Schreiende weinende Kinder

Oft kommen Eltern zu mir und bitten mich, ihr Kind wahrzunehmen, weil es ständig schreit und weint und sie nicht wissen, was sie tun sollen. Sie wünschen sich einfach nur, nach jahrelangem Aushalten, zunehmenden Schuldgefühlen und einer immer wiederkehrenden Machtlosigkeit, aus dieser belastenden Situation heraus finden zu können.

In den letzten Jahren habe ich viele Schreikinder wahrgenommen. Sie waren alle im Alter zwischen 2 und 7 Jahren. Dabei habe ich herausgefunden, dass es zwei Arten von Kindern gibt, die zum Schreien neigen: die Sensiblen und die Willensstarken

Das sensible Kind

Eine Mama kommt zu mir in die Praxis und berichtet mir von ihrer drei jährigen Tochter: „… sie weint permanent aus heiterem Himmel. Immer gibt es einen neuen Anlass, um furchtbar doll loszuweinen. Ich sage: komm, wir gehen jetzt rein und schon geht es los, ein völlig unangemessenes Weinen. Sie stößt sich leicht und zack wird so doll geweint, dass alle glauben könnten, sie wird misshandelt. Der Schuh geht nicht an, sie soll aus der Badewanne kommen, etwas schneller laufen o.ä. – alles nicht wirklich schlimm, doch sie reagiert mit entsetzlichem Weinen auf all diese Dinge. Jeden Tag weint sie zu viel zu doll und zu lange. Was mache ich bloß falsch? … Dazu kommt, dass Trost nicht hilft. Liebevoll sein hilft auch nicht. Sie anschreien hilft nicht. Wegsperren hilft nicht. … ich schäme mich, habe Schuldgefühle und bin absolut ratlos … ich habe schon Angst vor dem nächsten Ausbruch … zwischendrin ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich eiskalt werde, völlig resigniere, sie anschaue und dabei sogar Ablehnung oder gar nichts mehr spüre … “

Nehme ich sensible Schreikinder wahr, dann sind diese in ihrem Inneren völlig überflutet von fremden Gefühlen. Sie spüren den Schmerz ihrer Mama oder ihres Papas stärker, als sich selbst. Unverarbeitete Gefühle, wie: Trauer und Schmerz werden vom Erwachsenen abgespalten, das Kind nimmt sie in sich auf und weint sie bei jeder kleinsten Gelegenheit heraus. Müdigkeit und Unwohlsein, durch Krankheit oder Stress, begünstigen und triggern das Ausbrechen der fremden Gefühle sogar noch.

Da es nicht der eigene Schmerz des Kindes ist, hilft Trost nicht, auch gut zureden und verzweifelte Bestrafungen können nichts ausrichten, da das Kind nicht in der Lage ist, die fremden emotionalen Ladungen zu kontrollieren.

Je mehr und je länger das Kind weint, desto mehr stresst es den Erwachsenen. Das Schreien und Weinen löst mit der Zeit kein Mitgefühl mehr aus, sondern eher Ablehnung, wofür sich die Eltern dann schämen und belastende Schuldgefühle entwickeln. Besonders in der Gegenwart des Elternteils, dessen Gefühle ausagiert werden, kommt es immer wieder zu endlosen Dramen.

Während das Kind schreit, kontrolliert der Erwachsene seine Gefühle noch intensiver, was dazu führt, dass das Kind dessen Gefühle noch stärker ausagiert. Ein Teufelskreis entsteht.

Sensible Schreikinder sind in einer seelischen Notlage, die oft nicht erkannt wird. Die Not hört man auch in ihrem Weinen. Sie können nicht sagen, warum sie so heftig und unangemessen reagieren. Sie können nicht von sich aus aufhören. Und wenn sie langsam ins Schulalter kommen, dann ärgern und schämen sie sich auch noch dafür.

Nehme ich diese Kinder ohne die Gefühle der Eltern wahr, dann spüre ich ihr Wesen: es ist sensibel, offen, liebevoll … ich spüre oft ein großes Interesse an dieser Welt, sie lieben körperliche Nähe und etwas zusammen unternehmen ist wundervoll.

In einer Familie mit einem sensiblen Schreikind arbeite ich nur mit dem Elternteil, dessen Gefühle vom Kind ausagiert werden. Bleibt der Erwachsene an seinen unverarbeiteten Gefühlen verantwortungsbewusst und liebevoll dran, so dass diese integriert und geheilt werden können, dann hört das Kind schnell auf, emotionale Ausbrüche zu bekommen. Vielleicht weint es schneller als andere Kinder, da es sehr sensibel ist, doch nun können Trost und Umarmungen es beruhigen.

Das willensstarke Kind

Ein junges Paar kommt zu mir und beschreibt folgendes: „… unser kleiner Sohn haut und kneift ständig andere Kinder, er will über uns bestimmen und bekommt immer wieder schlimme Wein- und Schreianfälle. Wir versuchen auf ihn einzugehen und es ihm recht zu machen, doch es wird immer schlimmer. Jetzt, wo wir noch eine kleine Tochter bekommen haben, will er noch mehr das Sagen haben und boxt sogar die Kleine, wenn er sauer ist. Was können wir tun? …“

Nachdem ich den kleinen Jungen und seine Eltern wahrgenommen hatte, kam heraus, dass das Kind in seinem Wesen eine starke Willenskraft besitzt und diese nach Herzenslust gegen seine Umwelt einsetzt. Sein Wille war stärker, als der seiner Eltern. Seit er auf der Welt ist, versuchen seine Eltern ihn frei und liebevoll im Alltag zu begleiten. Sie schauen auf seine Bedürfnisse und erklären ihm geduldig, was falsch und richtig ist. Unmerklich und hingebungsvoll haben sich die Eltern über Jahre jedoch an seinem Willen orientiert: Was will er? Was will er nicht? – und danach ihren Willen, ihre Entscheidungen und Handlungen ausgerichtet. Im Laufe der Zeit wurde der Wille des Jungen immer stärker, wie ein gut trainierter Muskel. Jetzt will er wie ein kleiner Herrscher über alles und jeden bestimmen und duldet keinen Widerspruch.

Viele Alltagssituationen werden zum Machtkampf. Wenn sie ihn im Zimmer einsperren, dann tobt er und zerstört Dinge. Zwischendrin ist er lieb und spielt schön, doch wenn ihm etwas nicht passt, er getadelt wird, er etwas nicht will oder etwas will, dann haben seine Eltern keine Chance, weil er energetisch viel stärker ist, als sie. Manchmal bekommt einer der Eltern einen Wutausbruch, wenn es mal wieder zu viel wird, doch der verfliegt schnell und schuldbewusst wieder, da beide Eltern sich vorgenommen haben, nicht Feuer mit Feuer zu bekämpfen.

Der Wille ist, neben dem Fühlen und der Denkfähigkeit, ein wichtiger Aspekt unserer Persönlichkeit. Er kann jedoch von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Willensstarke Menschen haben ein starkes Durchsetzungs- und Umsetzungsvermögen. Ein Bedürfnis oder eine Idee kann energisch, kraftvoll und tatkräftig verfolgt werden.

Kommt ein Kind mit einem starken Willen zur Welt, dann ist es wichtig und ratsam, sich diesem Willen nicht unterzuordnen, sondern die Führung zu behalten. Das Schreien und Weinen eines willensstarken Kindes ist sehr fordernd, energisch und erzeugt starken energetischen Druck. Eltern, die ihren Willen nicht vorn an stellen, folgen dem Willen des Kindes anstandslos. Neben dem Weinen und Schreien versucht es auch durch Manipulation, indem es z.B. so tut, als hätten es sich gestoßen, aber auch durch Wut und durch körperliche Gewalt ans Ziel zu kommen. Das ist normal. Es zerstört, schlägt, beißt, kratzt und kneift. Der Wille hat einen direkten Bezug zur Körperkraft, wie das Denken zum Sprechen und die Emotionen zum Weinen oder Lachen. Bekommt der Wille einen destruktiven Ausdruck, dann sind gesunde klare Grenzen wichtig. Unsichere, willensschwache oder harmoniebedürftige Eltern sowie die, die alles richtig machen wollen, bekommen mitunter große Schwierigkeiten mit ihren willensstarken Kindern. Das Kind wird immer wieder versuchen, seinen Willen durchzusetzen. Dies liegt im Wesen des Kindes und ist keine Störung.

Oft müssen Eltern erst ihre eigene Willenskraft wieder spüren lernen, um bei ihrem Sprössling etwas ausrichten und um einen angemessenen Umgang mit dem starken Willen finden zu können.

Dem Willen können wir nicht mit Emotionen oder mit Erklärungen beikommen. Herumschreien, liebevoll trösten oder auf das Kind mit unzähligen Erklärungen und Fragen einreden verschlimmert die ganze Situation meist noch. Dadurch bekommt es vielleicht Angst, fühlt sich nicht ernst genommen, bekommt unangemessene Aufmerksamkeit oder schaltet ab. Es hilft nur eins: Wir brauchen den Kontakt zu einer Kraft in uns, die stark, ruhig, entschlossen und zielsicher ist. Das Kind kann spüren, ob Papa und Mama mit dieser konsequenten unerschütterlichen bestimmten rigorosen Kraft ausgestattet sind und diese in sich halten können.

Der Wille ist eine neutrale mächtige Kraft mit einer klaren Ausrichtung – z.B. ich habe das Sagen, ich bestimme, ich dulde das nicht, das geht so nicht, nein, ich will das jetzt nicht. Diese Kraft kann von uns Menschen natürlich auch bedrohlich und zerstörerisch ausagiert werden, deshalb fürchten sich ja so viele davor. Sie ist in Bezug auf unsere Kinder jedoch nur präsent, dann, wenn es seinen Willen mal wieder durchsetzen und über andere stellen will. Sie wird aufrechterhalten, nicht ausagiert, aber auch nicht hinterfragt, wenn die Situation unbehaglich und schwierig wird, stresst oder sogar eskaliert.

Willensstarke Schreikinder können uns eine große Hilfe und ein Ansporn sein, unsere eigene innere Stärke und Klarheit zu entwickeln. In meiner Arbeit übe ich mit den Eltern, diese Kraft in sich zu entdecken und auszudehnen. Willensstarke Kinder fordern Führung und Macht, welche ohne Aggression und Manipulation gelebt wird.

Es gibt auch Schreikinder, die sensibel und willensstark zugleich sind. Hier gilt es folgende Reihenfolge zu beachten: zuerst das Kind von den fremden Gefühlen befreien, dann die Führung in der Beziehung übernehmen.

Das Kind darf natürlich altersgemäße Entscheidungen treffen, was es anziehen oder essen möchte, jedoch nicht darüber hinaus in Entscheidungen der Eltern mit einbezogen werden: wollen wir jetzt losfahren, wollen wir die Tante einladen, wollen wir Opa anrufen, was soll ich denn heute kochen, wollen wir jetzt den Fernseher ausschalten, willst du nicht mal langsam ins Bett gehen, willst du heute nicht mal am Tisch bleiben, wollen wir einkaufen gehen – dies sind alles unangemessene Haltungen, die ein willensstarkes Kind dazu animieren unerlaubt und ungerechtfertigt über Situationen und andere Menschen zu bestimmen.

Das Nichts

Es gibt einen Zustand, der während meiner Arbeit immer wieder in Erscheinung tritt, den ich als das „Nichts“ bezeichne.

Es ist nicht einfach, es zu beschreiben, doch da es so viele Menschen betrifft, werde ich es, so gut ich kann, von allen Seiten beleuchten. 

Das bemerkenswerte an ihm ist, dass es durch seine Substanzlosigkeit oft nicht ernst genug genommen wird, nicht deutlich erkannt oder sich nicht ausreichend damit auseinander gesetzt wird. Das „Nichts“ ist all das, was in unseren Kinderjahren nicht da war, was wir innerlich nicht bekamen, all das, was uns seelisch gefehlt hat.

Entwickeln wir ein Bewusstsein über das, was wir nicht bekommen haben, dann müssen wir uns nicht unser ganzes Leben lang daran abarbeiten, dann suchen wir nicht permanent nach dem, was wir nicht hatten.

Wenn wir das „Nichts“ entdecken, dann werden wir mit einem sehr unnatürlichen zwischenmenschlichen Zustand konfrontiert. Normalerweise gibt es zwischen uns Menschen immer irgendeine Form von Verbindung. Das kann durchaus auch Wut und Übergriffigkeit sein. Doch wenn das „Nichts“ zwischen uns auftaucht, dann ist da: nichts.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen lieber eine seelische Last tragen oder dem Zorn und der Manipulation ihrer Eltern ausgesetzt sind, anstatt mit gar nichts verbunden zu sein. Denn für die menschliche Natur ist das „Nichts“ das widernatürlichste der Welt. Es verursacht großes Leid in uns. Ähnlich, als würden wir völlig verloren im Weltall schweben.

Zu einem schweren Schicksal zählen nicht nur die negativen Ereignisse, sondern auch all das, was wir entbehren mussten.

Etwas anzunehmen, das anwesend und vorhanden ist, ist leichter, als etwas, das nie da war. Stehen wir vor dem „Nichts“, dann fließt nichts zu uns. Hier gehen wir leer aus. Wenn unsere Eltern zu uns keine Verbundenheit herstellen, uns nicht wahrnehmen und nicht sehen konnten, wenn sie kein wahres Interesse an uns aufbringen, uns keine Liebe und keine liebevolle Aufmerksamkeit entgegen bringen konnten, sie innerlich abwesend oder permanent mit anderen Dingen beschäftigt waren, mit uns nicht reden und auch nicht zuhören konnten, dann entstand zwischen ihnen und uns ein leerer Raum – das „Nichts“.

