das, was uns begrenzt. Wir sind die Ausdehnung. Es gibt hier kein Ankommen. Wenn wir denken, dass wir es geschafft haben, fertig sind oder es erreicht haben, dann werden wir bald feststellen, dass es nur wieder eine weitere Begrenzung ist, in der wir uns einrichten wollen. Der Wunsch, irgendwo anzukommen, auszuruhen, mit alledem fertig zu sein, ist in uns Menschen groß. Auch das Bedürfnis nach dem anhaltenden Glück und der immer währende Liebe, nach Sicherheit und Geborgenheit schlummert in unserem Inneren. Es muss doch einen Punkt geben, an dem dies ununterbrochen möglich ist. Diese erfüllenden Zustände können wir durchaus immer mal erleben, doch sie sind endlich. Sie gehen immer wieder vorüber. Das unendliche Glück, die anhaltende Liebe, die absolute Sicherheit und die tiefste Geborgenheit existieren dort, wo es keine Grenzen gibt. Unendliches, also all das, was immer da ist, hat keine Grenzen. Solange es Begrenztheit gibt, existiert auch Endlichkeit.

Wunderbar glückliche leichte und befreite Zustände machen sich meist in uns breit, wenn wir mal wieder eine innere Grenze überwunden haben. Doch schon bald regt sich das Bedürfnis in uns, diese festhalten zu wollen, sie an uns zu binden und sie für uns in Anspruch zu nehmen. Wir wollen einen Nutzen daraus ziehen. Manchmal erleben wir auch, dass diese wunderbaren Zustände einfach wieder verblassen und sich mit bekannten begrenzenden Mustern mischen. Wie es auch kommt, wir Menschen neigen dazu, uns immer wieder zu begrenzen. Allein schon aus dem Grund, weil wir uns auf diese Weise menschlich fühlen. Ohne Grenzen wären wir alles. Wir wären allumfassende, bedingungslos liebende Wesen, hätten alles Wissen in uns und wären unsterblich. Wir nehmen uns für gewöhnlich nicht auf diese Weise wahr. Was jedoch nicht bedeuten muss, dass wir es nicht sind.

Grenzen haben, heißt menschlich sein. An Grenzen stoßen ist menschlich. Grenzen zu meiden ebenfalls. In Grenzerfahrungen zu sein, Grenzen zu weiten und diese auszudehnen, sich zu entfalten, zu reifen, zu lernen und immer größer zu werden ebenso. Ohne Grenzen gibt es den Menschen nicht mehr. Kein Ich, kein du und auch kein wir. Das gibt es nur durch Begrenztheit.

Grenzen sind etwas zutiefst menschliches. Sie machen uns zu dem, was wir sind. Durch sie können wir viele unterschiedliche Erfahrungen machen. Vom tiefsten Leid bis zur höchsten Selbstwerdung. Ohne Grenzen gäbe es nur endlose Weite und Leere. Deshalb sind unsere Begrenzungen nicht dafür da, um vernichtet oder aufgehoben zu werden. Durch unsere Grenzen sind wir jemand. Ohne sie sind wir nur da. Nur da zu sein, ist das Größte, was wir erfahren können. Auch wenn dies einen unendlich langweiligen Eindruck auf uns macht, ist es tatsächlich das Höchste, Beste und Schwierigste, was es zu erreichen gibt. Mehr nicht. Danach gibt es nichts mehr. Sind wir im Sein aufgegangen, dann ist Schluss mit jeglicher Erfahrung. Bis dahin können wir jedoch mutig und fröhlich mit unseren Grenzen spielen. Lust entwickeln, mehr von dem zu sein, was wir sind. Uns weiten und ausdehnen. Wieder tief hinabsteigen, eng und finster werden. Darüber hinaus wachsen, Erfahrungen machen und alles, was wir sind mit anderen teilen. Für andere da sein, gemeinsam wachsen und immer wieder einfach nur da sein.

Und keine Angst, bei alledem, kann es uns niemals wirklich an den Kragen gehen. Das, was wir sind, ist unveränderlich immer da. Es sind die Grenzen, die einfallen, denen zu Leibe gerückt wird und die vernichtet werden können, niemals das, was wir sind. Wenn wir allerdings glauben, dass wir die Grenzen sind und nicht das, was sich in der Begrenztheit erfährt, dann kann das sehr beängstigend werden. Dann sieht es so aus, als könnten wir zerstört werden und müssen uns natürlich bewachen und verteidigen.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt – über die Ebenen der Verbundenheit

sadness-451917_1920Wenn wir jemanden lieben, dann fühlen wir uns mit demjenigen besonders verbunden. Ist diese Verbundenheit auf irgendeine Weise gestört, dann beginnen wir zu hoffen. Wir entwickeln optimistische Vorstellungen, Erfolg versprechende Erwartung und positive Wünsche, die recht bald in Erfüllung gehen sollen. Mit unserer Hoffnung bauen wir eine Brücke zwischen dem, was tatsächlich ist, uns aber nicht gefällt oder gut tut und dem, was werden soll und auf jeden Fall besser sein wird.