Kleine Kinder sind seelische Empfänger. Sie sind weit und offen für alles, was von den Eltern kommt, aber auch für das, was nicht kommt.

Das, was wir nicht empfangen haben, hat uns genauso geprägt, wie das, was in unsere Richtung gesendet wurde. Sehr viele Menschen haben in ihrer Kindheit die Erfahrung des „Nichts“ gemacht und reproduzieren es heute immer wieder, so dass sie sich permanent in Situationen und Beziehungen wieder finden, in denen sie weiterhin ignoriert und übergangen werden, nicht bekommen, was sie eigentlich brauchen – an einem bestimmten Punkt immer wieder leer ausgehen.

Eine andere Prägung, die das „Nichts“ hinterlässt, ist innere Haltlosigkeit, das Gefühl, verloren zu sein, tiefe innere Einsamkeit und Unverbundenheit. Aus diesen seelischen Zuständen heraus, müssen wir dann unser Umfeld permanent kontrollieren oder uns die Aufmerksamkeit einfordern, die uns fehlte, um uns überhaupt halbwegs sicher und geliebt fühlen zu können. Das wirkt auf unsere Mitmenschen natürlich eher abstoßend, als anziehend. Sie ziehen sich dann innerlich zurück und was bleibt? Nichts.

Das „Nichts“ ist ein unnatürlicher Zustand, der uns zutiefst erschüttern und verwirren kann.

Wird das „Nichts“ im Leben oder in der inneren Arbeit sichtbar, dann wird es begleitet von Gefühlen, wie Verwirrungen, Traurigkeit, Benommenheit, Schmerz, Isolation, Abwehr, Idealisierung, verschönendem Verständnis, Kontrollzwang oder Handlungsunfähigkeit. Wir sehen uns einer Situation gegenüber, die uns ohnmächtig oder angriffslustig machen kann. Doch egal, was wir unternehmen und wie wir reagieren: Nichts bleibt Nichts.

Hat unsere Seele diese unsägliche Prägung erfahren, dann erschaffen wir unbewusst in der Gegenwart ähnliche Situationen und Begegnungen, weil unsere Seele heilen möchte. Sie ist bestrebt, diese alten Belastungen loszuwerden, deshalb ziehen wir Personen und Situationen an, die uns nicht das geben können, was wir eigentlich brauchen.

Unsere alltäglichen Probleme sind dafür da, um uns über unsere längst vergessene innere Beschaffenheit bewusst werden zu können.

Für die meisten Kinder ist das „Nichts“ ein schockierendes Erlebnis, dass sie nicht verarbeiten können und daher verdrängen müssen. Im Erwachsenenalter taucht das „Nichts“ dann immer wieder auf, doch wir können oft nicht wirklich verstehen, was das eigentlich soll. Wir halten dann beharrlich an Menschen fest, die uns niemals das geben können, wonach wir suchen. Bis wir irgendwann glauben, dass wir es nicht besser verdient haben oder hart dafür arbeiten müssen, um ein wenig von dem zu bekommen, was uns fehlt.

Vielleicht fühlen wir uns bereit für Liebe, Wohlstand und für lebendige Begegnungen, doch wir erleben immer wieder das Gegenteil davon. Kaum jemand kommt dann auf die Idee, dass es sich hier um das sichtbar werden und wiederholen des „Nichts“ handelt – die Abwesenheit von Liebe, Fülle und Verbundenheit, die wir schon von klein auf kennen.

In uns entsteht dann gern die große Hoffnung, dass sich unsere Eltern, Geschwister, Partner oder Freunde so weit verändern, bis sie uns irgendwann das geben können, was wir brauchen. Doch das können sie nicht, da sie nur so sein können, wie sie eben sind und nicht anders. Akzeptieren wir das, dann wird es leichter und das „Nichts“ wird deutlicher.

Um das „Nichts“ in uns zu wandeln, ist es wichtig, sich der Abwesenheit der frühen Verbundenheit und Liebe bewusst zu werden und zu fühlen, was es mit uns gemacht hat. Idealisieren wir allerdings die Beziehung zu unseren Eltern, lehnen wir sie ab oder trauen wir unserem eigenen Gefühl nicht, dann wird es schwer, das „Nichts“ zu entlarven.

Oft erlebe ich, dass Menschen behaupten, innig geliebt worden zu sein, doch wenn ich mir die Beziehung zu ihren Eltern genauer anschaue, dann wird schnell klar, dass sie zwar gut versorgt wurden, aber keine Liebe von ihnen kam. Dann höre ich oft den verzweifelten Satz: „Ist schon ok. Sie konnten das halt nicht besser.“ Die Liebe floss dann meist vom Kind zu den Eltern, aber nicht in die andere Richtung. Solch eine seelische Dynamik führt später geradewegs in die Erschöpfung, ins alltägliche Funktionieren, ins Singledasein oder in eine andauernde Überverantwortung, da Geben und Empfangen in uns nicht im Gleichgewicht sind.

Beginnen wir unseren eigenen Gefühlen zu trauen, dann realisieren wir bald, dass wir seelisch nicht wirklich das bekamen, was wir brauchten.

Es ist ein trauriger beklemmender Moment, wenn wir uns klar darüber werden, das wir nichts empfangen konnten, weil einfach nichts gegeben wurde. In jeder Zelle unseres Körpers spüren wir den Schock und die Ohnmacht. Wir würden am liebsten weglaufen oder dagegen angehen, doch wir entkommen dem „Nichts“ nicht. Es ist ein Teil von uns – unangenehm, schmerzhaft, isolierend und deprimierend.

Unsere liebende Aufmerksamkeit uns selbst gegenüber kann das „Nichts“ und seine Folgen heilen.

Im Gegensatz zu diesem Teil, gibt es noch ein anderes Nichts in uns. Es ist das reine Bewusstsein in unserem Wesenskern. Hier ist auch nichts, doch dieses Nichts ist voller Leben und voll von neuen Möglichkeiten. Dieses Nichts trägt uns und füllt uns auf vollendete Weise aus. Es macht uns vollkommen glücklich und zufrieden. Es kann die Abwesenheit von Liebe und Verbundenheit heilen.

Es gibt ein unnatürliches „Nichts“ in uns und ein natürliches. Nur durch unser Gefühl können wir erfassen, womit wir es zu tun haben.

Fühlt es sich beängstigend, bedrückend und belastend an, dann haben wir es mit dem „Nichts“ zu tun, für das wir keineswegs verantwortlich sind und wogegen wir als Kind absolut nichts tun konnten. Das macht es so unangenehm. Und deshalb verbringen wir viel Zeit und Mühe damit, diesem „Nichts“ auszuweichen. Oder wir versuchen es besser zu machen, als unsere Eltern, doch das nutzt alles nichts, denn wir gleichen dann nur ein Defizit aus, anstatt aus der wahren Natur unseres Inneren zu leben.

Unsere Verantwortung liegt darin, die Existenz des „Nichts“ in uns und in unserer Vergangenheit vollkommen aufzuspüren und liebend anzunehmen, dann erst kann es verbundener, liebender und sicherer in uns, in unserem Leben und in den nachfolgenden Generationen weiter gehen.

Sei du selbst

Mir begegnen immer mehr Menschen, die ganz zu sich selbst werden wollen. Zu sich selbst zu werden, empfinden sie als Teil ihrer Bestimmung, als Sinn ihres Lebens und als tiefste Erfüllung.

Für all jene, deren inneres Wesen ganz in diese Welt möchte, ist dieser Artikel.

Wenn wir nicht wir selbst sind

Wir Menschen können nicht ganz wir selbst sein, wenn wir alten Mustern folgen, wenn wir Rollen spielen, tief sitzenden Prägungen, Erwartungen, Überlebensstrategien und schlechten Angewohnheiten folgen. Wir können nicht wir selbst sein, wenn wir uns nicht für uns interessieren und belastet sind. Aber auch nicht, wenn wir das Selbst zu unserem Ziel machen, das wir erreichen wollen, um dann ein besseres Leben zu bekommen.

All deine Symptome und Lebenskrisen sind nur dafür da, dass du ganz zu die selbst werden kannst.

Wir erleben und spüren, dass wir nicht wir selbst sind, wenn wir uns eng, unglücklich, getrieben, krank, müde, erfolglos, unsicher, ungeerdet, unverbunden, lieblos, schwer, unfreundlich, aufgesetzt, depressiv oder gestresst fühlen. Aber auch wenn das Leben sich zunehmend verschlechtert, sich nichts mehr ändert und entwickelt, wenn wir in einer Sackgasse stecken und nicht weiter kommen.

Du und dein Selbst

Dein Selbst braucht dich nicht. Es existiert auch ohne dich. Du aber brauchst dein Selbst, um existieren, dich glücklich entfalten und erfolgreich sein zu können.

Du existierst in deinem Selbst, tust aber meistens so, als wäre das Selbst ein Teil von dir.

In Wirklichkeit bist du das Selbst und erlebst dich in ihm als Ausdruck. Als Ausdruck erlebst du dich in einem vergänglichen Leben. Da du das Selbst bist und nicht der Ausdruck, bist du aber nicht das, was vorübergeht, sondern erlebst dich in dem, was vorüber geht. Normalerweise glaubst und erlebst du jedoch, dass du nur der Ausdruck bist und nicht das Selbst.

Du erlebst dich mehr im Tun, als im Sein.

Im Ausdruck deiner selbst, erlebst du dich weitestgehend getrennt von deinem Selbst, getrennt von anderen Persönlichkeiten, getrennt von vielen Aspekten deiner eigenen Persönlichkeit und getrennt von dem momentanen Augenblick. Das Selbst ist immer präsent, mit allem verbunden und beständig. Der Ausdruck des Selbstes vergeht.

Du wendest sehr viel Lebensenergie dafür auf, immer etwas zu tun und beschäftigt zu sein, weil es dir Angst macht, ganz zu dir zu kommen und darin zu vergehen.

Was du auch immer in diesem Moment erlebst, wofür du dich auch hältst, wie krank du bist, wie abgetrennt du dich fühlst, mit welchen Problemen du dich herum schlagen musst und wie endlos dies alles erscheinen mag, es ist vorübergehend. Es ist ein Ausdruck, den du in dir aufrecht erhältst. Dieser kann dich zwar lange davon abhalten, ganz du selbst zu sein, doch das Selbst, das du bist, wird nicht gemindert und nimmt keinen Schaden dadurch.

Selbstfürsorge

Das Selbst braucht deine Fürsorge nicht. Es ist die Fürsorge.

Wenn du eines Tages beginnst, selbstfürsorglicher mit dir zu sein, dann steht hinter deiner Fürsorge meist ein Ziel, welches dir Antrieb und die Möglichkeit gibt, mehr Fürsorglichkeit zu entwickeln. Vielleicht willst du glücklicher sein, willst, dass es dir besser geht oder dass Symptome verschwinden. Hast du es gelernt, anhaltend fürsorglich mit dir zu sein, dann wird es dir besser gehen. Du wirst auch glücklicher sein, jedoch nicht, weil du nach dir schaust und dir etwas Gutes tust, sondern weil du durch deine Fürsorge mehr zu dir selbst geworden bist. Da es dir nun besser geht, wirst du wieder aufhören, fürsorglich zu sein. Dir wird es dann nicht schlechter gehen, weil du dich nicht mehr beachtest und dir nichts Gutes mehr tust, sondern weil du nun wieder weniger du selbst bist.

Selbstliebe

Das Selbst braucht deine Liebe nicht. Es ist die Liebe.

Wenn du eines Tages beginnst, liebevoller mit dir zu sein, dann tust du dies, weil du etwas damit bezwecken möchtest. Wir Menschen lieben uns nicht einfach so. Wir wollen uns wohler fühlen, weniger ängstlich oder einsam sein. Inneres Leid, Opferdasein, emotionale Vernachlässigung oder ein schlechtes Lebensgefühl können durch Selbstliebe heilen. Das kann eine gute Motivationen sein, sich selber mehr zu lieben. Mit der Zeit wandeln sich deine negativen Gefühlszustände, aber nicht weil du dich nun liebst, sondern weil du mehr zu dir selbst geworden bist. Du fühlst dich innerlich weiter, getragener, friedlich und ausgeglichener. Dein Wesen bekommt Raum in dir.

Selbstwertschätzung

Dein Selbst braucht deine Wertschätzung nicht. Es ist wertschätzend.

Wenn du eines Tages beginnst, dich selber wertschätzend zu betrachten und zu behandeln, dann hast du wahrscheinlich die Nase voll davon, darauf zu warten, dass genug Anerkennung von außen kommt, die dir hilft, dich richtig zu fühlen. Lange hast du gehofft, viel gearbeitet, dich angepasst und die Erwartungen anderer erfüllt und bist trotzdem leer ausgegangen. Du hast versucht, alles richtig zu machen, und doch war es nicht genug. Deine Enttäuschung ist eine gute Triebfeder, zu lernen, dich selbst wertschätzend zu behandeln, egal wie du dich fühlst und was du geleistet hast. Dann darfst du jeder Zeit offen und gut abgegrenzt sein, was deinem Wesen den nötigen Schutz gibt. Wenn du das kannst, wirst du dich nicht wertvoller fühlen, weil du nun endlich zu dir stehst, sondern weil du wieder mehr zu dir selbst geworden bist. Zuversicht und Wertschätzung werden noch viel größer in dir, wenn du sie ganz authentisch weiter gibst.

Selbstverwirklichung

Dein Selbst braucht es nicht, von dir verwirklicht zu werden. Es ist bereits verwirklicht.

In jedem Atemzug, in jeder Regung, jeder Aktion, auch im stillsten regungslosesten Moment findet Verwirklichung deines Selbstes statt. Wenn du denkst, du müsstest auf eine bestimmte Art und Weise sein oder wirken, dann benutzt du deine Lebensenergie, um deine Vorstellungen und Pläne durchzusetzen. Du wirst dich mühen, Zeit und Geld investieren und am Ende wird nichts dabei heraus kommen, was dich erfolgreicher werden lässt, nichts, was die Mühe wert gewesen wäre. Deine Rückschläge können eine gute Motivation sein, zu lernen, was stimmig und angemessen ist und was nicht. Dein Selbst ist bereits verwirklicht. Du kannst aufhören, Pläne zu schmieden, Ziele zu verfolgen und auf diese Weise deinem Selbst im Wege zu stehen. Alles, was wichtig ist, ist jetzt da. Willst du dein ganzes Potential entfalten, dann spüre jetzt die Stimmigkeit und Angemessenheit deiner Gedanken, Worte und Handlungen und orientiere dich daran bei all deinen Entscheidungen. Wenn du das kannst, entfalten sich dein Wesen, dein Glück und dein Erfolg, ohne dein Zutun, ganz von allein.

Selbstannahme

Dein Selbst braucht es nicht, dass du es annimmst. Es ist die Annahme.

Dein Selbst ist da und liebt dich bedingungslos. Pausenlos nimmt es dich, so, wie du bist, in seine großen warmen liebenden Arme. Während du noch darauf bestehst, dass dich keiner richtig liebt, du nicht gesehen und anerkannt wirst, umgibt und durchdringt es dich mit seiner Liebe. Du fühlst dich klein, ungenügend, unbedeutend, nicht reif genug oder einsam, weshalb du dich innerlich versteckst und nach außen so tust, als wäre alles in bester Ordnung. Je schlechter du dich fühlst, desto mehr kritisierst du dich und andere Menschen oder du stellst sie auf einen Sockel, um sie dann anhimmeln zu können. Währenddessen hast du jedoch an dir und an anderen Menschen kein wirkliches Interesse. Hast du es mit der Zeit gelernt, dich mehr und mehr anzunehmen, dann ist es nicht die Selbstannahme, die dir das tiefe Gefühl gibt, vollkommen in Ordnung zu sein, sondern es ist der natürliche Zustand deines Wesens, das du zunehmend zu spüren beginnst.

Selbstintegration

Dein Selbst muss nicht von dir integriert werden. Es ist vollkommen.

Du existierst in deinem Selbst. Es ist einfach falsch zu glauben, du müsstest es integrieren. Um dein Selbst voll und ganz leben zu können, dehne dich einfach aus, werde immer mehr zu dir selbst, bis das Selbst dich komplett ausfüllt, trägt und schützt. Du kannst deine Energie erhöhen, bis es keinen Unterschied mehr gibt zwischen dir und deinem Selbst, bis du in ihm aufgegangen bist. Kein Eigenwille mehr, keine Kompromisse, kein Deal mehr mit dem Leben. Dann realisierst du, dass du anhaltende Fürsorge bist, verantwortlich für alles, was gerade ist. Du wirst nicht anders können, als das, was ist, zu lieben und es als Lernfeld wert zu schätzen. Dann bist du dankbar und glücklich und es wird ganz normal sein, dich auf natürliche Weise zu entfalten, nicht, weil du dich erfolgreich integriert hast, sondern weil du dich getraut hast, ganz du selbst zu sein.

Egal, was du nun tust, du bist ganz eins mit allem. Dein Tun, dein Ausdruck, geschehen nun im Einklang mit deinem Sein, nicht mehr getrennt davon.

Das kleine Anti-Stress-Programm

Während meiner Wahrnehmungsarbeit stelle ich immer wieder fest, dass wir Menschen oft einen viel zu hohen Stresslevel in unserem Körper haben.

Interessanterweise sieht man es vielen Menschen überhaupt nicht an, wie gestresst sie eigentlich sind. Gestresst-Sein ist für viele von uns leider viel zu normal geworden.

Dieser kleine Info-Artikel soll ein wenig sensibilisieren, informieren und vielleicht etwas Platz für mehr Ruhe und Gelassenheit schaffen.

Nehme ich Dauerstress bei meinen Klienten wahr, dann spüre ich: Unruhe, Getriebensein, erhöhte Muskelanspannungen, Aufregung, Alarmbereitschaft, Anspannung, auf dem Sprung sein, Ungeduld, Ängstlichkeit, Grübeleien, nicht mehr entspannen können, Nervosität, Gereiztheit, Durcheinandersein, sich selbst ausweichen … und vieles mehr.

Stress ist im Grunde eine biochemische Reaktion in unserem Körper.

Die Stresshormone, Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin werden von den Nebennieren immer dann freigesetzt, wenn unser Körper etwas als bedrohlich wahrnimmt. Diese natürliche Reaktion führt zu einem starken Anstieg von Energie und Kraft. Das ist von Natur aus eine gute und nützliche Sache, doch wenn der Stress nicht nachlässt, dann bleibt der Hormonspiegel im Körper erhöht und wir entwickeln zahlreiche körperliche und seelische Symptome.

Folgende Symptome können sich bei Dauerstress einstellen:

  • auf der Verhaltensebene können alle Strategien, die unser Leben sichern, uns Halt geben und uns seit unser Kindheit beschützen, sich massiv intensivieren:

    sich anpassen, gefallen wollen, sich zurück ziehen, sich besonders viel Mühe geben, provozieren, anderen helfen, unsichtbar werden, immer mehr leisten müssen, sich rechtfertigen, alles kontrollieren wollen, perfekt sein müssen, andere auf Abstand halten, alles dramatisieren oder überspielen … sind nur einige davon

  • ganz weit verbreitet sind: innere Unruhe, sich ständig bewegen müssen und nicht mehr richtig zur Ruhe kommen können, da inzwischen zu viele Stresshormone den Körper überfluten

  • inneres Beben, Zittern und Ohnmachtsneigung kommen noch hinzu

  • Glucose kann dann nicht mehr gut verwertet werden und steht somit als Energiequelle nicht zur Verfügung

  • Wachstumshormone werden reduziert, was zu körperlichen Verfall, zu Muskelreduktion oder bei Kindern zu schlechter körperlicher Entwicklung führt

  • das Immunsystem wird sehr geschwächt, was eine Vielzahl von Infektionskrankheiten und Allergien nach sich zieht

  • die Verdauung spielt verrückt: Magenschmerzen, Durchfall, Verstopfung, Appetitlosigkeit

  • Fett kann nicht verbrannt werden, wodurch Übergewicht entsteht

  • der restliche Hormonhaushalt kommt durcheinander: ständige Müdigkeit, Wasseransammlungen, Regelblutungsstörungen, PMS, Haarausfall, Kopfjucken, Frieren, Schwindel, Übelkeit, Weinerlichkeit, Gereiztheit

  • Ein- und Durchschlafprobleme stellen sich ein

  • Unausgeglichenheit, Konzentrationsmangel, Leistungsabfall und Vergesslichkeit

  • schließlich kommt es zu Angstgefühlen, Grübeleien und depressiven Verstimmungen

  • Autoimmunerkrankungen sind eine direkte Antwort unseres verwirrten Immunsystems auf seelischen Dauerstress

  • Verspannungen und Kopfschmerzen als Folge seelischer Anspannung, einseitiger Belastung und Bewegungsmangel

  • Rückenschmerzen als Folge von muskulären Verspannungen

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Arteriosklerose, Bluthochdruck, Herzrasen

Ursachen von Dauerstress

Akute Stressauslöser können Umzug, Jobwechsel, Prüfung, Operation oder Verlust und Trennungen von nahe stehenden Menschen sein. Solch ein Stress kann uns eine Weile zu schaffen machen, ebbt aber normalerweise wieder ab, wenn wir die Umstände langsam verarbeiten.

Der chronische Dauerstress hingegen, ist für unser Leben und unsere Gesundheit einfach nur schädlich!

Hier die gängigsten Ursachen:

  • Ganz oben stehen hier die unverarbeiteten seelischen Belastungen. Sie erzeugen unentwegt Stresshormone: traumatische Erfahrungen, Trauer, Verlust, symbiotisches Verhalten oder übertragene Traumata aus einer anderen Generation, unterschwellige Konflikte, Bindungsstörungen, Gewalterfahrungen, alte Verletzungen und seelische Schmerzen.

  • Wenn wir ständig funktionieren müssen, wir Zeitmangel und Termindruck haben, dann geraten wir in einen anhaltenden krankmachenden und erschöpfenden Dauerstress.

  • Eine laute Umgebung, Unordnung in der Wohnung, schlechte Licht und Luftverhältnisse sind für den Körper sehr anstrengend, da er dies unentwegt verarbeiten muss.

  • Anhaltende Konflikte mit Familienmitgliedern oder Kollegen können uns ebenfalls kraftlos und krank machen.

  • Eine großer Stressfaktor sind Geldmangel und Schulden, weil sich dadurch ein unterschwelliges Gefühl von existenzieller Haltlosigkeit und bedrohlicher Unsicherheit entwickeln kann.

  • Die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren und in der Pubertät

  • Was für uns Menschen auch sehr belastend sein kann, ist, wenn wir nicht frei entscheiden können, was wir tun und was nicht. Das passiert, wenn die Struktur unseres Lebens oder sehr viel Verantwortung uns zu sehr festlegen oder wenn unsere Mitmenschen weitestgehend über uns bestimmen. Zu wenig Selbstbestimmtheit kann sehr belastend werden.

  • Viele Menschen werden am Arbeitsplatz, zu Hause oder in der Schule schikaniert und gequält, was zu hochgradigem Stress und zu entsprechenden Symptomen führt.

  • Es gibt auch viele ungünstige Arbeitsbedingungen, die zu Stress führen: Schichtarbeit, permanente Überstunden, aber auch Unterforderung, Langeweile, zu wenig Personal oder hochkonzentrierte Fließbandarbeit.

  • Aber auch wenn wir erwarten, dass wir versagen, nicht gut genug sind, niemand uns liebt und leiden kann, wir uns selbst verachten, kein Selbstvertrauen haben, uns vor Veränderungen fürchten oder uns selbst vernachlässigen, bedeutet dies Dauerbelastung für unser Geist-Seele-Körper-System.

  • Eine weitere Ursache ist, wenn wir Rollen spielen, also denken, irgendwie sein zu müssen, etwas darstellen oder erfüllen zu müssen, was aber mit unserem inneren authentischen Wesen nicht überein stimmt.

  • Sehr verbreitete Formen, durch die wir Stress erzeugen sind zudem Schlafentzug, permanente Ablenkungen, Reizüberflutung durch Filme und Computerspiele, Nächte hindurch lesen oder allgemein die Nacht zum Tag machen. – Da das Cortisol in der Nacht produziert wird, sollten wir gegen 22 Uhr schlafen gehen, sonst können die Nebennieren nicht genug für den nachfolgenden Tag bereitstellen. Das akute Gefühl, wenn nicht mehr genug Cortisol da ist, kennen wir von durchgemachten Nächten: Übermüdung. Bis nach Mitternacht wach sein, sollte immer eine Ausnahme sein.

  • Durch Stress entstehen Krankheiten und Schmerzen. Diese führen wiederum zu Stress. Aber auch chronische Krankheiten von Familienmitgliedern können bei uns vermehrten Stress verursachen.

  • Auch langes Stehen, Sitzen und Liegen ist für den Körper belastend.

  • Und nicht zuletzt, erzeugen falsche Ernährung, viel Kaffee, Zigaretten, Alkohol und all die anderen gängigen Drogen und Süchte anhaltenden Stress.

Das kleine Anti-Stress-Programm

  • Durch Sport, Fitness und Bewegung an der frischen Luft, werden am schnellsten überflüssige Stresshormone abgebaut. Die Glückshormone Endorphin, Serotonin und Dopamin werden ausgeschüttet. Zu wenig Serotonin alarmiert wiederum die Stresshormone und führt zu Ängstlichkeit, Schlafstörungen und Depressionen. Leichte Übungen, Joggen, schnelles Gehen, Tanzen, Krafttraining, Schwimmen, Fahrrad fahren, auf einem kleinen Trampolin laufen und springen sind hier gut geeignet.

Vorsicht: Zu viel Sport stresst ebenfalls! Lieber langsam und achtsam, anstatt wieder etwas leisten müssen, durchziehen oder absolvieren.

  • Durch bewusstes tiefes Atmen können wir den Körper ebenfalls effektiv entspannen. Das Gehirn beruhigt sich, wenn es mehr Sauerstoff bekommt. Stresshormone werden sofort reduziert. Wir werden zudem direkt in die Gegenwart geholt, was uns noch mehr zur Ruhe kommen lässt.
  • Ein weiterer Gegenspieler zum Stress und seinen Folgen sind Lachen und Fröhlich-sein. Durch Lachen wird sofort das Cortisol im Blut gesenkt und das Stresshormon Adrenalin ebenfalls. Lachen macht leichter, neutralisiert Situationen, beruhigt und befreit.
  • Ein Magnesiumbad ist nicht nur hilfreich bei Stress, Unruhe, Schlaflosigkeit und verspannten Muskeln, sondern kurbelt auch das Immunsystem an und wirkt heilend. Dafür kann man sich einen Eimer Magnesiumchloridhexahydrat kaufen. Zwei Tassen davon ins Badewasser oder eine Tasse ins Fußbad und mindestens eine halbe Stunde darin baden. Am besten zwei bis drei Mal in der Woche vor dem Schlafengehen oder über sechs Wochen täglich, um die Speicher zu füllen. Über die Haut wird im warmen Wasser ausreichend Magnesium aufgenommen. Überflüssiges Mg wird einfach ausgeschieden. Magnesiummangel führt ebenfalls zu ständigen Adrenalin- und Cortisolausschüttungen. Ein niedriger Magnesiumspiegel ist außerdem an unzähligen körperlichen und seelischen Krankheiten beteiligt.
  • Zeit für sich ganz allein haben, sich Zeit für Hobbys nehmen, Zeit mit Freunden und Familie, Zeit für Pausen, Zeit für Entspannung, Wellness und Achtsamkeit. Das hilft uns, Unruhe, Anspannung und Stress zu reduzieren. Durch die körperliche Nähe zu anderen Personen wird das Stress reduzierende Hormon Oxytocin erhöht und die Produktion von Cortisol verringert. Familie und Freunde können uns zudem Gefühle von Ruhe, Halt und Geborgenheit vermitteln und uns Mut und Kraft geben

Auch die Ernährung umstellen kann hilfreich sein, wenn die Stresshormone erhöht sind:

  • Der Cortisolspiegel kann zum Beispiel dadurch reduziert werden, indem wir alle drei Stunden etwas hochwertiges und nahrhaftes essen.