Hoffnung kann über Jahrzehnte aufrecht erhalten werden. Es gibt zwar keine Garantie, dass wir durch unsere Hoffnung das bekommen, wonach wir uns sehnen, doch sie hält uns in der Zuversicht und in dem Glauben, dass alles besser wird. Diese innere Haltung kann unsere Handlungen, unser Wohlgefühl und unsere Verhaltensweisen zutiefst beeinflussen. Sie kann uns über schwere Zeiten tragen und unser Leben retten. Doch wenn die Hoffnung stirbt, wir nicht mehr daran glauben, dass es besser wird, dann kann das Pendel in die andere Richtung ausschlagen. Depressive Zustände, Panik, Niedergeschlagenheit und Sinnlosigkeit können dann an die Stelle von Hoffnung und Zuversicht treten.

In Beziehungen neigen wir Menschen dazu, fehlende Verbundenheit mit Hoffnung zu überbrücken, um die Zeit der Entbehrung, Entsagung, des Mangels und der Trennung besser aushalten zu können.

Auf ganz tiefer Ebene sind alle Menschen miteinander verbunden, daher heißt es auch oft, dass die Liebe uns alle vereint. Diese Verbundenheit ist immer da, ob wir sie fühlen oder wahrnehmen können oder nicht, ändert nichts daran. Es ist eine Verbundenheit, die da ist und niemals zerstört werden kann. Normalerweise können wir uns in diese tiefe allumfassende Verbundenheit nicht hineinversetzen und sie auch nicht vollends begreifen, da wir andere Formen von Verbundenheit in unserem Alltag erleben und gelernt haben. Dort, wo wir unzertrennlich und immerwährend miteinander verbunden sind, wird sich dies auch nie ändern. Doch auf all den anderen Ebenen der Verbundenheit, können wir uns voneinander abtrennen. Der Unterschied zwischen der ursprünglichen unzerstörbaren und der eingeschränkten endlichen Form von Verbundenheit liegt darin, dass die erste Form von unserem Wesen ausgeht und die zweite Form ein Ausdruck unseres Wesens darstellt.

In unserem Wesen sind wir unzertrennlich. Im Ausdruck unseres Wesens können wir uns lösen, separieren, abkoppeln, isolieren, entfremden, wegdrehen, dicht machen, keine Worte finden, nicht aufeinander eingehen, wegstoßen, verurteilen und aneinander vorbei leben – wodurch wir anhaltende Trennung erzeugen können.

Auf der Ebene unseres Ausdrucks gibt es unterschiedliche Formen und Qualitäten von Verbundenheit. In einer Beziehung zwischen zwei Menschen kann dies in drei Bereiche eingeteilt werden. Wir können geistig, emotional und körperlich miteinander verbunden sein.

Unser zwischenmenschlicher Kontakt kann unterschiedliche Qualitäten haben. Wenn wir miteinander reden, dann kann das ein inspirierender geistiger persönlicher Austausch sein, es kann aber auch sein, dass einer den anderen belehrt, nur von sich erzählen möchte oder sogar angriffslustig den Gegenüber beschimpft. Die Qualität, mit der wir in Verbindung gehen, zeigt uns, wie sehr wir versuchen, abgetrennt voneinander zu sein oder uns annähern möchten. Wenn wir uns gegenseitig hassen und verachten, dann sind wir miteinander verbunden und halten uns dabei permanent auf Abstand. Sind wir dagegen wertschätzend und zuversichtlich miteinander, dann nähern wir uns in der Verbundenheit einander an.

In einer Beziehung zwischen zwei Menschen kann die Verbundenheit auf verschiedene Weise gestört sein. Wenn ich eine Paarbeziehung untersuche, dann schaue ich mir die geistige, seelische und körperliche Verbundenheit genauer an:

Geistige Ebene – Kommunikation, Austausch, gemeinsame Visionen und Werte

Auf der geistigen Ebene kann die Kommunikation gestört sein, wenn einer mit dem anderen nicht redet, dann kann das zu vielen Missverständnissen führen oder der, mit dem nicht gesprochen wird, fühlt sich unverstanden oder sogar abgelehnt. Oft weiß derjenige, der nicht spricht, einfach nicht, wie er sich ausdrücken soll, ist verunsichert oder hat es nicht gelernt, sich offen verbal auszutauschen, weil es in dessen Familie nicht üblich war, miteinander zu reden.