  • Vor allem Proteine, komplexe Kohlenhydraten und gute Fette. Nüsse sind da sehr gut geeignet.

  • Omega-3-Fettsäuren sind ebenfalls hilfreich, wie in Leinsamen, Kürbiskernen und Walnüssen.

  • Alle Lebensmittel mit B-Vitaminen sind wichtig. Vor allem Vitamin B5, wie in Avocados, Mais, Brokkoli, Kohl und Süßkartoffeln.

  • Auch Vitamin-C-reiche Lebensmittel senken auf natürliche Weise den Cortisolspiegel.

  • Wenn es geht, Zucker und raffinierte Kohlenhydrate meiden, um den Blutzuckerspiegel vor starken Schwankungen zu schützen, denn ein hoher Blutzuckerspiegel provoziert beim Abfallen wieder die Produktion von Stresshormonen.

  • Auch Vitamin D3 Mangel ist weit verbreitet und sollte schnell behoben werden, wenn wir Stress reduzieren wollen.

    TRE – Tension & Trauma Releasing Exercises ist eine leicht zu erlernende Technik. Durch sieben kleine Übungen, auf die der Körper mit Zittern reagiert, wird es dem Körper ermöglicht, zu seinem natürlichen Gleichgewicht zurückzufinden. Das Zittern ist eine ganz natürliche Reaktion des Körpers, die von uns jedoch meist unterdrückt wird. Es ist eine schnelle und wirksame Lösung bei Stress und Traumafolgen.

    Adaptogene sind Pflanzen, die sehr erfolgreich bei Stresssymptomen eingesetzt werden, da sie den Körper belastbarer und widerstandsfähiger gegenüber den Anforderungen des Alltags machen. Ginseng, Rosenwurz, Schlafbeere und Tulsi sind nur einige der zahlreichen Adaptogene, die die Natur uns zu bieten hat. Diese Heilpflanzen führen zu einer Anpassung des Körpers und des Immunsystems an höhere Belastungen und machen ihn robuster gegenüber Überlastung. Der Stoffwechsel und das Nervensystem werden harmonisiert und gestärkt.

    Weitere hilfreiche Dinge, die wir tun können sind:

  • Dankbar sein, denn dies öffnet uns für das Gute und Schöne im Leben.

  • Schöne Dinge tun, alles, was Spaß und Freude bereitet.

  • Kalt duschen setzt Glückshormone frei.

  • Ausgiebig Räkeln wirkt wie eine Stunde Schlaf.

  • PME/autogenes Training

  • Versuchen, die Dinge so zunehmen, wie sie sind.

  • Achtsamkeitsübungen in den Alltag integrieren.

  • Nicht immer erreichbar sein.

  • Viel in die Natur gehen.

Von der Suche nach dem anhaltenden Glück

Ein glückliches neues Jahr wünsche ich dir!“

Diesen Satz habe ich in den letzten Wochen oft gehört und dies nun zum Anlass genommen, einen Artikel über das Glück zu schreiben.

Menschen, die zu mir kommen sind oftmals unglücklich. Nehme ich UnglücklichSein als geistig-seelisch-körperliche Verfassung wahr, dann kann das ungefähr so aussehen:

>> Das Level der vitalen Energien ist meist deutlich herabgesetzt. Der Körper fühlt sich erschöpft und anfällig an. Manchmal durch Bewegungsmangel. Oft aber auch durch ein permanentes funktionieren müssen. Im Kopf wuseln destruktive Gedanken umher. Grübeleien, aber auch abwertende Gedanken beherrschen den Verstand. In der Gefühlswelt, die vorsichtshalber meistens gemieden wird, wartet ein brodelnder Gefühlsbrei aus Enttäuschung, Traurigkeit, Schmerz und Wut. Und diese innere Verfassung wird entweder durch einen zusätzlichen Druck belastet, der sagt: „Reiß dich zusammen und komm auf die Hinterbeine. Ist doch alles in Ordnung. Geh arbeiten.“ Oder durch eine Schwere, die sagt: „Rückzug. Ich werde mich verstecken, bis alles vorbei ist. Ich fühle mich dem Leben nicht gewachsen. Am besten alles reduzieren und schön den Ball flach halten. Lieber im Bett bleiben.“ <<

UnglücklichSein ist eine komplexe Sache, die sich im Laufe vieler Jahre schleichend entwickelt. Ich habe heraus gefunden, dass die tiefe Ursache für unser Unglück, die unbewusste Suche nach dem anhaltenden Glück ist. Diese kann uns für viele Jahre ununterbrochen davon abhalten, zu uns zu kommen und bei uns zu bleiben.

Was macht uns jetzt glücklich? Sicherlich fallen jedem auf Anhieb einige Dinge ein, die uns augenblicklich glücklich machen würden. Vielleicht ist es etwas zu Essen, Musik, neue Kleidungsstücke, das Glas Wein, der perfekte Partner, eine Runde joggen oder zocken, lustvoller Sex, lange schlafen, vielleicht auch harmonische Momente, berührende Filme oder viel Arbeit. Es kann auch sein, dass dich mehr Gesundheit, Einkaufen, Tanzen, für Andere da sein, gute Gespräche, Autofahrten, Alleinsein, Meditation oder Rockkonzerte glücklich machen.

Was es auch sein mag, jeder Glücksmoment, den wir erzeugen und erleben, wird vorübergehend sein. Nichts von alledem kann uns daher eine anhaltende Erfüllung, also anhaltendes Glück bringen.

Die Natur aller Dinge ist Vergänglichkeit. Es gibt nichts in dieser Welt, was nicht irgendwann einmal vergeht. Einiges schneller: wie ein Gedanke, ein Rausch, ein Wutanfall oder ein Lachen. Anderes bleibt uns länger erhalten: wie so manche Krankheit, der Arbeitsalltag, der Wohnort, unser Körper, eine Freundschaft, eine Stadt oder ein Gebirge. Es spielt keine Rolle, um was es sich handelt, alles ist der Veränderung unterworfen und geht irgendwann dahin.

Das ist die Seite des Lebens, die wir normalerweise nicht so mögen oder sogar ignorieren, weil sie uns traurig macht, sogar starke Widerstände und Ängste in uns hervorrufen kann. Im Grunde leiden sogar die meisten Menschen mehr oder weniger darunter, dass es eine alles durchdringende Endlichkeit gibt, eine unaufhörliche Bewegung und Weiterentwicklung.

Nichts bleibt jemals so, wie es ist. Dies zu fühlen oder wahrzunehmen, kann uns haltlos machen oder auch zu einer gewissen Sinnlosigkeit im Leben führen. Da Wandel und Vergänglichkeit jedoch unser aller Leben beherrscht, sind wir immer auf der Suche nach etwas, was bleibt, was uns Halt und Richtung geben kann oder uns anhaltendes Glück verspricht. Diese Suche kann zu einer starken Triebfeder in unserem Inneren heranwachsen, worauf die äußere Welt natürlich sofort mit vielversprechenden Angeboten reagiert.

Es gibt eine große Auswahl von Möglichkeiten da draußen, die uns alle anhaltendes Glück versichern. Doch alles, was wir ausprobieren, wird nicht anhalten, denn Glücksgefühle nehmen kontinuierlich ab, sobald wir das erreicht, gefunden oder erlebt haben, was uns eigentlich längerfristig glücklich machen sollte.

Das berauschende Hochgefühl sinkt einfach wieder ab, Spannungen schleichen sich in die wohlige Entspannung ein, der innere Frieden wird durch Erwartungen gestört, Lachen versinkt in Ernsthaftigkeit, Harmonie kann bei all den launischen Mitmenschen nicht gehalten werden usw.. Also machen wir folgendes: wir wiederholen einfach permanent all das, was uns glücklich macht. Immer wieder organisieren wir uns sinnliche Freuden, emotionale Höhenflüge, Spannung, Spaß und Spiel.

Doch im Laufe der Zeit, brauchen wir immer etwas mehr davon, denn unser Glücksgefühl gibt sich mit der normalen Dosis bald nicht mehr zufrieden. Immer schneller flaut es in uns ab und wir müssen dafür sorgen, dass wir erneut etwas erzeugen, was uns glücklich macht. Irgendwann pendeln wir dann hin und her zwischen Unwohlsein, Drang, Erschöpfung oder Depression und dem permanenten Produzieren und Hervorbringen von Glücksmomenten.

Diese Bewegung zwischen den Polen und das anhaltende Bemühen ist für uns anstrengend und unbefriedigend. Wir kommen nicht mehr richtig zur Ruhe. Wir kommen nicht mehr zu uns. Und irgendwann merken wir, wie unglücklich wir sind. Doch wir können nicht erkennen, dass dies nur die Folge unserer Suche nach dem anhaltenden Glück ist, die uns hierher, in diesen unglückseligen Zustand gebracht hat … und wir machen weiter und weiter und weiter.

Erst wenn wir mit der Suche aufhören, inne halten, aufhören, uns auf Trapp zu halten und sehen, was wirklich ist, was mit uns wirklich los ist, uns fühlen und uns wieder wahrnehmen, dann kommen wir wieder zu uns, werden mehr zu uns selbst und treten sogar heraus aus dem Feld der Gegensätze und Vergänglichkeit.

Ganz konkret fangen wir an, das Kommen und Gehen der Dinge, der inneren Zustände und Situationen einfach nur noch zu betrachten, als das, was es ist: etwas Vorübergehendes. Die Vergänglichkeit wird einfach nur noch wahrgenommen und dem Strom der ablaufenden Erscheinungen in unserem Alltag zugesehen. Alles um uns herum und in uns drin scheint dann nur noch zu passieren, wir verschwinden nicht mehr darin, sondern schauen zu.

Am Morgen passiert dann ein Aufwachen und ein Augen aufmachen. Dann passiert vielleicht essen, trinken und zur Arbeit fahren. Wir sind ganz dabei, während all das passiert. Wir hören uns reden und lauschen. Da steigt eine Spannung in uns auf, was wir ganz genau mitbekommen. Gerade klammert sich der Verstand an eine blöde Vorstellung. Wir schauen uns das ganz genau an. Wir sind dabei ohne einzugreifen. Wir betrachten alles, was passiert. Ob nun schön oder unangenehm. Wir sind ganz bei der Sache. Ganz da. Werden plötzlich zu einer Handlung und zur nächsten, wir schauen und schauen.

Haben wir diesen Schritt gemacht, dann haben wir uns aus den leidvollen Fängen der sich permanent ändernden Zustände herausbewegt. Wir haben uns in einen Bereich bewegt, der etwas zuverlässiger und nicht ganz so launisch ist, wie der vorherige. Hier sind wir wach, offen und präsent. Wir bekommen alles mit. Wir sind ruhig und friedlich dabei.

Alles geht dahin, doch wir bleiben.

Endlich haben wir eine Ebene unseres Inneren entdeckt, die nicht so anstrengend ist, eine, bei der wir nicht so viel drauf zahlen müssen, wenn wir Glück haben wollen. Hier bekommen wir Ruhe und Frieden gratis. Wir sind anwesend und ganz bei der Sache. Finden Abstand und Gelassenheit. Das macht uns nun wirklich glücklich. Ein stilles feines Glück. Eines, das etwas abseits all jener Bemühungen um das emotionale Höher-schneller-weiter-Glück existiert. Jetzt haben wir es: das anhaltende Glück. Und wir genießen es, bis wir eines Tages entdecken, dass auch dieses Glücksgefühl wieder weniger wird. Wir bemerken, dass die reine Wahrnehmung, das Schauen und Betrachten dessen, was ist, auch vergehen will. So, wie wir vorher in der Suche und in all den Bemühungen zu Hause waren, sind wir jetzt in der Wahrnehmung angekommen und wenn wir es zulassen, dann geht auch sie dahin, so, wie alles andere auch vergeht.

Nach langem konzentrierten Schauen, was eben gerade ist, erleben und spüren wir immer deutlicher, dass wir immer außerhalb von dem bleiben, was gerade passiert. Vergeht auch dieser Zustand, werden wir ganz Eins mit allem, was ist. Das ist der Moment, in dem die Suche nach dem wahren Glück schließlich ein Ende findet. Jedoch nicht, weil wir bekommen haben, was wir wollten, sondern weil der leidende Sucher im Schauenden verschwunden ist und der gelassen Schauende im Seienden verging.

Und wenn der Seiende letztendlich ganz im Sein vergeht, dann wird klar, warum wir niemals das anhaltende Glück oder uns selbst finden können … es geht einfach nicht … denn wir können nicht etwas finden, was nie verloren ging und wir können niemals nicht wir selbst sein.

Auch in unseren Überzeugungen, in der Schwere und in all den Bemühungen um das anhaltende Glück, sind wir immer ganz wir selbst. Auch im Beobachten all dessen, im Vergehen und im ganz schlichten einfachen Dasein. Wir sind immer wir selbst. Es ist nur unser Ausdruck, der sich ändert, der vergehen kann und wieder neu wird.

Innere Grenzen

old-1959391_1920Unsere inneren Grenzen bestehen aus alten Prägungen, seelischen Verletzungen, vorgefertigten Vorstellungen oder aus tief sitzenden Unsicherheiten. Sind wir an unsere Grenze gekommen, dann geht es nicht weiter. Wir spüren Hilflosigkeit, Ohnmacht, Leerheit oder große Abwehr.

Dann ziehen wir uns zurück, versuchen andere Menschen zu verändern, manchmal hoffen wir auch still und handlungsunfähig auf Besserung, greifen unseren Gegenüber an oder lassen alles an uns abperlen, ziehen lieblose Konsequenzen, wollen bestrafen, kontrollieren oder manipulieren. Dies sind Momente, in denen wir oft nicht erkennen können, dass es unsere eigenen inneren Grenzen sind, an die wir schmerzhaft gestoßen sind. Oft machen wir dann andere Menschen für unseren Schmerz, für unsere Ängste oder für unser Unvermögen verantwortlich oder wir werden hart und gnadenlos mit uns selber.

Wir legen es normalerweise nicht freiwillig drauf an, an unsere Grenzen zu stoßen. Es passiert einfach immer wieder. Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir sogar zahlreiche Strategien, um unser Überleben zu sichern. Wir beschützen unsere Begrenzungen, indem wir andere abwerten, uns überhöhen, uns an Standpunkte klammern oder Nähe meiden. Auch Gefühle, Begegnungen, Veränderungen und Lösungen werden verhindert oder wir kappen einfach nur die Verbindung zu uns selbst.

Wir bleiben gern in unserer sicheren Zone. Hier fühlen wir uns wohl und aufgehoben. Und doch passiert es immer wieder, dass wir an Menschen oder in Situationen geraten, die uns unerwartet schnell an unsere Grenzen bringen. Es ist sogar so, dass solche Menschen und Situationen eine unwiderstehliche Anziehung auf uns haben können.

Sind wir an unsere Grenzen geraten, dann ist das meist sehr unangenehm und wir wehren uns instinktiv dagegen. Diese Abwehr kann viel Energie verschlingen, verzehrt unsere Klarheit und raubt unsere Zuversicht. Obwohl wir in diesen Momenten eigentlich unsere ganze Wachheit und Liebe brauchen, werden wir eher eng und mißtrauisch.

Hinter unseren Grenzen wartet etwas Neues auf uns. Ein neues Lebensgefühl und die Begegnung mit uns selbst. An unseren Grenzen brauchen wir viel Bereitschaft zum wachsen und reifen, sonst werden wir einsam, bleiben unentwickelt, machen keine neuen Erfahrungen mehr oder nur solche, in denen sich alles verschlimmert.

An unserer Grenze erfahren wir uns selbst

Innere Grenzen haben nichts mit der Abgrenzung, die wir im Alltag brauchen, zu tun. In unseren Begrenzungen sind wir vielmehr Gefangene unseres Selbstes. Bringt uns jemand an unsere Grenzen, dann ist dies immer eine Aufforderung, diese zu dehnen und zu weiten. An solchen Punkten in unserem Leben geht es immer darum, etwas loszulassen, uns zu fühlen oder etwas zu erkennen. Dies ist jedoch nicht so leicht, da unsere Selbstschutzstrategien uns augenblicklich beschützen werden, sobald wir hier in Gefahr sind.

Es sind die Menschen, die uns nahe stehen, deren meist die Aufgabe zufällt, uns an unsere Grenzen zu bringen und gerade das macht es oft so problematisch. Entweder wir werden diese Menschen nicht los, weil es unsere Kinder, Eltern oder Partner sind oder wir haben es geschafft, sie zu verlassen, jedoch ohne vorher gewachsen zu sein, dann kommen sie zurück. Entweder persönlich oder in Form einer anderen Person. Alle Menschen, die es schaffen, uns an unsere Grenzen zu bringen, sind in Wirklichkeit ein Segen für uns. Natürlich wird dies selten so empfunden. Sie kommen uns eher vor wie Folterknechte: lästig, unbequem, unangenehm, bedrohlich, störend, verwirrend und abstoßend.

Würde es diese „unliebsamen“ Menschen nicht geben, dann gäbe es für uns kaum eine bessere Möglichkeit, zu wachsen, zu reifen und zu lernen. Wir würden uns weiterhin in unseren bequemen, bekannten und behaglichen Grenzen bewegen und niemals erfahren, was wir darüber hinaus sind. Uns würde die Erfahrung entgehen, weiter und liebesfähiger zu sein, kraftvoller und klarer oder begabter, einzigartig und kreativ.

Jede innere Grenze hält uns davon ab, mehr wir selbst zu sein. Innerhalb unserer Begrenzungen muss es uns nicht unbedingt gut gehen, doch das spielt keine große Rolle. Viel entscheidender ist es, dass es uns vertraut ist, wie ein gemütliches zu Hause und deshalb halten wir daran fest. Wir kennen es so und nicht anders. Das ist auch nicht verkehrt. Wir wissen oft nur nicht, dass außerhalb unserer Grenzen noch viel mehr auf uns wartet. Etwas, das immer zu uns gehören wird, ob wir es nun kennen, sein und leben wollen oder eben nicht. Das, was wir alles über unsere Begrenztheit hinaus noch sind, wird nie verschwinden, auch wenn wir es nie entdecken.

Wenn wir dahin kommen wollen, mehr von uns selbst zu erfahren, dann müssen wir breit sein, unsere Grenzen zu überwinden. Dafür sind Grenzen da. Wissenschaftler haben schon längst erkannt: das Universum dehnt sich aus. Wir Menschen sind ein Teil dieses großen Ganzen. Auch wir dehnen uns aus. Diese Ausdehnung ist ein natürlicher Vorgang, den wir jedoch mit unseren Grenzen permanent verhindern. Das Weiten unserer inneren Begrenztheit ist immer ein besonderer Moment. Nicht selten ist er damit verbunden, dass alte verdrängte Gefühle in uns aufsteigen, wir das Gefühl des Sterbens haben, vollkommen Ohnmächtig werden oder Hilflosigkeit und Leere sich in uns breit machen. Alles bricht zusammen, es erscheint aussichtslos, dunkel, langweilig, wir leiden, fühlen uns einsam und abgeschnitten. Wir Menschen meiden solche Zustände meist, wie der Teufel das Weihwasser. Oftmals wissen wir einfach nicht, dass solche Umstände zu unseren Übergängen gehören. Wie der Schmerz zur Geburt gehört und die Nacht zum Tag.

Ohne Grenzen sind wir alles

Turbulente Grenzerfahrungen können uns bis an unser Lebensende verstört, verängstigt und gebrochen zurücklassen. Ohne das Wissen darum, dass diese Ereignisse dafür da sind, darüber hinaus zu wachsen, können sie uns verstärkt an unsere Begrenzungen fesseln. Nicht selten klammern wir uns dann an Überlebensstrategien, die wir ohne Hilfe und Halt von außen nicht wieder loslassen können.

Menschen, die es jedoch geschafft haben ihre Grenzen zu weiten, die tapfer durch die eine oder andere Hölle gegangen sind, erleben eine interessante Veränderung. Neben den Geschenken der inneren Heilung und der Erfahrung von Liebe, Macht und Kreativität, die sie ohnehin erhalten, werden auch die Übergänge leichter. Der Schmerz wird sanfter, die dunklen Nächte kürzer, die innere Leere wird getragen von Vertrauen und Freude auf das Neue und das Loslassen fällt leichter. Krisen werden zu Chancen. Menschen, die uns auf die Palme bringen und uns fertig machen, werden zu unseren Lehren. Situationen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, werden zu Möglichkeiten, größer und reifer zu werden. Und wenn das Leben uns wie eine Sackgassen erscheint, wissen wir, dass es mal wieder Zeit ist, uns weiter zu entwickeln.

Wir Menschen sind nicht das, was uns begrenzt. Wir sind die Ausdehnung. Es gibt hier kein Ankommen. Wenn wir denken, dass wir es geschafft haben, fertig sind oder es erreicht haben, dann werden wir bald feststellen, dass es nur wieder eine weitere Begrenzung ist, in der wir uns einrichten wollen. Der Wunsch, irgendwo anzukommen, auszuruhen, mit alledem fertig zu sein, ist in uns Menschen groß. Auch das Bedürfnis nach dem anhaltenden Glück und der immer währende Liebe, nach Sicherheit und Geborgenheit schlummert in unserem Inneren. Es muss doch einen Punkt geben, an dem dies ununterbrochen möglich ist. Diese erfüllenden Zustände können wir durchaus immer mal erleben, doch sie sind endlich. Sie gehen immer wieder vorüber. Das unendliche Glück, die anhaltende Liebe, die absolute Sicherheit und die tiefste Geborgenheit existieren dort, wo es keine Grenzen gibt. Unendliches, also all das, was immer da ist, hat keine Grenzen. Solange es Begrenztheit gibt, existiert auch Endlichkeit.

Wunderbar glückliche leichte und befreite Zustände machen sich meist in uns breit, wenn wir mal wieder eine innere Grenze überwunden haben. Doch schon bald regt sich das Bedürfnis in uns, diese festhalten zu wollen, sie an uns zu binden und sie für uns in Anspruch zu nehmen. Wir wollen einen Nutzen daraus ziehen. Manchmal erleben wir auch, dass diese wunderbaren Zustände einfach wieder verblassen und sich mit bekannten begrenzenden Mustern mischen. Wie es auch kommt, wir Menschen neigen dazu, uns immer wieder zu begrenzen. Allein schon aus dem Grund, weil wir uns auf diese Weise menschlich fühlen. Ohne Grenzen wären wir alles. Wir wären allumfassende, bedingungslos liebende Wesen, hätten alles Wissen in uns und wären unsterblich. Wir nehmen uns für gewöhnlich nicht auf diese Weise wahr. Was jedoch nicht bedeuten muss, dass wir es nicht sind.

Grenzen haben, heißt menschlich sein. An Grenzen stoßen ist menschlich. Grenzen zu meiden ebenfalls. In Grenzerfahrungen zu sein, Grenzen zu weiten und diese auszudehnen, sich zu entfalten, zu reifen, zu lernen und immer größer zu werden ebenso. Ohne Grenzen gibt es den Menschen nicht mehr. Kein Ich, kein du und auch kein wir. Das gibt es nur durch Begrenztheit.

Grenzen sind etwas zutiefst menschliches. Sie machen uns zu dem, was wir sind. Durch sie können wir viele unterschiedliche Erfahrungen machen. Vom tiefsten Leid bis zur höchsten Selbstwerdung. Ohne Grenzen gäbe es nur endlose Weite und Leere. Deshalb sind unsere Begrenzungen nicht dafür da, um vernichtet oder aufgehoben zu werden. Durch unsere Grenzen sind wir jemand. Ohne sie sind wir nur da. Nur da zu sein, ist das Größte, was wir erfahren können. Auch wenn dies einen unendlich langweiligen Eindruck auf uns macht, ist es tatsächlich das Höchste, Beste und Schwierigste, was es zu erreichen gibt. Mehr nicht. Danach gibt es nichts mehr. Sind wir im Sein aufgegangen, dann ist Schluss mit jeglicher Erfahrung. Bis dahin können wir jedoch mutig und fröhlich mit unseren Grenzen spielen. Lust entwickeln, mehr von dem zu sein, was wir sind. Uns weiten und ausdehnen. Wieder tief hinabsteigen, eng und finster werden. Darüber hinaus wachsen, Erfahrungen machen und alles, was wir sind mit anderen teilen. Für andere da sein, gemeinsam wachsen und immer wieder einfach nur da sein.

Und keine Angst, bei alledem, kann es uns niemals wirklich an den Kragen gehen. Das, was wir sind, ist unveränderlich immer da. Es sind die Grenzen, die einfallen, denen zu Leibe gerückt wird und die vernichtet werden können, niemals das, was wir sind. Wenn wir allerdings glauben, dass wir die Grenzen sind und nicht das, was sich in der Begrenztheit erfährt, dann kann das sehr beängstigend werden. Dann sieht es so aus, als könnten wir zerstört werden und müssen uns natürlich bewachen und verteidigen.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt – über die Ebenen der Verbundenheit

sadness-451917_1920Wenn wir jemanden lieben, dann fühlen wir uns mit demjenigen besonders verbunden. Ist diese Verbundenheit auf irgendeine Weise gestört, dann beginnen wir zu hoffen. Wir entwickeln optimistische Vorstellungen, Erfolg versprechende Erwartung und positive Wünsche, die recht bald in Erfüllung gehen sollen. Mit unserer Hoffnung bauen wir eine Brücke zwischen dem, was tatsächlich ist, uns aber nicht gefällt oder gut tut und dem, was werden soll und auf jeden Fall besser sein wird.

Hoffnung kann über Jahrzehnte aufrecht erhalten werden. Es gibt zwar keine Garantie, dass wir durch unsere Hoffnung das bekommen, wonach wir uns sehnen, doch sie hält uns in der Zuversicht und in dem Glauben, dass alles besser wird. Diese innere Haltung kann unsere Handlungen, unser Wohlgefühl und unsere Verhaltensweisen zutiefst beeinflussen. Sie kann uns über schwere Zeiten tragen und unser Leben retten. Doch wenn die Hoffnung stirbt, wir nicht mehr daran glauben, dass es besser wird, dann kann das Pendel in die andere Richtung ausschlagen. Depressive Zustände, Panik, Niedergeschlagenheit und Sinnlosigkeit können dann an die Stelle von Hoffnung und Zuversicht treten.