Auf der geistigen Ebene gibt es eine sehr sichere und verbreitete Form, sich gegenseitig auf Abstand zu halten: das Urteil. Wenn wir etwas stark verurteilen, beurteilen oder bewerten, dann wehren wir es ab. Das ist grundsätzlich schlecht, doch wenn es permanent geschieht, dann erzeugen wir unentwegt Trennung, Ablehnung und Geringschätzung.

Eine weitere Störung auf der geistigen Ebene von Verbundenheit, die so sehr verbreitet und daher in fast jeder Beziehung üblich ist, ist die Angewohnheit, dem anderen zu sagen, dass er anders sein soll. Dies ist wie eine ansteckende Epidemie. Eltern sagen es ihren Kindern, Kindern ihren Eltern, Frauen ihren Männern, Männern ihren Frauen usw.. Oft können wir uns selbst nicht so nehmen, wie wir sind und wurden schon von unseren Eltern auf diese Weise drangsaliert. Daher empfinden wir es als völlig normal, unserem Gegenüber andauernd signalisieren zu müssen, wie er sein oder nicht sein soll. Prinzipiell kann eine Bemerkung darüber, dass wir jemanden gern anders hätten oder dass uns etwas missfällt, vollkommen in Ordnung sein. Doch wenn wir immer wieder in allen erdenklichen Varianten unserem Gegenüber nahe legen, dass er so wie er ist, nicht richtig ist, er es anders machen, denken oder fühlen soll, dann ist das nicht nur anmaßend, sondern kann sehr abstoßend und zerstörerisch wirken.

Manchmal finden Paare auf dieser Ebene auch nicht zueinander, weil ihre Visionen und Werte nicht übereinstimmen. Ein Klassiker sind hier die Streitereien, die sich manchmal durch die gemeinsame Kindererziehung ergeben. Viele unserer Werte übernehmen wir von unseren Eltern. Wenn diese unreflektiert sind und nie in Frage gestellt wurden, dann übernehmen wir sie blind und sind meist auch nicht offen für etwas Neues. Auch gemeinsame Pläne, wie zusammen ziehen, Kinder kriegen, eine bestimmte Lebensweise oder heiraten können scheitern, wenn wir zu unterschiedliche Vorstellungen von unserem Leben haben. Kommen wir hier nicht zusammen oder gehen wir Kompromisse ein, anstatt einen Konsens zu finden, dann kann das zu Leid und Unzufriedenheit führen.

Seelische Ebene – Liebe, Mitgefühl, Verantwortung und Gefühle

Unverbundenheit auf der seelischen Ebene resultiert immer aus der Abgegrenztheit zu den eigenen Gefühlen. Fühlen wir uns selber nicht, weil wir nicht wollen oder können, dann fühlen wir auf dieser Ebene auch keine Verbundenheit zu unseren Mitmenschen. Leider ist auch dies ein sehr verbreitetes Phänomen. Wir können spüren, ob uns jemand seelisch an sich heran lässt oder uns auf Abstand hält. Meistens haben wir diese Erfahrung schon als Kinder bei einem oder beiden Eltern gemacht. Sich gefühlsmäßig nicht richtig nah sein zu können, kann in Beziehungen sehr verunsichernd sein. Wir fühlen uns dann bei dem anderen nicht gut aufgehoben, haltlos und allein gelassen. Derjenige, der sich verbinden will, perlt am Gegenüber regelrecht ab. Derjenige, der sich seelisch nicht verbinden kann, wird dies kaum bemerken und versteht meistens auch nicht, wovon der andere spricht, wenn er sich seelisch nicht aufgehoben fühlt. Seelische Nähe wird hier als bedrohlich empfunden und instinktiv verhindert.