In Beziehungen neigen wir Menschen dazu, fehlende Verbundenheit mit Hoffnung zu überbrücken, um die Zeit der Entbehrung, Entsagung, des Mangels und der Trennung besser aushalten zu können.

Auf ganz tiefer Ebene sind alle Menschen miteinander verbunden, daher heißt es auch oft, dass die Liebe uns alle vereint. Diese Verbundenheit ist immer da, ob wir sie fühlen oder wahrnehmen können oder nicht, ändert nichts daran. Es ist eine Verbundenheit, die da ist und niemals zerstört werden kann. Normalerweise können wir uns in diese tiefe allumfassende Verbundenheit nicht hineinversetzen und sie auch nicht vollends begreifen, da wir andere Formen von Verbundenheit in unserem Alltag erleben und gelernt haben. Dort, wo wir unzertrennlich und immerwährend miteinander verbunden sind, wird sich dies auch nie ändern. Doch auf all den anderen Ebenen der Verbundenheit, können wir uns voneinander abtrennen. Der Unterschied zwischen der ursprünglichen unzerstörbaren und der eingeschränkten endlichen Form von Verbundenheit liegt darin, dass die erste Form von unserem Wesen ausgeht und die zweite Form ein Ausdruck unseres Wesens darstellt.

In unserem Wesen sind wir unzertrennlich. Im Ausdruck unseres Wesens können wir uns lösen, separieren, abkoppeln, isolieren, entfremden, wegdrehen, dicht machen, keine Worte finden, nicht aufeinander eingehen, wegstoßen, verurteilen und aneinander vorbei leben – wodurch wir anhaltende Trennung erzeugen können.

Auf der Ebene unseres Ausdrucks gibt es unterschiedliche Formen und Qualitäten von Verbundenheit. In einer Beziehung zwischen zwei Menschen kann dies in drei Bereiche eingeteilt werden. Wir können geistig, emotional und körperlich miteinander verbunden sein.

Unser zwischenmenschlicher Kontakt kann unterschiedliche Qualitäten haben. Wenn wir miteinander reden, dann kann das ein inspirierender geistiger persönlicher Austausch sein, es kann aber auch sein, dass einer den anderen belehrt, nur von sich erzählen möchte oder sogar angriffslustig den Gegenüber beschimpft. Die Qualität, mit der wir in Verbindung gehen, zeigt uns, wie sehr wir versuchen, abgetrennt voneinander zu sein oder uns annähern möchten. Wenn wir uns gegenseitig hassen und verachten, dann sind wir miteinander verbunden und halten uns dabei permanent auf Abstand. Sind wir dagegen wertschätzend und zuversichtlich miteinander, dann nähern wir uns in der Verbundenheit einander an.

In einer Beziehung zwischen zwei Menschen kann die Verbundenheit auf verschiedene Weise gestört sein. Wenn ich eine Paarbeziehung untersuche, dann schaue ich mir die geistige, seelische und körperliche Verbundenheit genauer an:

Geistige Ebene – Kommunikation, Austausch, gemeinsame Visionen und Werte

Auf der geistigen Ebene kann die Kommunikation gestört sein, wenn einer mit dem anderen nicht redet, dann kann das zu vielen Missverständnissen führen oder der, mit dem nicht gesprochen wird, fühlt sich unverstanden oder sogar abgelehnt. Oft weiß derjenige, der nicht spricht, einfach nicht, wie er sich ausdrücken soll, ist verunsichert oder hat es nicht gelernt, sich offen verbal auszutauschen, weil es in dessen Familie nicht üblich war, miteinander zu reden.

Auf der geistigen Ebene gibt es eine sehr sichere und verbreitete Form, sich gegenseitig auf Abstand zu halten: das Urteil. Wenn wir etwas stark verurteilen, beurteilen oder bewerten, dann wehren wir es ab. Das ist grundsätzlich schlecht, doch wenn es permanent geschieht, dann erzeugen wir unentwegt Trennung, Ablehnung und Geringschätzung.

Eine weitere Störung auf der geistigen Ebene von Verbundenheit, die so sehr verbreitet und daher in fast jeder Beziehung üblich ist, ist die Angewohnheit, dem anderen zu sagen, dass er anders sein soll. Dies ist wie eine ansteckende Epidemie. Eltern sagen es ihren Kindern, Kindern ihren Eltern, Frauen ihren Männern, Männern ihren Frauen usw.. Oft können wir uns selbst nicht so nehmen, wie wir sind und wurden schon von unseren Eltern auf diese Weise drangsaliert. Daher empfinden wir es als völlig normal, unserem Gegenüber andauernd signalisieren zu müssen, wie er sein oder nicht sein soll. Prinzipiell kann eine Bemerkung darüber, dass wir jemanden gern anders hätten oder dass uns etwas missfällt, vollkommen in Ordnung sein. Doch wenn wir immer wieder in allen erdenklichen Varianten unserem Gegenüber nahe legen, dass er so wie er ist, nicht richtig ist, er es anders machen, denken oder fühlen soll, dann ist das nicht nur anmaßend, sondern kann sehr abstoßend und zerstörerisch wirken.

Manchmal finden Paare auf dieser Ebene auch nicht zueinander, weil ihre Visionen und Werte nicht übereinstimmen. Ein Klassiker sind hier die Streitereien, die sich manchmal durch die gemeinsame Kindererziehung ergeben. Viele unserer Werte übernehmen wir von unseren Eltern. Wenn diese unreflektiert sind und nie in Frage gestellt wurden, dann übernehmen wir sie blind und sind meist auch nicht offen für etwas Neues. Auch gemeinsame Pläne, wie zusammen ziehen, Kinder kriegen, eine bestimmte Lebensweise oder heiraten können scheitern, wenn wir zu unterschiedliche Vorstellungen von unserem Leben haben. Kommen wir hier nicht zusammen oder gehen wir Kompromisse ein, anstatt einen Konsens zu finden, dann kann das zu Leid und Unzufriedenheit führen.

Seelische Ebene – Liebe, Mitgefühl, Verantwortung und Gefühle

Unverbundenheit auf der seelischen Ebene resultiert immer aus der Abgegrenztheit zu den eigenen Gefühlen. Fühlen wir uns selber nicht, weil wir nicht wollen oder können, dann fühlen wir auf dieser Ebene auch keine Verbundenheit zu unseren Mitmenschen. Leider ist auch dies ein sehr verbreitetes Phänomen. Wir können spüren, ob uns jemand seelisch an sich heran lässt oder uns auf Abstand hält. Meistens haben wir diese Erfahrung schon als Kinder bei einem oder beiden Eltern gemacht. Sich gefühlsmäßig nicht richtig nah sein zu können, kann in Beziehungen sehr verunsichernd sein. Wir fühlen uns dann bei dem anderen nicht gut aufgehoben, haltlos und allein gelassen. Derjenige, der sich verbinden will, perlt am Gegenüber regelrecht ab. Derjenige, der sich seelisch nicht verbinden kann, wird dies kaum bemerken und versteht meistens auch nicht, wovon der andere spricht, wenn er sich seelisch nicht aufgehoben fühlt. Seelische Nähe wird hier als bedrohlich empfunden und instinktiv verhindert.

Wir Menschen können auf der seelischen Ebene sehr belastet sein. Eigene oder familiäre Traumatisierungen, unverarbeitete Trauer, seelischer Schmerz oder Selbstentfremdung können seelische Verbundenheit unmöglich machen. Solche Belastungen führen dazu, dass ein Mensch alle anderen Menschen permanent abwehrt oder sich selber dem Gegenüber immer wieder entzieht. Diese Formen von Unverbundenheit mussten viele Erwachsene als Kinder bei ihren Eltern schon erleben. Solche Bindungsstörungen oder -traumata haben oft zur Folge, dass alle nachfolgenden Beziehungen auch nicht nah, gemeinschaftlich, vertrauensvoll, innig, freundlich und freundschaftlich gelebt werden können, weil es nicht gelernt wurde, seelisch gesund, teilnahmsvoll und herzlich verbunden zu sein. Bindungstraumata können Menschen zutiefst verunsichern und dazu führen, dass Beziehungen ständig kontrolliert werden müssen.

Körperliche Ebene – Sexualität, Berührung, Sinnlichkeit und Umarmungen

Auf der körperlichen Ebene ist für uns Menschen die Unverbundenheit am deutlichsten. Menschliche Körper sind getrennt voneinander. Daher ist der körperlicher Kontakt, die klarste und handfesteste Verbindung, die wir eingehen können. Unsere Körper sind von sich aus neutral. Sie wollen nichts geben und nichts bekommen. Daher ist absichts- und bedürfnisloses Umarmen, Berühren oder Beieinanderliegen im Grunde das natürlichste der Welt.

Oft geht in Paarbeziehungen die Körperlichkeit im Laufe der Jahre verloren. Es gibt keinen Sex mehr oder im Alltag wird sich nicht mehr berührt oder geküsst. Die körperliche Unverbundenheit kann viele Ursachen haben. Meistens sind es seelische Probleme, die hier die Nähe verhindern. Es kann aber auch sein, dass der Partner uninteressant, langweilig oder unattraktiv für den anderen geworden ist. Wenn der körperliche Kontakt schleichend verschwindet, dann helfen auch oft keine Gespräche mehr. Diese können sogar dazu führen, dass sich die Situation immer mehr verfestigt.

Haben wir unsere gemeinsame Körperlichkeit verloren, dann kann Paartherapie hilfreich sein, um sich einander wieder anzunähern. Hier können Vorstellungen, Vorlieben, Verletzungen oder Bedürfnisse offen zur Sprache gebracht werden, es kann neue Impulse für den Alltag geben oder es werden gemeinsame Strategien entwickelt, wenn sich das Paar dies wünscht, um sich körperlich wieder näher zu kommen.

Grundsätzlich ist die Körperebene, wenn sie nur für sich steht, eine eher unkomplizierte Ebene. Körper lieben Berührung und Kontakt. Um körperliche Unverbundenheit zu überwinden, müssen wir uns im Grunde nur betasten, beieinanderliegen, küssen, streicheln oder umarmen. Je absichtsloser, desto besser. Oft werden durch Körperkontakt jedoch eine Vielzahl von Bedürfnissen geweckt. Dazu gehören sexuelle Befriedigung, sich sicher und geborgen fühlen zu wollen, gesehen, wertgeschätzt oder attraktiv sein zu wollen. Diese Bedürfnisse gehören nicht zu unserem Körper, sondern zu unserem geistig-seelischen Ausdruck. Richten wir starke Bedürfnisse auf unseren Gegenüber, dann wirkt dies in der Regel abstoßend und führt zu Zurückweisung und Ablehnung. Am deutlichsten zeigen uns unsere Mitmenschen dies, indem sie uns körperlich auf Abstand halten.

Finden wir Menschen auf diesen Ebenen nicht zueinander, dann können wir viel Hoffnung, jedoch auch einige Ängste entwickeln. Es sind solche Ängste, die durch das Hoffen überhaupt erst entstehen, da wir ja nie genau wissen, ob unsere Erwartungen erfüllt werden, also, ob es jemals besser wird.

Die alte Redewendung – die Hoffnung stirbt zuletzt – sagt, dass wir unsere Erwartungen als letztes aufgeben. Wir halten lieber einem inneren Zustand der Zuversicht aufrecht, um nicht verzweifeln zu müssen, weil wir uns vielleicht nicht schlecht fühlen oder etwas ändern wollen. Deshalb gehen Hoffnung und Leid immer Hand in Hand. Dabei können uns gerade negative Gefühle sehr behilflich sein, wenn es darum geht, neue Entscheidungen im Leben zu treffen, intensiv mit uns in Kontakt zu kommen, kreativer zu werden oder uns besser abzugrenzen zu lernen. Hoffen wir unentwegt, anstatt uns irgendwann unserer realen inneren und äußeren Wirklichkeit zu stellen, dann kann es sein, dass wir wunderbare Lern- und Entwicklungschancen in unserem Leben einfach vorüberziehen lassen.

Hochsensibilität

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In meinem Praxisalltag begegnen mir immer wieder Menschen, die ein besonders offenes Wesen haben, welches ihnen unter Umständen sehr viel Schwierigkeiten bereiten kann. Wenn ich diese Menschen wahrnehme, dann erlebe ich in ihrem Geist und/oder in ihrer Gefühlswelt eine außergewöhnliche Offenheit.

Der Schatten einer solchen Offenheit ist der, dass eine große Offenheit im Geist, eine leichte Beeinflussbarkeit im Denken zur Folge haben kann. Eine hohe Sensibilität im Gefühl, eine hohe Empfindsamkeit nach sich zieht, zu Störungen im sozialen Verhalten führen kann, bis hin dazu, dass durch jahrelange seelische Überflutung mit fremden Gefühlen, Krankheiten entstehen können.

Hochsensibilität kann geistig, seelisch und körperlich sein. In diesem Artikel geht es um die geistige und seelische Hochsensibilität, wie ich sie während meiner Wahrnehmungsarbeit bei anderen Menschen erlebe. Teilen wir einen Menschen in zwei Ebenen: Verstand und Gefühl, dann ist es möglich, jede einzelne Ebene ganz konkret wahrzunehmen. Die geistige Verstandesebene ist unsere Erwachsenenebene, die seelische Gefühlsebene bezeichnet man auch als inneres Kind.

Diese beiden Ebenen sind entweder offen und weit, also hochsensibel, oder festgelegt und klar umrissen. Das können wir Menschen uns nicht aussuchen. Entweder wir haben von Natur aus ein geistig offenes oder ein geistig festgelegtes Wesen. Auf der Gefühlsebene ein emotional empfängliches oder ein ausstrahlendes Wesen. Gut ist hier, wenn wir über unser Wesen ein Bewusstsein entwickeln, denn das kann uns im Leben viel Leid ersparen.

Menschen, bei denen die Gefühlsebene offen ist, werden meist als hochsensibel bezeichnet. Sie sind sehr anfällig für seelische Krankheiten, wie Angststörungen, Psychosen, Depressionen, ADHS und auch für Zwänge. Menschen, dessen Geist besonders offen ist, werden als geistig flexibel, rege und als klar wahrgenommen. Sie neigen unter widrigen Umständen zu neurotischen Störungen, Verfolgungswahn, zu geistigen Überhöhungen oder Abgehobenheit.

Hochsensibilität auf der Ebene des Geistes, des Denkvermögens und des Verstandes bedeutet, dass Menschen einen sehr offen und weiten Geist haben. Ihre Auffassungsgabe ist enorm und sie haben viel Interesse an neuen geistigen Inspirationen. Zu enge Sichtweisen und zu starr festgelegte geistige Strukturen und Meinungen empfinden diese Menschen als langweilig, beschränkt und einengend. Sie wollen in den geistigen Weiten unterwegs sein, lieben neue frische innovative Gedanken und einen regen Austausch.

So ein offener Geist kann viel leichter von außen manipuliert werden. Meinungen, Ideologien und Theorien werden problemlos aufgenommen werden und dann die geistige Offenheit verstellen und blockieren. Geistig offene Menschen neigen außerdem dazu, ihren Geist permanent zu füttern, was dazu führt, dass sie sich ständig mit irgendwelchen Themen auseinander setzen oder als wandelndes Lexikon unterwegs sind, einfach nur, um auf dieser Ebene zur Geltung zu kommen, um jemand zu sein. Ohne dies würden sie wahrnehmen, dass ihr Geist weit und leer ist. Dies zu erleben, ohne zu wissen, dass diese weite Leere ein natürlicher Zustand ist, kann verunsichernd und verwirrend sein. Dann kommt es oft vor, dass sie sich als dumm, geistig unbeständig und als wankelmütig selbst abwerten, doch in Wirklichkeit ist ihr Geist weit offen und sehr aufnahmefähig. Er kann viele verschiedenen Wahrheiten nebeneinander stehen lassen und mag es nicht, sich festzulegen, da dies einfach nicht seiner Natur entspricht. Der festgelegte Geist, im Gegensatz zum offenen Geist, bewegt sich in feststehenden, geregelten und entschiedenen geistigen Strukturen, die in der Regel auch nicht verlassen werden. Ein festgelegter Geist ist ebenfalls ein natürlicher Zustand. Er gibt immer etwas vor, grenzt ein und ab. Eine Meinung wird höchstens durch eine andere ausgetauscht. Das FestgelegtSein ist dessen Natur.

Hochsensibilität auf der geistigen Ebene heißt: dort zu Hause zu sein, wo der Geist empfänglich, offen, leer und weit ist. Jemand mit solch einem Geist, kann seine geistige Leerheit entdecken und erleben, dass aus dessen Tiefe ungeahnte Weisheit aufsteigen kann.

Hochsensibilität auf der Ebene der Gefühle bedeutet, dass ein Mensch eine sehr offene, ausgedehnte, weite und aufnahmefähige Gefühlswelt besitzt. Ich bezeichne solche Menschen auch gern als “emotionale Staubsauger”. Sie spüren meist die Gefühle anderer Menschen und die Atmosphäre um sich herum deutlicher, als sich selbst. Leider haben sie auf der Ebene der Gefühle keine Grenzen, so dass außen immer gleich innen ist. In der Gegenwart anderer Menschen oder durch seelische Verstrickungen mit der Familie, verlieren sie ihr Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und können sich nicht mehr am eigenen Gefühl orientieren, bis dahin, dass sie ihre eigene Identität verlieren.

Solche Menschen lieben den Rückzug und meiden instinktiv Menschenmassen. Sie sind in Gruppen schnell überlastet und überfordert. In der Natur fühlen sie sich wohl, da die aufbauende und nährende Energie eines Waldes oder einer Wiese ihnen besonders gut tut. Hochsensible Menschen können große Ladungen fremder Gefühle in sich aufnehmen, was in ihnen enormes Unwohlsein und Ängste auslösen kann. Gibt es in der Familie Traumatisierungen, die nicht verarbeitet wurden, dann haben Hochsensieble diese in der Regel in sich drin, fühlen sich psychisch gestört oder müssen mit viel Mühe

Hochsensible Kinder nehmen all die Gefühle, die ihre Eltern unterdrücken, automatisch in sich auf, schreien, weinen und toben über Jahre hinweg und keiner weiß, was mit ihnen los ist. Sie haben keine Wahl. Das, was andere Menschen emotional ausstrahlen, wird von ihnen empfangen. Deshalb ist es für hochsensible Erwachsene wichtig, dass sie sich mit Menschen umgeben, die nicht all zu gestört, die authentisch und freundlich sind. Hochsensible Menschen erlebe ich oft als eher unemotional. Der stille weite See ihrer Gefühlswelt zeigt nur wenig Wellen. Sie sind emotionale Empfänger. Ist ihnen dies nicht bewusst, dann halten sie sich für falsch und denken, dass sie viel gefühlvoller sein müssten. Zudem können sie annehmen, sie seien seelisch gestört, wenn sie mit fremden Gefühlen identifiziert sind und diese immer wieder heraus weinen oder schreien. Da sie andere Menschen häufig nicht ertragen können, weil sie deren Gefühle und Ausstrahlungen zu stark empfangen, greifen sie auch gern zu Drogen, um ihre Ruhe zu haben und besser entspannen zu können.

Auf dieser Ebene so offen und empfänglich zu sein bedeutet, dass man immer genau spürt, wie die Atmosphäre im Raum ist und wie es anderen Menschen geht. Hat die Person jedoch kein Bewusstsein über ihr Wesen, dann ist diese Begabung mehr ein Fluch, als ein Segen.

Beide Formen der Hochsensibilität können komplett verstellt sein, so dass die Person nicht wahrnehmen und erleben kann, wie weit, offen und empfänglich sie eigentlich ist. Auf der geistigen Ebene können sorgenvolle Grübeleien, Organisationszwänge, Informationsfluten, Ideologien, Überzeugungen aus dem Umfeld und zu viel Kommunikation den weiten kreativen Geist verstellen. Auf der seelischen Ebene können eigene Traumatisierungen und seelische Verletzungen, unverarbeitete Trennungen und fremde Gefühle, die für die Eigenen gehalten werden, die von Natur aus weit ausgedehnte Seele blockieren und belasten.

Muster lösen

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Wir Menschen entwickeln Denk-, Verhaltens-, und Reaktionsmuster und halten diese aufrecht. Manche davon sind nicht sehr sinnvoll, nicht nützlich in Beziehungen oder sogar lebensfeindlich.

Wie können wir also Muster, die uns hinderlich, überflüssig oder  schwächend erscheinen, wirksam ändern?

Um Muster (ab)lösen zu können, müssen sie uns erst eimal bewusst werden. Sie müssen durch unsere bewusste Persönlichkeit laufen und von uns wahrgenommen oder bewusst erlebt werden, um dann erneuert, genauer gesagt: ersetzt werden zu können.

Muster lösen durch Bewusstheit

Muster, denen wir tagtäglich folgen, sind klar umrissene Bewusstseinsformen, die von unserem Gehirn gespeichert werden, um automatisch ablaufen zu können. Von den alltäglichen Angewohnheiten bis zur scheinbar unüberwindlichen Zwangshandlung – das Hirn speichert, hauptsache Befriedigung, Beglückung oder Wohlbehagen treten ein.  Bewusstsein an sich hat keine bestimmte Form. Wir geben dem Bewusstsein im Laufe der Jahre seine Prägung und halten diese in uns aufrecht. Unser Gehirn speichert also das, womit es regelmäßig versorgt wird und wiederholt das, was Glück verspricht.

Versuchen wir Muster durch Bewusstheit zu lösen, dann beobachten wir unsere Muster ohne sie zu analysieren. Wir leben unser Muster weiter, wie bisher und sind ganz wach und aufmerksam dabei: Wir registrieren ganz genau, wie wir wieder weiter arbeiten, obwohl wir müde sind. Wir bekommen mit, wie wir für andere etwas organisieren, obwohl wir selber genug um die Ohren haben. Es wird plötzlich ganz klar, wie sehr wir uns unter Druck setzen, streng mit uns sind und uns innerlich mit hohen Ansprüchen antreiben. Und sind ganz bei der Sache, während wir wieder Wäscheberge oder Schreibtischchaos produzieren. Wir sind ganz wach und anwesend, während wir unseren Programmen folgen. Der Unterschied zu vorher ist, dass nun unser Muster intensiver, deutlicher und genauer von uns erlebt wird. Das Muster ist nicht mehr allein – wir sind dabei!

Durch Bewusstheit lassen sich Muster nicht löschen. Sie werden greifbarer und können abgeschwächt werden, da sie zunehmend ihre Überlegenheit verlieren. In jedem Moment, in dem wir wach und aufmerksam bei uns sind oder wertfrei unser Muster beschreiben, wird es schwächer. Jedes Mal, wenn wir unserem Muster folgen, es leben oder analysieren, halten wir es am Leben und stärken es.

Muster lösen durch Weigerung

Haben wir das Muster erst einmal erkannt, dann können wir uns weigern, es zu leben, es auszuführen und zu bedienen. Weigerung ist eine Gabe des Willens. Das liegt nicht Jedem. Menschen, die sehr trotzig, dickköpfig und eigenwillig sein können, haben hier gute Karten. Sie können sich verweigern. Ihre Kraft, etwas abzulehnen, kann dazu führen, dass eingefahrene Muster keine Chance mehr haben.

Das vertraute Muster wird einfach unterbrochen: Stopp, das mache ich nicht mehr! Das will ich nicht mehr! Halt, so nicht weiter! Dafür stehe ich nicht länger zur Verfügung! Diese Methode muss jedoch sehr konsequent über längere Zeit durchgehalten werden, denn nur dann kann das Muster nachhaltig geschwächt werden. Ein Muster lebt, wenn wir es durchleben. Weigern wir uns, es zu durchleben, dann verkümmert es.

Besonders bei Süchten aller Art, kann es sehr hilfreich sein, einen Entzug zu machen, indem die Substanzen und Angewohnheiten komplett verweigert werden. Hier ist ein radikaler Verzicht oft unumgänglich, um entweder überhaupt davon weg kommen zu können, wenn es keine Kontrolle mehr gibt oder um ein gesundes Maß an Genuss, Unterhaltung und Zeitvertreib wieder zu erlangen. Denn das Verlangen nach Glücksmomenten bzw. -hormonen, das hier eine große Rolle spielt, egal um welche Sucht es sich handelt, kann sich durch Entsagung wieder regulieren.

Eine Weigerung funktioniert jedoch nicht, wenn es um starke Traumatisierungen geht. Hier kann unser Wille nicht all zu viel ausrichten, da Traumatisierungen oft an zu viel Angst gekoppelt sind und entsprechende emotionale Reaktionen erzeugen können, die allein durch unseren Willen nicht aufzuhalten sind. Hier ist eine mittragende Begleitung ratsam, in der starke Emotionen vielleicht sogar körperlich mitgehalten werden und die Erfahrung gemacht werden kann, dass nichts Schlimmes passiert, wir stattdessen fühlbaren Halt und Schutz bekommen.

Muster lösen durch Ersatzmuster

Wenn wir unseren gewohnten Mustern nicht mehr folgen wollen, dann brauchen wir Alternativen, die wir denken, mit denen wir reagieren und handeln können, so dass das alte Muster überschrieben werden kann. Unser Gehirn ist absolut bereit dazu, sich umzustellen, wenn wir ihm neue Muster anbieten. Natürlich geht das nicht von heut auf morgen, wir müssen üben und dran bleiben, bis das Neue für uns zur Normalität geworden ist – unser Gehirn mit dem Einspeichern fertig ist.

Ganz praktisch funktioniert das so, dass wir etwas tun, was für uns ganz persönlich eine annehmbare Alternative darstellt. Eine Strategie, die etwas besser, gesünder oder sinnvoller ist, als das, was vorher war. Das Neue sollte machbar sein, keine zu große Veränderung, denn wenn sie zu groß ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir in alte Muster zurück fallen, weil wir nicht durchhalten.

Am Anfang muss der Wechsel keineswegs perfekt sein. Unsere alten Muster sind da und sie werden in uns auftauchen, wenn sie das für nötig halten. Wenn das Muster auftaucht, dann haben wir nun aber die Wahl in unsere neue Strategie zu wechseln. Gut sind hier immer alle Strategien, die unserem Wesen entsprechen, denn diese fallen uns von Natur aus leichter, als Strategien, die von guten Ratschlägen ausgehen, also all jene Vorstellungen, die vielleicht für andere passen, aber nicht für uns.

Hier ein paar Anregungen:

Altes Muster: Sie schaut immer danach, wie es den Anderen geht, was andere sagen und tun, bis sie sich selber nicht mehr spürt und kennt. Neues Muster: Sie bezieht sich in ihre Aufmerksamkeit mit ein und nimmt wahr, wie es ihr selber geht und was sie denkt und bringt sich damit in die Beziehungen ein.

Er stellt sich im Gespräch über seine Mitmenschen, indem er belehrt und urteilt. *** Er fragt offen und interessiert, wie es dem Anderen geht und was dieser erlebt hat.

Sie fühlt Überlastung und lässt ihre Spannungen an der Familie ab. *** Sie fühlt Überlastung und tut sich etwas Gutes.