Wir Menschen können auf der seelischen Ebene sehr belastet sein. Eigene oder familiäre Traumatisierungen, unverarbeitete Trauer, seelischer Schmerz oder Selbstentfremdung können seelische Verbundenheit unmöglich machen. Solche Belastungen führen dazu, dass ein Mensch alle anderen Menschen permanent abwehrt oder sich selber dem Gegenüber immer wieder entzieht. Diese Formen von Unverbundenheit mussten viele Erwachsene als Kinder bei ihren Eltern schon erleben. Solche Bindungsstörungen oder -traumata haben oft zur Folge, dass alle nachfolgenden Beziehungen auch nicht nah, gemeinschaftlich, vertrauensvoll, innig, freundlich und freundschaftlich gelebt werden können, weil es nicht gelernt wurde, seelisch gesund, teilnahmsvoll und herzlich verbunden zu sein. Bindungstraumata können Menschen zutiefst verunsichern und dazu führen, dass Beziehungen ständig kontrolliert werden müssen.

Körperliche Ebene – Sexualität, Berührung, Sinnlichkeit und Umarmungen

Auf der körperlichen Ebene ist für uns Menschen die Unverbundenheit am deutlichsten. Menschliche Körper sind getrennt voneinander. Daher ist der körperlicher Kontakt, die klarste und handfesteste Verbindung, die wir eingehen können. Unsere Körper sind von sich aus neutral. Sie wollen nichts geben und nichts bekommen. Daher ist absichts- und bedürfnisloses Umarmen, Berühren oder Beieinanderliegen im Grunde das natürlichste der Welt.

Oft geht in Paarbeziehungen die Körperlichkeit im Laufe der Jahre verloren. Es gibt keinen Sex mehr oder im Alltag wird sich nicht mehr berührt oder geküsst. Die körperliche Unverbundenheit kann viele Ursachen haben. Meistens sind es seelische Probleme, die hier die Nähe verhindern. Es kann aber auch sein, dass der Partner uninteressant, langweilig oder unattraktiv für den anderen geworden ist. Wenn der körperliche Kontakt schleichend verschwindet, dann helfen auch oft keine Gespräche mehr. Diese können sogar dazu führen, dass sich die Situation immer mehr verfestigt.

Haben wir unsere gemeinsame Körperlichkeit verloren, dann kann Paartherapie hilfreich sein, um sich einander wieder anzunähern. Hier können Vorstellungen, Vorlieben, Verletzungen oder Bedürfnisse offen zur Sprache gebracht werden, es kann neue Impulse für den Alltag geben oder es werden gemeinsame Strategien entwickelt, wenn sich das Paar dies wünscht, um sich körperlich wieder näher zu kommen.

Grundsätzlich ist die Körperebene, wenn sie nur für sich steht, eine eher unkomplizierte Ebene. Körper lieben Berührung und Kontakt. Um körperliche Unverbundenheit zu überwinden, müssen wir uns im Grunde nur betasten, beieinanderliegen, küssen, streicheln oder umarmen. Je absichtsloser, desto besser. Oft werden durch Körperkontakt jedoch eine Vielzahl von Bedürfnissen geweckt. Dazu gehören sexuelle Befriedigung, sich sicher und geborgen fühlen zu wollen, gesehen, wertgeschätzt oder attraktiv sein zu wollen. Diese Bedürfnisse gehören nicht zu unserem Körper, sondern zu unserem geistig-seelischen Ausdruck. Richten wir starke Bedürfnisse auf unseren Gegenüber, dann wirkt dies in der Regel abstoßend und führt zu Zurückweisung und Ablehnung. Am deutlichsten zeigen uns unsere Mitmenschen dies, indem sie uns körperlich auf Abstand halten.

Finden wir Menschen auf diesen Ebenen nicht zueinander, dann können wir viel Hoffnung, jedoch auch einige Ängste entwickeln. Es sind solche Ängste, die durch das Hoffen überhaupt erst entstehen, da wir ja nie genau wissen, ob unsere Erwartungen erfüllt werden, also, ob es jemals besser wird.

Die alte Redewendung – die Hoffnung stirbt zuletzt – sagt, dass wir unsere Erwartungen als letztes aufgeben. Wir halten lieber einem inneren Zustand der Zuversicht aufrecht, um nicht verzweifeln zu müssen, weil wir uns vielleicht nicht schlecht fühlen oder etwas ändern wollen. Deshalb gehen Hoffnung und Leid immer Hand in Hand. Dabei können uns gerade negative Gefühle sehr behilflich sein, wenn es darum geht, neue Entscheidungen im Leben zu treffen, intensiv mit uns in Kontakt zu kommen, kreativer zu werden oder uns besser abzugrenzen zu lernen. Hoffen wir unentwegt, anstatt uns irgendwann unserer realen inneren und äußeren Wirklichkeit zu stellen, dann kann es sein, dass wir wunderbare Lern- und Entwicklungschancen in unserem Leben einfach vorüberziehen lassen.