Er fühlt sich verunsichert und führt im Gespräch Monologe, um sich sicherer zu fühlen. *** Er fühlt sich verunsichert und kommuniziert dies kurz, um wieder im Kontakt sein zu können.

Sie ist unzufrieden und nörgelt an ihrem Mann herum. *** Sie ist unzufrieden und bittet ihrem Mann, ihr zu zu hören, so dass sie über ihre Gefühle sprechen kann.

Er will seine Ruhe haben und setzt sich an den Computer. *** Er will seine Ruhe haben und sucht einen Ort der Stille, wo er zu sich kommen kann.

Sie ist sehr aufgewühlt, weil eine Begegnung anders ausging, als sie es sich dachte. *** Sie ist sehr aufgewühlt, weil etwas anders gekommen ist, als sie dachte und lenkt sich ab, um sich nicht rein zu steigern.

Er fühlt sich ungenügend, was dazu führt, dass er immer mehr arbeitet. *** Er ist im Hier und Jetzt und tut nur Dinge, die anstehen und in diesem Moment erledigt werden können.

Sie sorgt sich immer wieder um die Zukunft. *** Sie kümmert sich darum, dass sie jetzt in diesem Moment geistig, seelisch und körperlich gut versorgt ist.

Er muss ständig etwas unternehmen, um seine innere Unruhe zu bändigen, was ihn erschöpft. *** Er unternimmt Dinge, die ihn nähren und beruhigen.

Sie verteidigt sich immer, wenn jemand sie kritisiert. *** Sie spricht darüber, wie es sie angreift, wenn ihr das Gefühl gegeben wird, nicht richtig zu sein.

Er ist verwirrt und fühlt sich nicht mehr, wenn seine Frau Gefühle zeigt oder Spannungen hat. *** Er kommuniziert, was ihm entgegen kommt und zeigt Mitgefühl.

Sie ist schüchtern und hält sich für dumm. *** Sie spürt ihr liebevolles Wesen und interessiert sich dafür, wie es dem Anderen geht.

Er wird laut und schreit andere an, wenn der Stresspegel ansteigt. *** Er will die Dinge so wie sie sich zeigen und sagt kraftvoll und bestimmt, wo seine Grenzen sind.

Sie fühlt sich deprimiert, weil keiner sie liebt, wertschätzt und sieht. *** Sie geht liebevoll mit sich um, ist gut und aufmerksam mit sich und anderen.

Er versucht immer gut zu sein, um keine Konflikte zu erzeugen. *** Er bemüht sich um angemessenes Verhalten, was Grenzen und Konflikte mit einbezieht.

Sie fühlt sich für alles und jeden verantwortlich. *** Sie lenkt ihr Verantwortungsgefühl und ihre Fürsorge mehr und mehr zu sich selbst.

Wirklich starke Muster, die massive psychische Belastungen kompensieren müssen, lassen sich nicht so leicht verändern, da sie zu unseren hochwirksamen Sicherheitsvorkehrungen gehören, so dass wir innerlich im Gleichgewicht bleiben können. Hier ist es ratsam, sich Unterstützung zu holen, bis Veränderungen nicht mehr als „gefährlich“ empfunden werden. Veränderungen dürfen nervig sein, keinen Spass machen, langweilig, aufregend oder langwierig sein, sie dürfen auch alles durcheinander bringen oder mühsam erscheinen, aber sie sollten für unser Innerstes keine Bedrohung darstellen. Das nutzt niemandem.

Geht nicht – gibt’s doch! – Wenn Veränderungen nicht möglich sind

Geht nicht gibt's doch!Wenn wir Veränderungen wollen und diese nicht gelingen, dann liegt es meist daran, dass wir einem unbewussten inneren Plan folgen und deshalb nicht mit unseren bewussten Entscheidungen mitgehen können.

Dieser innere Plan besteht aus unbewussten Mustern, die uns an vertrauten Lebensumständen, Handlungen oder Personen festhalten lassen. Nicht nur an genussvollen, nützlichen und schönen, sondern auch an solchen, die uns vielleicht schon längere Zeit nicht mehr gut tun.

Fühlen wir uns seit längerer Zeit unwohl, leiden wir, sind wir traurig, krank oder permanent verärgert, dann werden uns unsere Mitmenschen vielleicht schon mal gesagt haben: Du musst jetzt etwas ändern! Doch das ist oft gar nicht so einfach, denn wenn wir es mit unbewussten Mustern zu tun haben, dann werden diese dafür sorgen, dass die bestehenden Lebensumstände aufrecht erhalten werden. Selbst wenn wir ganz entschlossen sind Veränderungen vorzunehmen, können diese Muster eine Kraft entwickeln, die viel stärker ist, als unsere Vernunft. Denn es geht hier um unsere tiefen, schon früh angelegten Überlebensmuster, die uns Halt und Sicherheit geben und zudem für unser soziales Überleben sorgen. Sie bestimmen letztendlich, was gelebt wird und was nicht.

Die Auswirkungen solcher Muster können ganz unterschiedlich sein:

  1. Die Beziehung ist längst vorbei, sie will sich neu verlieben und trotzdem kann sie den Exmann nicht loslassen.

  2. Es ist völlig klar, dass es nicht richtig ist, sich für andere erwachsene Menschen ständig verantwortlich zu fühlen, doch immer wieder springt dieser Impuls an, sich um andere zu sorgen, sich zu kümmern und ihnen ungefragt zu helfen.

  3. Er reagiert auf das Leben immer wieder so angepasst und harmonisierend, dass er nach Außen unschlüssig und schwach wirkt.

  4. Die lieb gewordenen Angewohnheiten, zu viel zu essen, zu trinken, zu arbeiten, zu rauchen, zu zocken, zu kiffen, ständig einzukaufen oder vor dem Rechner zu sitzen, sind gesundheitsschädlich und selbstentfremdend, doch für viele Menschen lässt sich das Maß einfach nicht so leicht regulieren.

  5. Der Job quält ihn schon seit vielen Jahren, doch er kann sich keinen neuen suchen.

  6. Sie hat all die vielen schmerzhaften Symptome, weiß dass sie Ruhe braucht und doch kann sie nicht aufhören, immer beschäftigt zu sein.

  7. Die Wohnung liegt ungünstig und ist zu teuer und trotzdem kann er nicht umziehen.

  8. Der Sohn ist schon ende zwanzig, wohnt noch im Elternhaus und niemand in der Familie ist in der Lage, daran etwas zu ändern, obwohl der Schritt in die Eigenständigkeit gut für ihn wäre.

  9. Die Wohnung ist unordentlich und schmutzig. Sie kann keine Ordnung halten. Wenn sie alles aufgeräumt und schön gemacht hat, sieht die Wohnung in kürzester Zeit wieder aus wie vorher.

  10. Sie liebt ihre Kinder, will nur das Beste und doch ist sie immer wieder kalt, vorwurfsvoll und aggressiv.

  11. Er knabbert an den Nägeln, fasst sich immer wieder an die Nase und wippt ununterbrochen mit dem Bein. Nur mit viel Konzentration lassen sich diese Ticks für kurze Zeit unterdrücken.

  12. Viele schlaflose Nächte hat sie schon hinter sich. Langsam lassen die Kräfte nach. So sehr sie sich auch bemüht einzuschlafen, sie bleibt wach.

Sind unbewusste Muster aktiv, dann haben wir keine freie Wahl mehr über unsere Reaktionen, Handlungen oder über unser Erleben. Wir müssen ihnen folgen, ob wir das gut finden oder nicht. Oft wissen wir ganz genau, dass wir so nicht weiter machen wollen und sollten. Es gab schon viele Versuche, es anders zu machen, etwas zu verbessern, loszulassen, dran zu bleiben oder wegzulassen, doch Vergebens. Nur einen Moment nicht aufgepasst und schon ist alles wie gehabt …

Warum ist das so?

Unsere Persönlichkeit ist im Grunde gar nicht in der Lage, von sich aus zu entscheiden, was in ihr auftauchen soll und was nicht. Sie ist nämlich so eine Art ausführendes Instrument unserer Instinkte, Gewohnheiten, Emotionen, Gedankenberge, Erfahrungen, Impulse und Automatismen. Einfach gesagt: vorgefertigte, festgelegte und eingeübte Muster nutzen unsere bewusste Persönlichkeit dazu, um in der jetzigen anstehenden Lebenssituationen das Überleben zu sichern.

Dabei ist es für diese Muster vollkommen nebensächlich, ob die momentane Reaktion oder Handlung angemessen ist, ob sie wirklich hilfreich, gesund oder gut für alle ist. Muster können nur so sein, wie sie irgendwann einmal festgelegt wurden. Über viele Jahre wurden sie „eintrainiert“. Sie sind im Gehirn durch entsprechende Vernetzungen festgeschrieben. Wir können also nicht anders sein, als unsere Muster es vorgeben. Im Bewusstsein unserer Persönlichkeit kann daher immer nur das auftauchen, was als Muster in uns angelegt ist. Deshalb stellen wir manchmal zurecht fest: Ich kann nicht anders. Ich bin eben so.

In dem Moment, in dem Muster in uns aufsteigen, denkt unsere Persönlichkeit jedoch immer, es wär ihr eigener Einfall, ihr eigenes freies Wollen, Handeln und Erleben. Doch in Wirklichkeit ist dieses Wollen, Handeln und Erleben gar nicht neu und frei. Unsere Persönlichkeit ist nur ein ausführendes Element, das jedoch so tut und oft auch zutiefst davon überzeugt ist, dass sie einen freien Willen, freie Entscheidungen und ein unabhängiges Erleben besitzt. Der bewusste Verstand, die Vernunft und das Wollen haben aber in Wirklichkeit absolut keine Wahl, wenn die angelegten unbewussten Muster etwas bestimmtes vor haben, wenn sie in uns auftauchen, um zum Ausdruck zu kommen.

Beispiele von Mustern, die stärker sind, als der Wille und die Vernunft (passend zu den oberen Beispielen):

  1. Menschen, denen es sehr schwer fällt, einen geliebten Menschen loszulassen, haben oft Muster in sich, mit denen sie seelisch inständig festhalten, weil sie entweder frühere Verluste nicht überwunden haben oder Schuldgefühle sie binden. Meistens wurde die Bindung zu den Eltern bereits in der Kindheit durch seelisches Anklammern gesichert.

  2. Menschen, die sich für andere Menschen zwangsläufig verantwortlich fühlen, haben mit diesem Muster schon versucht, ihre Eltern zu retten, zu beschützen und zu versorgen.

  3. Automatische Anpassungsreaktionen bieten einen permanenten Schutz, wenn das prägende Elternhaus bedrohlich oder verantwortungslos war.

  4. Suchtverhalten jeder Art gibt Halt und Struktur, es hilft, seelische Belastungen zu ertragen und von der momentanen Lebenssituation abzulenken. Oft gibt es Erfahrungen tiefer Verunsicherung und Haltlosigkeit, die noch nicht verarbeitet wurden.

  5. Veränderung erfolgreich verhindern, ist ein Muster, das sich entwickelt, wenn es unverarbeitete seelische Belastungen gibt oder wenn die Person durch frühe Bindungsstörungen oder Traumatisierungen zutiefst verunsichert ist.

  6. Ständig etwas tun zu müssen, ist ein Muster, das verhindern soll, sich selbst zu fühlen. Meistens ist das, was da aus dem Gefühl aufsteigen will, einfach zu schlimm und zu groß.

  7. An einem Ort festhalten kann eine große Hilfe und Stütze sein, wenn die Bindung zur Mutter gestört ist.

  8. Wenn Veränderungen in Familien nicht möglich sind, dann liegt das oft an einem übermäßigen Festhalten untereinander. Oft finden sich Traumatisierungen durch Vertreibung und andere schlimme Erlebnisse in vorangegangenen Generationen, die nicht verarbeitet wurden.

  9. Unordnung ist das Ergebnis von intensiver Ablenkung. Sich von dem momentanen Augenblick und vom eigenen Dasein abzulenken, kann helfen, sich zu entlasten. Manchmal ist es eine Folge von zu früher zu großer Verantwortung und schlechten Grenzen. Oft sind hier aber auch Formen von Selbstbestrafung durch unverarbeitete Schuldgefühle im Spiel.

  10. Kalt oder angriffslustig zu werden sind Selbstschutzmuster, die anspringen bei Überlastung, oft durch zu hohe Selbstansprüche und starke Schuldgefühle.

  11. Nägel beißen, mit dem Bein wippen sowie andere Ticks und Zwänge sind Muster, die dem Menschen helfen, sich sicherer zu fühlen, wenn Druck entsteht durch Selbstentfremdung. Diese Entfremdung kann unterschiedlichste Ursachen haben. Verborgene familiäre Belastungen, Bindungsstörungen, verkopft sein oder Identitätsschwäche sind nur einige davon.

  12. Schlaflosigkeit (wenn sie nicht durch hormonelle Störungen oder durch Mineralmangel ausgelöst wird) ist ein seelisches Muster, mit dem der Mensch sich selbst schützend bewachen möchte, wenn die Kindheit zu unsicher und beängstigend war. Bei symbiotischen Verstrickungen tritt Schlaflosigkeit auch oft als Symptom auf oder wenn es eine Überidentifikation mit der Arbeit gibt.

Etwas loslassen, etwas verändern, sich abgewöhnen wollen oder einfach anders, freier, weiter, gelassener, abgegrenzter, liebevoller, verbindlicher oder sonst etwas zu sein, ist nicht möglich, wenn unbewusste Muster unser Dasein mitbestimmen.

Seelische Muster sind immer stärker, als die bewusste Persönlichkeit.

im nächsten Artikel mehr dazu …